Wo die EU entstand: Der Geist aus dem Saal

Die Sala degli Orazi e Curiazi auf dem Kapitol war schon 1957 die Bühne für Europa. Ein Rundgang mit Roms Generalintendanten.

Regierungsvertreter von sechs europäischen Ländern unterzeichnen am 25. März 1957 im Konservatorenpalast die Römischen Verträge. Darunter sind Frankreichs Aussenminister Christian Pineau (erste Reihe, 3. v. l.), der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (5. v. l.) und Italiens Premier Antonio Segni (7. v. l.). Foto: AKG-Images

Regierungsvertreter von sechs europäischen Ländern unterzeichnen am 25. März 1957 im Konservatorenpalast die Römischen Verträge. Darunter sind Frankreichs Aussenminister Christian Pineau (erste Reihe, 3. v. l.), der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (5. v. l.) und Italiens Premier Antonio Segni (7. v. l.). Foto: AKG-Images

Auch 160 Lichtspots sind nicht stark genug, um diesen grossen Saal auszuleuchten. In strengen Reihen hängen sie an der Kassettendecke, alle sind an. Doch die Sala degli Orazi e Curiazi im ersten Stock des Konservatorenpalasts ist so hoch und so voluminös, dass nur Scheinwerfer sie ganz mit Licht füllen könnten. Oder die Sonne. Doch die bleibt draussen, heruntergedimmt durch trübes Fensterglas.

Und so dämmert der Saal auf dem Kapitol, der am kommenden Samstag, dem 25. März 2017, bei der Unterzeichnung der Erklärung von Rom erneut den Rahmen europäischer Sinnesstiftung bilden soll, in dunkler Schwere. Wuchtig und mächtig, überquellend von Symbolik. Für die Fernsehbilder werden sie dann wohl etwas mehr Licht anmachen.

Macht des Volkes symbolisiert

Wenn die alten Römer vom Genius Loci sprachen, meinten sie die Aura, die einen Ort um- und durchweht. «Dieser Saal», sagt Claudio Parisi Presicce, der Generalintendant für die römischen Kulturschätze, und zeigt mit flacher Hand auf die Freskenzyklen an den Wänden, als würde er sie streicheln, «ist die wichtigste Empfangshalle dieser Stadt. Sie symbolisiert die Macht des Volkes, das Zentrum der demokratischen Ordnung.» Wenigstens ideell, im Geist. Natürlich gäbe es in Europa Orte mit modernerem, zukunftsweisenderem Genius. Doch hier, in dieser Sala, erstrahlt die Glorie der Anfänge, die Grösse des alten und ewigen Roms.

Michelangelos Palazzo dei Conservatori, Sitz der städtischen Magistratsbehörde, ist heute Teil der Kapitolinischen Museen. Im Hof sind Teile einer Kolossalstatue von Kaiser Konstantin ausgestellt: der Kopf, ein Oberarm, ein Fuss. Alles übergross. Die Marmorskulptur war einmal zwölf Meter hoch gewesen und stand unten im Forum Romanum. Über die Treppe geht es hoch zum «Piano nobile», der stolzen Beletage, und da gleich in die Sala degli Oriazi e Curiazi. Ihren Namen bezieht der Raum von einer Freske, die das Duell zwischen den Horatiern und den Kuriatiern darstellt. Es war ein blutiger Kampf, gefochten mit Schwertern.

Auf die anderen Wände malte der Künstler Giuseppe Cesari zwischen 1596 und 1640 die Mythen und Gründungs­legenden der Stadt. Da darf natürlich die Auffindung der Wölfin nicht fehlen, der Raub der Sabinerinnen, der Kult um die keuschen Vestalinnen. An beiden Enden des Saals, und das steht etwas quer zum Genius Loci, wie ihn der Generalintendant beschreibt, thronen zwei Päpste: Urban XIII. aus Marmor, ein Frühwerk von Gian Lorenzo Bernini, sowie ein bronzener Innozenz X. von Alessandro Algardi.

«Wir sehen sie wie Kunstwerke», sagt Parisi Presicce. Als Dekoration gewissermassen. Früher hätten sich alle, Kleriker und Politiker, einen grossen Auftritt in diesem Saal des Volkes gewünscht. «Nirgendwo sonst war es erstrebenswerter.» Es standen einst noch mehr Päpste herum. Doch wenn der Konflikt zwischen den Magistraten und der Kirche besonders virulent war, wurden wieder welche aus den Hallen verbannt – als Zeichen der Autonomie, getrieben von Idealen.

Geburt der «Piccola Europa»

Dafür steht die Sala degli Oriazi e Curiazi. Darum wählten sie diesen Ort für die Geburt der «Piccola Europa», wie die Italiener es so schön sagten, damals, zum 25. März 1957. Es war ein Montag, und aus festlichem Anlass war er schulfrei. In Rom regnete es «ungnädig», wie die Zeitung «Corriere della Sera» notierte. Wo die fünf Gästedelegationen aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg auch vorbeifuhren, winkten ihnen die Römer unter schwarzen Schirmen hervor.

Um 18 Uhr traf man sich im Campidoglio zur Unterzeichnung der Verträge. Das Fernsehen übertrug live, in Euro­vision, das war damals noch eine Sensation. Empfangen wurden die Gäste vom Hausherr, Roms damaligem Bürgermeister Umberto Tupini von der Democrazia Cristiana, der die Stadt nur gerade eineinhalb Jahre regierte und dann, auch wegen eines Immobilienskandals, früh aus dem Amt schied. Die fernen Zeiten erinnern da vage an die gegenwärtigen.

Das italienische Protokoll hatte für die Unterzeichnung einen zwölf Meter langen Holztisch in die Sala degli Oriazi e Curiazi stellen lassen, bedeckt war er mit rotem Brokat. Bis zuletzt geisterte das Gerücht herum, die Dokumente könnten nicht rechtzeitig fertig werden. Sie waren ja auch umfangreich, mehr als 200 Artikel pro Vertrag. Und alles sollte in vier Sprachen gedruckt werden –Deutsch, Italienisch, Französisch, Holländisch. Man schaffte es dann doch noch. Als signiert wurde, ertönten die Festglocken des Turms auf dem Kapitol. Und unten, auf der Piazza Venezia, standen noch immer Geschichtsbewusste unter ungnädigem Himmel.

Gala unter Mussolinis Geist

Zum Galaempfang versammelte man sich danach im Palazzo Venezia, ebenfalls ein Ort mit Geist, wenn auch einem trüben. In dem Palast pflegte Benito Mussolini seine Macht zu zelebrieren, nicht selten vom Balkon herab. 1957 kamen da tausend Prominente und Politiker zusammen, um die «Piccola Europa» zu feiern. Zum 60. Jahrestag soll der Empfang im Quirinalspalast stattfinden, der im Verlauf der Geschichte mal Sommerresidenz der Päpste und mal Sitz der Könige war, bevor er dann Italiens Präsidenten zu beherbergen begann. Viel Geist auch da, viel Symbolik. Wenn das alles nur mal ausreicht, um etwas neuen Sinn zu stiften.

Erstellt: 23.03.2017, 10:46 Uhr

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