Der grosse Besuch

Emmanuel Macron ist wieder jener Kämpfer, den die Franzosen im Mai 2017 zu ihrem Präsidenten gewählt haben. Sie lernen ihn gerade neu kennen.

Ein Präsident erwacht: Emmanuel Macron wagt das Streitgespräch mit den Franzosen. Foto: Ludovic Marin (Pool)

Ein Präsident erwacht: Emmanuel Macron wagt das Streitgespräch mit den Franzosen. Foto: Ludovic Marin (Pool)

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Vielleicht wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sich irgendwann bei den Gelbwesten bedanken müssen. Dafür, dass sie ihn so drastisch wie möglich daran erinnert haben, auf was für einer schmalen Basis er seine Macht aufbaut. Noch im Herbst hielt der Präsident an seinem Selbstbild als unbremsbarer Reformer fest. Er messe seinen Erfolg nicht an Umfragen, sondern an Wirtschaftszahlen und langfristigen Zielen, beharrte Macron. Heute schimpft ihr noch, liebe Franzosen, morgen werdet ihr verstehen, dass ich nur euer Bestes will.

Seit mehr als zehn Wochen gehen die Franzosen nun in Neongelb auf die Strasse, weil sie an genau diese ­Beschwichtigung nicht glauben. Die Proteste haben Macron gezwungen, seine Strategie grundlegend zu ändern. Er hat die Rolle des erhabenen Lenkers aufgegeben und sich in den Kämpfer zurückverwandelt, der vor bald zwei Jahren in den Elysée-Palast gewählt wurde. Seit einer Woche läuft in Frankreich die «grosse nationale Debatte». Macron hat dem Land eine umfassende Gesprächstherapie verordnet, in der jeder erzählen soll, was ihm auf dem Herzen liegt.

Das klingt schwammig und gross­spurig, und es ist nicht herauszufinden, was Präsident und Regierung mit all den Empfehlungen, Bedenken, Wünschen anstellen wollen, die in der Debatte angehäuft werden. In seinem Brief an die Franzosen, der den Anfang der aktuellen Kommunikationsoffensive markierte, träumte Macron von einem «neuen Vertrag für die Nation», also von einer Versöhnung der Wähler mit ihren Repräsentanten. Bislang deutet alles darauf hin, dass dieser Vertrag maximal im Herzen und nicht auf Papier beschlossen wird.

Doch wenn man die «grosse Debatte» vom überambitionierten Dekor befreit, löst sie sich nicht in einem grossen Blabla auf. Dann bleibt ein mutiges Experiment, bei dem man einem Präsidenten dabei zusehen kann, wie er wieder aufwacht.

Zwölf Stunden lang zugehört

Innerhalb der vergangenen Woche hat Macron sich mehr als 1000 Bürgermeistern genau der kleinen Gemeinden gestellt, in denen der Unmut über das abgehobene Paris am grössten ist. Insgesamt mehr als zwölf Stunden lang hat der Präsident sich Klagen und Vorwürfe angehört und dabei so konzentriert gewirkt, als gäbe es nichts, was er lieber täte. Und dann, und das ist entscheidend, setzte er zum Gegenschlag an. Er beantwortete seitenweise Fragen, sprach jeden persönlich an, entkräftete Argumente, blieb seinen Überzeugungen treu, ohne stur zu wirken.

Das ewige Zuhören, das Macron predigt wie ein Mantra, interessiert in Frankreich inzwischen niemanden mehr. Alle paar Monate, angefangen beim Präsidentschaftswahlkampf, startet das Team Macron eine neue Zuhörkampagne. Die nun eröffnete Debatte ist nicht deshalb interessant, weil Macron wieder vorgibt, ganz Ohr zu sein. Sie ist spannend, weil der Präsident sich traut, zu streiten, teils sogar zu polemisieren.

Der «grosse Besuch» wäre vielleicht eine korrektere Bezeichnung für das, was gerade in Frankreich passiert. Das Land lernt denjenigen neu ­kennen, den es ins höchste Amt ­gewählt hat. Schaut man sich Macrons bisherige Regierungszeit an, kann man sagen, dass sich seine Fehler vor allen Dingen dann häuften, als es kaum Widerstände gab, wie in der Benalla-Affäre. Nun sind die Gegner laut und zahlreich, und Emmanuel Macrons Inszenierung seiner Unfehlbarkeit hat endlich ein Ende.

Erstellt: 20.01.2019, 22:07 Uhr

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