Der gefallene Aristokrat

Der AfD-Politiker Alexander Gauland zeigt sich als Rassist und beleidigt Fussballer Boateng.

Der AfD-Vize scheut die Nähe zu rassistischen Strömungen in Bewegungen wie der Pegida nicht: Alexander Gauland.

Der AfD-Vize scheut die Nähe zu rassistischen Strömungen in Bewegungen wie der Pegida nicht: Alexander Gauland. Bild: Keystone

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Manchmal spricht das Unausgesprochene lauter als das Ausgesprochene. Fett titelte die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» «Gauland beleidigt Boateng». Was der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland über den deutschen Nationalspieler gesagt hat, findet sich im zugehörigen Artikel: «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» Was er nicht sagt, ist, woran sich «die Leute» stören: Boateng ist schwarz.

Dass eine Zeitung wie die FAZ aus einer Beleidigung einen Aufmacherartikel macht, ist ungewöhnlich. Aber Gaulands Aussage ist auch mehr als eine Beleidigung. Sie versteckt und offenbart die Gesinnung vieler AfD-Wähler, so wie die Mützen des Ku-Klux-Klans ihre Mitglieder verbergen und zugleich als Menschenfeinde outen.

In einer ersten Reaktion stritt der langjährige CDU-Politiker die Aussage ab. Dann behauptete er, sich nicht zu erinnern. Dann schob er nach, er habe Boateng nicht «als Persönlichkeit abwerten» wollen. Was eigentlich noch schlimmer ist. Denn damit gibt er zu, dass «die Leute» Menschen wie Boateng – ein gebürtiger Deutscher, Christ und laut FAZ ein angenehmer Nachbar – nur aufgrund eines einzigen Merkmals ablehnen: seiner Hautfarbe. Das ist für Deutschland ebenso ein Tiefpunkt wie für Gauland selbst.

Einst warnte er vor Liaison von Nationalismus und Konservatismus

Schon zuvor fragte man sich in Deutschland, wie der einst von der Linken geschätzte wertkonservative Intellektuelle zum Rechtspopulisten werden konnte. Warum der belesene, klassisch gebildete und druckreif sprechende Politiker mit dem aristokratischen Flair plötzlich der johlenden Masse nach dem Maul redete. In einem viel beachteten Essay mit dem Titel «Was ist Konservativismus?» warnte Gauland 1991 vor einer Liaison zwischen Nationalismus und Konservatismus. Dies könne zu nichts Gutem führen. Heute ist der Machtpolitiker bereit, im Europaparlament mit Pegida und dem Front National anzubandeln. Und denkt allem Anschein nach offen rassistisch.

«Politik als Handwerk hat er auf nahezu allen Stufen gelernt. Politik als Kunst – das bleibt ihm Lebensthema», schrieb der Historiker Michael Stürmer einst über den Politiker Gauland. Doch besonders kunstvoll waren Gaulands Äusserungen politisch gesehen nicht. Zwar belohnt die Dynamik sozialer und etablierter Medien Provokateure – je anstössiger ihre Aussagen, desto grösser die mediale Aufmerksamkeit. Doch parteiintern dürfte Gauland seine Position im Machtkampf um die Parteispitze geschwächt haben. Bei der AfD vermeidet man offenen Rassismus, um die ursprüngliche Wählerschaft von euroskeptischen und wirtschaftsorientierten Besserverdienern nicht zu vergraulen. Die Flüchtlingskrise sei «ein Geschenk für die AfD», bemerkte Gauland vergangenen Dezember zynisch. Analog hofft man, sein Satz möge ein Geschenk sein für Deutschland. Denn es macht für alle sichtbar: Rassisten wählen AfD. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2016, 20:58 Uhr

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