Der Gipfel der Sorglosigkeit

Nirgends ist es schöner als am Vesuv bei Neapel. Die Tomaten sind köstlich. Der Wein ist göttlich. Und das Klima paradiesisch. Wer will da wegziehen wegen des Feuers unter dem Hintern?

Kein Vulkan der Welt ist gefährlicher als der Vesuv – weil die Menschen das Risiko ignorieren und ihre Häuser sich massenhaft an die Hänge des Bergs schmiegen. Foto: Frank Rothe (Visum)

Kein Vulkan der Welt ist gefährlicher als der Vesuv – weil die Menschen das Risiko ignorieren und ihre Häuser sich massenhaft an die Hänge des Bergs schmiegen. Foto: Frank Rothe (Visum)

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Er ist Zauber und Zerstörung. Leben und Tod. Lui. Er. Wenn Luigi Franzese vom Berg spricht, der da vorne in den Himmel über Neapel wächst, still und friedlich, als wohnte in ihm nicht alle Macht der Hölle, dann nennt er ihn nur «Lui». Er. Als wäre der Vesuv eine Person, die macht und tut und denkt. Man muss sich das L gross geschrieben vorstellen, wie das göttliche «Lui». «Der Vulkan», sagt der Künstler aus San Giuseppe Vesuviano, «ist ein Signore der Natur, ein Gentleman. Er sagt dir Bescheid, bevor er ausbricht. Er gibt dir Zeit zu fliehen, drei, vier Tage.» Ein Erdbeben dagegen komme wie ein Einbrecher. Es überrascht dich auch mal im Schlaf, hinterlistig, so wie vergangenen August in Mittelitalien, in Amatrice und Accumoli, in Arquata. Italien und seine launische Natur, sie sind vereint in Verklärung und Verdammnis.

«Ist er nicht wunderschön?», fragt Franzese, ein sanfter, schmaler Mann mit wachen Augen, Mitte fünfzig. «Non è bellissimo?» Gerade hat ein Sommerregen Dunst und Staub aus der Luft gewaschen. Die ganze Szenerie vor dem Fenster des Gemeindehauses von San Giuseppe Vesuviano, 35'000 Einwohner, sie wirkt nun so gestochen scharf wie die Bilder eines hochauflösenden Fernsehers. Der Berg ist grell grün, weisse Wolken umspielen ihn. Franzese malt den Vesuv seit vielen Jahren, er philosophiert über ihn, lebt ihn. Wo er auch auftritt, wird er als «Luigi Franzese vom Vesuv» angekündigt. «Ich trage ihn in mir drinnen», sagt er und legt die rechte Hand aufs Herz. Poesie und Pathos, alles da.

Natürlich ist die Geschichte vom guten Vulkan ein Mythos, eine Beruhigungstablette, die man sich hier jeden Tag einwirft. San Giuseppe Vesuviano liegt in der Zona rossa, höchste Risikostufe. Man weiss, dass der Vulkan lebt. Er bewegt sich, er bebt, man spürt es ständig. Er haucht auch Fumarolen aus. Im Winter, wenn es kalt ist, sieht man gut, wie Dämpfe und Gase aus dem Krater steigen. Das Magma liege acht Kilometer tief, sagen die Experten, ziemlich tief unten also, der Berg schlafe.

Irgendwann wird er aufwachen. Und dann?

Dann bleibt nichts übrig, kein Haus, keine Bar an der Piazza Garibaldi, keine der vielen Textilfabriken im Tal. «Niente», sagt Franzese. San Giuseppe würde untergehen, begraben unter einem Regen von Asche und Steinen, überzogen von Feuer und Lava. Wie das altrömische Pompeji am 24. August des Jahres 79.

Da oben ist rote Zone, feuerrote Zone

Vielleicht würden es die Bewohner schaffen, rechtzeitig wegzukommen. Aber ihre Existenzen wären zerstört. San Giuseppe liegt noch näher am Krater als das benachbarte Pompeji. Manche Häuser von San Giuseppe wurden auf Furchen gebaut, die sich nach früheren Eruptionen in den südlichen Abhang gegraben haben. Ganz oben, wo die Aussicht auf den Golf von Neapel besonders schön ist, wohnen die Reichen. Die Fenster ihrer Häuser und ­Villen blitzen in der Sonne. Man sieht sie von weitem. Da oben ist dunkelrote Zone, feuerrote Zone. «Unsere Väter», erzählt Luigi Franzese, «sagten uns immer: Wo es keinen Vulkan gibt, gibt es Überschwemmungen, wo es keine Überschwemmungen gibt, gibt es Tornados.» Probleme gebe es überall. «Ich habe mich früh dafür entschieden, dass der Vesuv mein Problem sein soll.» Lui!

