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Der fliegende Robert

Robert Habeck gilt bei den deutschen Grünen als das grösste Talent seit Joschka Fischer. Nun drängt der ehemalige Schriftsteller an die Spitze der Partei.

Den Blick in die Zukunft gerichtet: Robert Habeck, der pragmatische Realo, zischt durch die Gischt im Flensburger Hafen. Foto: Michael Staudt (Visum)
Den Blick in die Zukunft gerichtet: Robert Habeck, der pragmatische Realo, zischt durch die Gischt im Flensburger Hafen. Foto: Michael Staudt (Visum)

Der Mann macht eine ganz schöne Bugwelle. Seit Wochen erscheinen überall diese Bilder von Robert Habeck: Wie er auf einem Fischerboot durch die Gischt der Flensburger Förde schiesst, den Blick in die Zukunft gerichtet. Wie er in Jeans, Gummistiefeln und Fischerpullover über die geliebten Strände der Ostsee tanzt. Wie er auf Bauernhöfen langhaarige Rinder und rosa Ferkel schmust. Die Bilder sagen: Dieser Mann aus dem Norden ist ein Naturbursche, dieser Mann packt an, dieser Mann mag sich, dieser Mann ist eine Wucht.

Und Deutschland ist verführt. Der Charmeur mit Viertagebart und kunstvoll verstrubbelten Haaren ist gerade einer der Lieblinge der Nation. Viele halten den 48-Jährigen für eines der grössten politischen Talente der Republik, eine grüne Antwort auf den liberalen Christian Lindner oder die linke Sahra Wagenknecht. Dass Habeck blendend aussieht und zwanglos strahlt, schadet ihm bestimmt nicht. Viele finden seinen Intellekt noch aufregender.

Ein moderner Mann

In Talkshows segelt Habeck rhetorisch von der Schweinezucht zu Rousseau und zurück in zwei Minuten. Er denkt komplex und hat die Gabe, die Dinge trotzdem einfach zu sagen. Habeck hat das gelernt. Lange bevor er eher zufällig und spät in die Politik kam, war er Philosoph, Dichter und Schriftsteller. Als Student hatte er sich in die Philosophie Martin Heideggers vergraben, bis er kaum mehr herausfand. Seine Abschlussarbeit schrieb er über einen vergessenen deutschen Dichter der Romantik, seine Doktorarbeit über «literarische Ästhetizität». Zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch hat er bis 2009 ein Dutzend Bücher geschrieben: Gedichtübersetzungen von Paul Auster oder William B. Yeats, Kinder- und Jugend­romane, moderne schleswigsche Heimatromane, ein Theaterstück über den Matrosenaufstand von Kiel.

Habeck ist ein moderner Mann wie aus dem Bilderbuch. Sein ganzes Leben hat er sich mit seiner Frau auf Augenhöhe geteilt: Sie studierten zusammen, musizierten in Italien auf der Strasse, spielten Theater, doktorierten – Andrea Paluch über englische Lyrik –, bekamen bald vier Kinder, allesamt Söhne, und zogen sie gemeinsam auf. Beim Entscheid, gemeinsam zu schreiben, sagte Habeck später, sei es nicht nur darum gegangen, eine gemeinsame Sprache zu finden, sondern auch einen gemeinsamen, emanzipatorischen Lebensentwurf zu verwirklichen. Nur in die Politik ging Robert Habeck dann allein.

Eigentlich engagierte er sich damals nur für einen Radweg bei sich zu Hause und suchte politische Verbündete. Er landete bei den Grünen, die er cool fand, aber etwas müde. Da übernahm er den Laden einfach selbst. So einer ist ­Robert Habeck, immer alles oder nichts. Zwei Jahre später war er Chef der schleswig-holsteinischen Grünen, zehn Jahre später Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident in Kiel, 2012 war das. Dieses Amt übt er bis heute aus. Nachdem die rot-grüne Regierung im letzten Jahr abgewählt wurde, formte er mit den Christdemokraten und der FDP ohne Gekeife und im Nu eine innovative Jamaika-Koalition – es war sein bisheriges politisches Meisterstück.

«Es kann sein, dass das grüne Projekt in diesen Jahren zu Ende geht.»

