Der heimliche Fünf-Sterne-Patron

Internetunternehmer Davide Casaleggio ist für seine Schüchternheit bekannt. Weniger bekannt ist, dass er das Nervensystem der Cinque Stelle kontrolliert.

Heimlicher Patron: Davide Casaleggio ist
Politiker der Protestbewegung Cinque Stelle. Bild: Reuters/Guglielmo Mangiapane

Heimlicher Patron: Davide Casaleggio ist Politiker der Protestbewegung Cinque Stelle. Bild: Reuters/Guglielmo Mangiapane

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In diesen lauten und eher grellen Zeiten ist Menschenscheu keine verbreitete Eigenschaft, schon gar nicht unter Politikern. Der Mailänder Davide Casaleggio würde es sich aber wohl auch vehement verbitten, dass man ihn einen Politiker nennt. Aber was ist er denn sonst? Man könnte sogar behaupten, dass dieser 42 Jahre alte Internetunternehmer, den die Italiener kaum je in der Öffentlichkeit sehen, nie reden hören, von dem sie auch nur selten lesen, einer der mächtigsten Männer im Land ist. Zur Schüchternheit hingegen steht er: «Sie liegt in der Familie», sagte er einmal.

Davide Casaleggio ist der heimliche und auch etwas unheimliche Patron der italienischen Protestbewegung Cinque Stelle, einer fast unfassbar erfolgreichen Partei mit sehr flüchtigen Positionen und Idealen, je nach Wind. Sie sammelt Stimmen rechts und links, bei den Jungen und den Alten. Bei den Parlamentswahlen am nächsten Sonntag könnte sie auf 28 Prozent kommen. Das wäre mehr als je zuvor in ihrer jungen Geschichte. Die Fünf Sterne wären dann wahrscheinlich die stärkste Partei im Land. Für eine Regierungsmehrheit reicht das zwar nicht. Ein Donnerschlag wäre es allemal.

Jede Minute eine Qual

Casaleggio müsste dann vielleicht wieder mal ins Fernsehen. Erst einmal liess er sich zur Teilnahme an einer Talkshow überreden, vor einem Jahr war das: 44 Minuten dauerte sein Auftritt in der Sendung «Otto e mezzo» auf La 7. Jede Minute schien ihm eine Qual zu sein. Die Zeitungen waren kritisch. Mimik? Null. Eloquenz? Dürftig. Empathie? Die eines Nerds. Er studierte an der Eliteuniversität Bocconi, Spezialgebiet: Onlinehandel.

Davide wird ständig mit seinem verstorbenen Vater verglichen. Gianroberto Casaleggio war einer der Gründer der Cinque Stelle. Er war es gewesen, der das politische und populistische Potenzial entdeckt hatte, das im Komiker Beppe Grillo steckte, seinem Freund. Der alte Casaleggio erfand Grillos Blog. Seine Firma Casaleggio Associati betrieb ihn.

Die Plattform Rousseau

Der Blog entwickelte sich zu einer mächtigen Parallelwelt, in der die Partei gedeihen konnte. Alles sollte im Netz entschieden werden: die Auswahl der Kandidaten, die politische Positionierung. Per Klick, basisdemokratisch. Jede wichtige Sitzung sollte live gestreamt werden. So wollte Casaleggio Italiens Politbetrieb, diese vermaledeite Kaste mit ihren geheimen Deals, aus den Angeln heben.

Vor zwei Jahren starb er. Der Sohn übernahm den Familienbetrieb und auch gleich die Partei. Dynastisch, ohne Wahl. Er verweist gern darauf, dass er keine offizielle Funktion innehabe. «Ich bin nur Aktivist», sagte er einmal. «Ich helfe der Bewegung, und das gratis.» Unlängst jedoch fand die Zeitung «Il Foglio» eine brisante Urkunde. Darin steht, dass Casaleggio Besitzer jener Stiftung ist, an der die Partei und die Internetplatt­- form mit dem schönen Namen Rousseau hängt. Er allein. Auf Rousseau finden alle Urwahlen und Befragungen der Cinque Stelle statt. Davide Casaleggio kontrolliert also das Nervensystem. Er weiss von jedem Mitglied, wie es klickt und tickt. Weniger bekannt ist, wie Rousseau funktioniert. Das wirft ein schiefes Licht auf eine Bewegung, die sich rühmt, durchsichtig zu sein.

Grillo hat sich stark zurückgezogen. Casaleggio führt die Partei nun zusammen mit Luigi Di Maio, dem «Capo politico» der Fünf Sterne. Die beiden verstehen sich offensichtlich blendend. Und sie wollen an die Macht. Plötzlich ist es nicht mehr tabu, Bündnisse zu schliessen mit Parteien aus der bösen Kaste.

Erstellt: 01.03.2018, 22:29 Uhr

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