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Der grosse Cheerleader verlässt die BBC

Der Generaldirektor des Senders hat seinen Rücktritt angekündigt. Er wird die Radio- und Fernsehanstalt im Kreuzfeuer hinterlassen.

Anthony William Hall gilt als eingefleischter Fan und Verfechter der Idee hinter den öffentlich-rechtlichen Medien. Foto: Getty Images
Anthony William Hall gilt als eingefleischter Fan und Verfechter der Idee hinter den öffentlich-rechtlichen Medien. Foto: Getty Images

Die National Gallery in London ist geprägt von erhabener Schönheit und andachtsvoller Stille. Laut und chaotisch geht es höchstens vor dem Museum zu, wo Gaukler und Strassenmusiker täglich Tausende Touristen anziehen. Hierher wechselt Tony Hall. Er verlässt die BBC, deren Chef er sieben Jahre lang war, zwar nicht ganz freiwillig. Aber vielleicht freut er sich insgeheim ein wenig auf die neue Ruhe.

Offiziell bleibt Lord Hall selbstverständlich trotz seines nahenden Abschieds der grösste Cheerleader der BBC. Anfang Woche hat er seinen Rücktritt als Generaldirektor der britischen Rundfunkanstalt angekündigt. Im Sommer werde er seinen ­Posten aufgeben, teilte er mit. Es sei eine schwere Entscheidung gewesen. «Wenn ich meinem Herzen folgte, würde ich niemals gehen wollen.»

Warum aber gibt der 68-jährige Hall, der so ausdauernd wie überschwänglich vom Programm, dem Auftrag und den knapp 20'000 Mitarbeitern seines Senders schwärmen kann, den Posten als einer der mächtigsten Medienmanager der Welt gerade jetzt ab? Er selbst nennt strategische Gründe in seinem auf der Website der BBC veröffentlichten Schreiben, das Interesse der Organisation müsse an erster Stelle stehen.

Johnson stellt BBC infrage

Im Frühjahr 2022 steht die nächste turnusmässige Überprüfung des öffentlich-rechtlichen Senders an, in der es um die ­Finanzierung und den Auftrag gehen wird. Im Jahr 2027 steht dann die Erneuerung seiner Charta auf der Agenda. Dabei geht es um die Frage, wofür die BBC steht, welche Rolle sie im Konzert der britischen Medien spielen und woher sie ihr Geld bekommen soll. Dies, schreibt Hall, solle von ein und derselben Hand verhandelt werden.

Fest steht: Die Verhandlungen werden hart, Hall verlässt das Haus in turbulenten Zeiten. Wie in vielen europäischen Ländern steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in Grossbritannien unter Beschuss. Premier­minister Boris Johnson verweigerte im Wahlkampf Interviews mit der BBC, seine Minister ­boykottieren bis heute deren ­Radiosendungen. Die Regierung wirft dem Sender vor, unverhältnismässige Kritik am Brexit zu üben. Aber auch von Labour-­Abgeordneten wurden mitunter Vorwürfe laut, in Berichten würden konservative Quellen unkritisch wiedergeben. Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld.

Premier Johnson hat Ende 2019 öffentlich das komplette ­Finanzierungsmodell der BBC infrage gestellt. Er habe zwar ­keine aktuellen Pläne, die Rundfunkgebühren abzuschaffen, sagte er im Dezember, aber man müsse sich fragen, ob diese Art der Finanzierung langfristig sinnvoll sei. Die jährliche Lizenzgebühr, vergleichbar mit den Gebühren in der Schweiz, beträgt 154.50 Pfund, umgerechnet rund 196 Franken. (In der Schweiz sind es 365 Franken.)

420 Millionen Menschen

Die BBC finanziert sich zu drei Vierteln aus den Gebührenein­nahmen; rund 3,7 Milliarden Pfund – 4,7 Milliarden Franken – kamen im vergangenen Jahr zusammen. Der Rest stammt von Einnahmen aus dem Verkauf von Eigenproduktionen. Werbung ist bei der BBC zum Schutz der staatlich festgelegten Neutralität streng reguliert. Mit ihrem Programm erreicht die Anstalt jede Woche mehr als 420 Millionen Menschen weltweit.

Mit Anthony William «Tony» Hall, Baron Hall of Birkenhead, seit 2010 Mitglied im House of Lords, tritt ein ausserordentlich gebildeter Mann ab, einer jener Oxfordianer, für die es eine grosse Bedeutung hat, ihrem Land zu dienen. Er hat die klassische ­Karriere eines BBC-Mannes im 20. Jahrhundert gemacht – viel öffentlich-rechtlicher Rundfunk, viel Politik, viel Reformeifer in den 80er- und 90er-Jahren.