Vor dem Rathaus spielen Buben mit einem «Super Santos», einem orangen Fussball aus Plastik. Immer mal wieder klatscht der Ball gegen das Fenster im ersten Stock, wo Luigi Franzese, gewissermassen nebenbei, als Kabinettschef des Bürgermeisters arbeitet. «Ein Zufall», sagt er, und es hört sich so an, als meinte er Unfall. Man habe ihn für ein Kulturprojekt der Region geholt und dann in die Gemeinde versetzt. «So funktioniert die italienische Bürokratie.» Der Poet des Bergs ist gefangen im Büro. Den lauten Aufprall des «Super Santos» bemerkt er gar nicht mehr.

Niemand will weg aus San Giuseppe und aus den anderen 24 gefährdeten Gemeinden rund um den Vulkan. Die Häuser bilden einen Kranz um den Kegelberg, sie umfassen ihn wie eine Krause. 700'000 Menschen leben hier. Die rote Zone reicht bis in die Aussenquartiere von Neapel: Ponticelli, Barra, San Giovanni a Teduccio. In Ponticelli bauen sie ein neues Krankenhaus, gross, modern und mitten in der Zona rossa. Jemand hat auch diese Baulizenz ausgestellt, wider besseres Wissen. Kein Vulkan der Welt ist gefährlicher als der Vesuv. Nicht, weil er an sich der gefährlichste wäre. Sondern weil die Menschen sich seiner Gefahr nicht gewahr sein wollen. Sie verdrängen das Risiko, ignorieren es, fügen sich dem Schicksal. Ihre Häuser haben sie einfach an die Hänge des Bergs gebaut. Sie schmiegen sich an ihn an, als wäre «Il Vecchio», der Alte, wie sie den Vesuv auch nennen, ein gutmütiger Grossvater. 700'000.

1944, mitten im Krieg, brach der Vesuv zuletzt aus. Seither ist er ruhig. Foto: George Rodger (Getty Images)

Die Bauwut begann in den Sechzigern, keine zwanzig Jahre nach dem bisher letzten Ausbruch des Vulkans, 1944, im Krieg. «Die Menschen sind zäh im Vergessen», sagt die Vulkanologin Paola Petrosino, Professorin an der Universität Federico II von Neapel. «Nach jedem Ausbruch wurde schnell wieder aufgebaut.» Am selben Ort, als wäre der nicht gezeichnet und verdammt. Man klebt an seiner Heimat. Wenn Naturkatastrophen zu dieser Scholle dazu gehören, dann gehören sie eben dazu. «Es stimmt schon», sagt Petrosino, «dass wir ein fatalistisches Volk sind. Ich schäme mich nicht, das zu sagen.» Sie breitet schraffierte Landkarten aus, die sie nach soziologischen und urbanistischen Studien gezeichnet hat. Sie zeigen das schnelle Wachstum der Bevölkerung in der roten Zone, im rasenden Zeitraffer. Es sieht aus wie Wildwuchs. Doch es wurde nicht wild gebaut. Das meiste war bewilligt, von oben organisiert.

Jeder bekam eine Baubewilligung

Nach dem Krieg regierte in den meisten Gemeinden am Vesuv die Democrazia Cristiana, die immer ein feines Gespür hatte für Machterhalt und Geschäft. Die Bürgermeister von Torre Annunziata und Torre del Greco, von Portici und Ercolano stellten jedem eine Baulizenz aus, der um eine bat. Das trieb die Spekulation an. Der Wirtschaftsboom, das «Miracolo», hatte viele Neapolitaner wohlhabender gemacht. Sie bekamen wieder mehr Kinder. Man wollte endlich leben, gut leben, mit Natur und Aussicht. Und so wuchs die Stadt aus sich heraus, die Küste entlang, nach Süden vor allem, bis hinunter zur Halbinsel von Sorrent.