Robert Habeck

Schon 2008 trug man dem coolen Küstenphilosophen den Vorsitz der Bundespartei an. Habeck sagte ab. Seine Kinder seien noch zu klein, als dass er die Familie im Stich lassen könnte. Jetzt ist er bereit. Im letzten Jahr kandidierte er in einer Urwahl als grüner Spitzenkandidat für die Bundestagswahl – und wurde vom langjährigen Parteichef Cem Özdemir nur um 75 Stimmen geschlagen. Am Samstag soll er nun dessen Nachfolger an der Parteispitze werden.

Aus Habecks Sicht ist es höchste Zeit: Wer in der heutigen Weltlage, in all diesen dramatischen Umbrüchen, glaube, politisch etwas beitragen zu können, der müsse «aus dem Quark» kommen. Mit 20 Euro mehr Kindergeld bewege man heute keine Wähler mehr. Grosse Probleme erforderten grosse Ideen und ein Denken in grossen Zusammenhängen. Deutschland und die Grünen stünden an einem Scheideweg. «Es kann sein, dass das grüne Projekt in diesen Jahren zu Ende geht», schreibt er in einem neuen Nachwort zu seinem Bestseller von 2016 «Wer wagt, beginnt». «Es kann aber auch sein, dass wir die gesellschaftliche Hoffnung nach Aufbruch und Idealismus politisch einlösen und zu einer wirklichen Bewegung machen können.»

Der Dichter Robert Habeck will die Grünen neu erzählen. Er will sie weg vom moralisch hohen Ton führen, weg vom Hang zu Verboten, Volkserziehung und Ökospiessertum. Statt Weltschmerz und Untergangssehnsucht will er ihnen Mut und Optimismus einflössen. «Ich erlebe die Grünen wie eine Glut», sagte er in der «Welt». «Manchmal ist da etwas Staub drauf. Aber wenn diese Glut Luft bekommt, dann fliegt die Asche weg, und – boom – die Flamme leuchtet lichterloh.» Seine Aufgabe als Politiker sieht er nicht darin, mit erhobenem Zeige­finger bessere Menschen zu schaffen, sondern bessere Politik zu machen. Er will – wie einst Joschka Fischer – auch weg vom ewigen Flügeldiskurs in der Partei, der alle Ämter zwischen Fundis und Realos peinlich austariert, dabei aber die Partei lähmt. Nicht in Flügeln müsse man heute denken, sondern mit einer Stimme sprechen.

Radikaler ist realistisch

Habeck ist ein unorthodoxer, unbeirrt pragmatischer Realo, der dennoch Sätze sagt wie: «Im Ökologischen, im Sozialen, bei Europa müssen wir eher noch radikaler werden, weil die Zukunftsfragen so radikal sind. Radikaler ist das neue Realistischer.» Er schwärmt von Vision und Mut bei Emmanuel Macron und Justin Trudeau. Er will die Grünen in eine linksliberale Bewegung der Mitte verwandeln, die weit über die bisherige Klientel hinausgreift. Aus ihr eine kleine Volkspartei der Zukunft formen, wie sie in Baden-Württemberg bereits existiert.

Im Umkehrschluss bedeutet das, so Habeck, dass sich die Grünen neben der Umwelt vermehrt auch um Zusammenhalt und Sicherheit im weitesten Sinn kümmern müssten: polizeilich, sozial, kulturell. Er hat schon «linken Patriotismus» gefordert und von «Heimat» geschwärmt, als dies in seiner Partei noch Schimpfwörter waren.

Wer die Zukunft so keck entwirft wie Habeck, hat in einer Partei wie den Grünen nicht nur Freunde, sondern auch Neider und Gegner. Vor allem Linke schimpfen über «Ego-Show» und «Eitelkeit», versuchen damit aber vor allem, seinen Pragmatismus zu verleumden. Die Wahrheit ist, dass die Grünen diesen Robert Habeck jetzt brauchen. Und weil Habeck das weiss, traut er sich auch, der Partei zum Anfang eine Art Liebes- und Vertrauensbeweis abzuverlangen: Obwohl die Satzung der Grünen das verbietet, möchte er auch als Parteivorsitzender für eine Übergangszeit von acht Monaten stellvertretender Ministerpräsident in Kiel bleiben. Er stehe in der neuen Regierung in der Pflicht, erklärt Habeck, und könne und wolle das Amt nicht sofort niederlegen. Viele Grüne empfinden eine «Lex Habeck» als Zumutung, am Parteitag benötigt eine Änderung der Satzung eine Zweidrittelmehrheit. Es kann knapp werden. Alles oder nichts, sagt Robert Habeck.

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