Wer auch immer Halls Nachfolge antritt, muss sich auf mehrere Konflikte einstellen.

Danach, das ist eher ungewöhnlich, wechselte Hall 2001 als Direktor zum Royal Opera House in London und betreute das kulturelle Rahmenprogramm zu den Olympischen Spielen 2012 in London. Nicht nur aus dieser Zeit weiss er viel über Musik und Oper zu erzählen. Innerhalb der BBC gilt er als erfahrener Nachrichtenmann, der sich immer vor seine Leute gestellt hat und ­motivieren konnte.

Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger soll laut David Clement, dem Vorstandsvorsitzenden der BBC, in den kommenden Wochen be­ginnen. Aber da liegt bereits das Problem: Wer soll ihn oder sie bestimmen? Hall tritt wohl auch deshalb vorzeitig zurück, damit die BBC selbst das letzte Wort behält, wenn es um ihren nächsten Chef, ihre nächste Chefin geht – und nicht die Regierung neue Regeln macht und womöglich mehr Einfluss nimmt.

Wer auch immer Halls Nachfolge antritt, muss sich auf mehrere Konflikte einstellen. Zu den Streitpunkten der zukünftigen ­Finanzierung zählt zum einen die seit Jahren emotional diskutierte Frage, ob Menschen über 75 Jahre weiterhin vom Beitrag befreit bleiben. Die BBC hat angekündigt, dieses Privileg von Mitte 2020 an nur noch dann zu gewähren, wenn der Betreffende auch staatliche Unterstützung geltend machen kann. Ausserdem sind aus Downing Street Forderungen laut geworden, Zuschauer, welche die Gebühr nicht bezahlen und das Programm trotzdem nutzen, nicht mehr ­juristisch zu verfolgen.

Hall hatte an­gekündigt, die Gehaltskluft zwischen Frauen und Männern bis 2020 zu schliessen. Zu spät, zu langsam, sagen die BBC-Frauen.

In einer BBC-Sendung zu Halls Abschied kommentierte die Moderatorin Emily Maitlis diese Idee trocken mit dem Satz: «Das heisst, dass niemand mehr ­zahlen muss und alle schauen können.» Mittelfristig will die Regierung sogar über eine Abschaffung der Gebühr diskutieren; im Gespräch ist ein Abo­modell, wie es etwa Streamingdienste haben.

Und auch intern herrscht Streit ums Geld. Dass die BBC-Moderatorin Samira Ahmed gerade einen Prozess gegen ihren Arbeitgeber gewonnen hat, in dem es um gleiche Bezahlung für Männer und Frauen geht, macht weitere Veränderungen im Haus notwendig. Ahmed steht laut Urteil eine Nachzahlung von fast 700'000 Pfund zu, umgerechnet rund 890'000 Franken, weil sie für ihre Radiosendungen zwischen 30 und 50 Prozent weniger verdiente als ihre Kollegen. Die BBC selbst diagnostizierte für 2019 einen Gender Pay Gap von 6,7 Prozent, 2017 lag er noch bei 9,3 Prozent. Hall hatte an­gekündigt, die Gehaltskluft zwischen Frauen und Männern bis 2020 zu schliessen. Zu spät, zu langsam, sagen die BBC-Frauen.

Erstklassige Serien

Und dann ist da noch die grosse Frage, die sich Sender überall auf der Welt gerade stellen müssen und auf die auch Hall bislang ­keine Antwort finden konnte: Wie kann man dem erfolgreich wachsenden Streamingmarkt entgegentreten, wie eine ernsthafte Konkurrenz auch für ein Publikum sein, das gar keinen Fernseher, kein Radiogerät mehr besitzt?

In Halls Amtszeit ist viel in diese Richtung passiert – die BBC produziert erstklassige Serien, Filme und Dokus sowie ein Nachrichtenprogramm, das internationale Standards setzt. Und dennoch haben Amazon, Netflix und Spotify die BBC in eine Krise gestürzt, gerade was das junge Publikum angeht. Der Sender selbst gibt an, Leute unter 24 verbrächten mehr Zeit auf Netflix als beim BBC-Fernsehen, selbst wenn man den eigenen Streamingdienst iPlayer dazurechne. Und auch mehr Zeit bei Musikdiensten wie Spotify als beim BBC-Radio.

Gleichzeitig zeigen Studien, dass die BBC noch immer eine der vertrauenswürdigsten Nachrichtenorganisationen Grossbritanniens ist. Das zeigt, wie viel auf dem Spiel steht im anstehenden Kampf um Glaubwürdigkeit, Geld und Publikum.

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