Bald zog sich eine kompakte Betonschlange rund um die Bucht, nahtlos von Neapel bis Pompeji. Eingeklemmt zwischen dem Vesuv und dem Meer. Auf jeden Quadratkilometer kamen nun 13'000 Menschen. Der schmale Küstenstreifen ist fast so dicht besiedelt wie Tokio. Ein Wahnsinn, von der Politik gefördert. Ohne Sinn für Zukunft, ein Hohn auf die Prävention. Vor einigen Jahren versuchte die kampanische Regionalverwaltung, den Wahnsinn zu korrigieren und einige Zehntausend Bewohner aus der roten Zone umzusiedeln, ins sichere Hinterland von Neapel. «Vesuvìa» hiess das Programm, ein Wortspiel: «Weg vom Vesuv». Der Staat bot den Freiwilligen Geld an, damit sie wegziehen. «Das Programm war ein Flop», sagt Petrosino, «nur wenige machten mit.»

Was wäre nur, wenn er aufwachen würde? Lui. Er. Die Zona rossa müsste vollständig evakuiert werden. Bei Alarm müssten sie alle weg. Möglichst schnell und koordiniert. Alle 700'000. So sieht es der Plan des nationalen Zivilschutzes vor, theoretisch wenigstens. Die Protezione Civile wies die Gemeinden an, praktische Notfallpläne auszuarbeiten, angepasst an die örtlichen Gegebenheiten. Wer informiert wen? Wo versammeln sich die Bewohner? Wer flieht zuerst? Wer dann? Wer zuletzt? Und auf welchen Wegen? Der Staat hat jeder Gemeinde in der roten Zone eine Zwillingsgemeinde zugewiesen, die sie aufnähme. Die Bewohner von San Giuseppe Vesuviano zum Beispiel würden in den Norden verpflanzt, in die Lombardei. Luigi Franzese sagt: «Wir, in die Lombardei – wie kann man nur?»

Aber zunächst müsste die Evakuierung klappen, die Flucht vor dem guten, bösen Berg. Von allen ­Regionen Italiens ist Kampanien jene, die der Aufforderung des Zivilschutzes am zögerlichsten folgt. Erst rund ein Drittel der kampanischen Gemeinden hat sich einen «Piano di emergenza» gegeben. Notfallpläne sind nicht populär. «Wer bei uns Bürgermeister werden will», sagt Roberto Russo, Reporter der Zeitung «Corriere del Mezzogiorno», «redet besser nicht von Notfallplänen und von den Gefahren des Vesuvs. Sonst gilt er als Unglücksbringer, als Unheilstifter gar, und hat keine Chance, gewählt zu werden.» Grössere Chancen habe einer, wenn er verspreche, dass er das Budget für das Fest des Stadtheiligen aufstocke. Für die Prozession, die Süssigkeiten, das Feuerwerk.

Jeder Heilige hier steht im Ruf, die Bevölkerung mindestens einmal vor dem Vulkan errettet zu haben. San Gennaro etwa, der Schutzpatron von Neapel, hat die Lava schon eigenhändig an der Stadtgrenze gestoppt. San Sebastiano und San Giuseppe auch. Russo lebt in San Giorgio Cremano, Zona rossa. Dort gibt es jeden August ein Lavafest. Für das Feuerwerk, sagt er, scheuen sie keine Kosten. «Doch als Bürger von San Giorgio weiss ich nicht, was ich tun müsste, wenn der Vesuv ausbricht.»

Wahrscheinlich würden dann ohnehin alle gleichzeitig fliehen wollen, getrieben von der Panik. Alle 700'000. Plan hin oder her. Die Bewohner am verbauten Küstenstreifen haben nur einen Fluchtweg: Autobahn A 3, Neapel–Salerno, nord- oder südwärts. In der Redaktion des «Corriere del Mezzogiorno» haben sie einmal versucht, das Szenario des Notfalls nachzuzeichnen: «Nach unserer Rechnung», sagt Russo, «würde sich auf der A 3 in kurzer Zeit ein Stau von 400 Kilometer Länge bilden.» In San Giuseppe haben sie die SS 268, «la due-sei-otto», eine Tangente am Berg, fast eine Ringstrasse. Wenn sie dann mal fertig wird, soll sie die A 3 entlasten. Doch wird sie jemals fertig? Vor mehr als zehn Jahren begannen die Arbeiten, und auf einem langen Stück ist die Strada Statale nur einspurig. Mehr Engpass als Fluchttrassee. Eine Farce, finden sie in San Giuseppe und brauchen die Strasse als illegale Mülldeponie. Als wollten sie den Staat strafen für seine Nachlässigkeit, für die Geringschätzung. Alle paar Hundert Meter liegen Abfallberge, entsorgt auf dem Pannenstreifen und halbwegs in Brand gesteckt.

«Hör auf, ich mag nicht daran denken»

Nach dem Erdbeben in Amatrice, erzählt Russo, habe er mit seiner Frau mal wieder über die Gefahren reden wollen, denen sie sich und ihre Kinder da aussetzten, am Fuss des Vulkans. «Sie sagte nur: Hör mir nur auf, ich mag nicht daran denken.» Dieser Reflex, sagt Russo, durchdringe die italienische Kultur in allem. Er steuere den Umgang mit den eigenen Schwächen und den Launen der Natur, im Grossen und im Kleinen. Die Russos haben ihre Wohnung vor zwanzig Jahren gekauft, frisch verheiratet. Er würde schon wegziehen wollen, sagt Roberto Russo und fügt dann leise an, wenn er denn müsse. Es ist nur ein schwaches Wollen.

Nirgends ist es nämlich schöner als in der Zona rossa. Wärmer, milder, süsser. Auch Petrosino, die Professorin und Mahnerin, schwärmt vom «besten Klima». Der Boden ist fruchtbar, gesegnet vom Vulkan, reich an Mineralien. Darauf wachsen die aromatischsten Tomaten, die man sich nur vorstellen kann, die Pomodorini del Piennolo. Es sind kleine, pflaumenförmige Tomaten, die noch nach Tomaten schmecken. Und nach Süden. Hier an den Hängen des Vesuvs wächst auch ein hervorragender Wein, dem schon die alten Dichter zusprachen und ihn dann besangen: Lacryma Christi, Träne Christi. Es fliesst alles zusammen, weil alles zusammengehört. Wer will da schon weg, wenn er nicht muss?

Zieht man den Kreis auf der Landkarte noch ein bisschen weiter, vom Vesuv rüber zu den Phlegräischen Feldern, den Campi Flegrei mit ihren vierzig Vulkanen im Nordwesten Neapels, leben drei Millionen Menschen in der Hochrisikozone rund um den Golf. Auf einem Feuertank. Manche nennen es eine Bombe, eine tickende Zeitbombe. Francesca Bianco soll die Ängste ein bisschen dämpfen und Mythen entkräften. Die Direktorin des staatlichen Osservatorio Vesuviano soll die ganze Dramatik richtig dosieren und rationalisieren. Leicht fällt das nicht. «Der Vesuv», sagt die Geophysikerin, «ist wie ein Geliebter, schön und faszinierend. Du weisst, er wird dir wehtun, schaffst es aber nicht, ihn zu verlassen.» Biancos Institut ist das älteste Vulkanobservatorium der Welt. Ihre hundert Mitarbeiter registrieren jedes Geräusch im Bauch der Erde, zeichnen jede Bewegung auf, analysieren jede Fumarole. Ständig. In der Sala Monitor im dritten Stock des Instituts, einem Glasbau am Nordrand Neapels, hängen überall Bildschirme mit Daten, die in Grafen gepresst werden. Es sind Herzdiagramme. «Wir sammeln alle Signale», sagt Bianco, «erstellen Statistiken, leiten Wahrscheinlichkeiten davon ab, und das erlaubt uns dann eventuell zu warnen.»

Eventuell? Wahrscheinlich? Wie war das noch mit dem Gentleman der Natur, der Bescheid sagt? Aus Biancos Büro sieht man den Vesuv nicht, ausgerechnet. Von überall sieht man ihn, nur aus den Fenstern des Osservatorio Vesuviano sieht man den Vesuv nicht. «Er ist dort hinten, hinter jenem Hügel», sagt Bianco und zeigt in die Ferne. Als der Staat vor zehn Jahren einen neuen Sitz für das Institut suchte, fand man dieses wuchtige Verwaltungsgebäude in Fuorigrotta. Es steht auch in einer roten Zone. Die Solfatara, der aktivste Vulkan der Campi Flegrei, ist nur wenige Kilometer entfernt. Seit einiger Zeit steigt die Magmaschicht der Solfatara, ruckartig. Der Boden hebt und senkt sich. Jedes Beben strahlt bis hierher. Es sind viele schwache, aber spürbare Erschütterungen, fast zweihundert schon im laufenden Jahr. «Wir sollten wieder von hier weggehen», sagt Bianco, «dieser Ort passt nicht wirklich zu unserer Funktion.»

Die Warnung aus der Vergangenheit

Nun aber raus nach Pompeji, wo alles begann. Die A 3 ist leer, an der Ausfahrt stauen sich dann aber Touristenbusse. In Italien zieht nur das Kolosseum noch mehr zahlende Besucher an als die grosse Archäologiestätte, dieses aufregende Zeitfenster in die Antike. Die Italiener lassen es verlottern. Überall wuchert Gras, jede zweite Ausgrabung ist notdürftig umzäunt. Es ist wohl zu viel Arbeit, den Nachlass zu pflegen. Und doch kommen jedes Jahr drei Millionen: Chinesen, Amerikaner, Spanier.

Die Zerstörung im Jahr 79 hat die alte Stadt wundersam konserviert. Die schönen Villen der Patrizier mit ihren Mosaiken und Wandmalereien, das Bordell mit den eingeritzten Hymnen zufriedener Freier, die Wäscherei, das Amphitheater, – alles versteinert, hinübergerettet in die Neuzeit, verewigt. Als Forscher viele Jahrhunderte später die ersten Schichten abtrugen, stiessen sie auf Konturen menschlicher Körper. Der Vulkanregen hatte sie wohl überrascht. Drinnen, in den ausgesparten Formen, waren nur noch Knochen. Man goss die Hohlräume mit Gips aus, damit sie wieder Leben bekamen, vom Negativ zum Positiv. So kann man nun erahnen, wie sie starben, in welcher Pose, erstarrt in Panik. Sie konnten nicht mehr fliehen. Vielleicht wollten sie auch nicht. Warum sollten sie auch? Die Menschen im alten Pompeji wussten nicht, dass dieser Berg in ihrem Rücken ein Vulkan ist, der «von Zeit zu Zeit etwas tun muss», wie es sein Deuter sagt, der Künstler Luigi Franzese.

Seit es Siedlungen gab an seinem Fuss, war der Vesuv bis dahin noch nie ausgebrochen. Gebebt hatte die Erde immer wieder. 62 n. Chr. war ein Beben mal so stark, dass ein Teil der reichen Stadt zerstört wurde. Und wahrscheinlich war das ein Warnzeichen, eine Ankündigung. Aber deuten konnte man sie nicht.Die Römer hätten aus Pompeji wegziehen können, nun, da sie den Berg von seiner bösen Seite kennen gelernt hatten. Doch sie blieben, bauten aus. Zäh im Vergessen. Das sollte nach jedem grossen Ausbruch so sein. Auch nach 1631. In Portici, am Nordhang des Vesuvs, erinnert eine Marmor­tafel aus jener Zeit an die Hölle der Eruption. «Nachfahren, Nachfahren! Das hier ist in eurem Interesse», steht da auf einer Inschrift, «die Erfahrung lehrt uns fürs Leben. Passt auf, das ist kein Märchen, das ist Geschichte. Der Vesuv reisst alle in den Tod, die leichtsinnig, unvorsichtig und gierig sind. Ich warne, auf dass niemand je mehr zögere. Früher oder später wird er wieder ausbrechen und alles überwältigen. Doch davor schüttelt er die Erde, speit Rauch, blitzt, spuckt Flammen, lässt die Luft schrecklich erzittern, grollt, dröhnt, donnert und vertreibt die Nachbarn von ihren Ländereien. Fliehe, solange du noch kannst. Von einem Moment auf den anderen wird er explodieren, wild und plötzlich, einen Feuersee wird er ausspucken, der schnell niedergeht. Für die Flucht ist es dann zu spät. Wenn er dich erfasst, bist du tot.»

Die Inschrift ist Lateinisch, die Gemeinde liess sie in Italienisch übersetzen. Für alle Fälle. Viel Beachtung findet sie nicht. Der Zauber ist immer grösser als die Angst. Das moderne Pompeji übrigens, 30'000 Einwohner, alles eng an eng, hat noch immer keinen Fluchtplan. Ausgerechnet Pompeji.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2016, 22:29 Uhr

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