Der Helfer vermisst Hilfe

Der ostdeutsche Bürgermeister Markus Nierth trat zurück, weil er keine rechten Demos vor seinem Haus wollte.

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Unterstützung in schweren Stunden zu geben, ist sein Beruf. Die Hilfe durch andere vermisste Trauerredner Markus Nierth jedoch. Weil er eine rechtslastige Demonstration vor seinem Haus fürchtete, trat der 46-jährige evangelische Theologe als Bürgermeister des ostdeutschen Ortes Tröglitz zurück.

Nierth, kräftiger Körperbau, grauer Dreitagebart, kantiges Gesicht, sagt, Angst sei nicht der Grund für seinen Rückzug. Er habe seinen sieben Kindern aber eine Auseinandersetzung zwischen Neonazis und Polizei vor seinem Privathaus ersparen wollen.

Herausgeputzt mit viel Wiedervereinigungs-Euros

Der Konflikt im 30 Kilometer südwestlich von Leipzig gelegenen Ort kulminierte am vergangenen Sonntag. In den Monaten zuvor hatte sich Nierth dafür eingesetzt, etwa 40 Flüchtlinge im 2700-Einwohner-Städtchen willkommen zu heissen. Gleichzeitig organisierten Anwohner regelmässige Demonstrationen, um sich gegen die Ankunft der Neuen zu wehren – ähnlich wie bei den Pegida-Kundgebungen in Dresden. Allmählich mischte sich die rechtsradikale NPD ein. Offenkundige Hitler-Fans kamen ebenfalls. Deren Marsch am Sonntag sollte direkt vor Nierths Haus enden. Als das die Polizei im Sinne der Demonstrationsfreiheit erlaubte, trat der parteilose, CDU-nahe Bürgermeister zurück.

«Mir fehlte der gesellschaftliche Mindestschutz», sagte Nierth. «Menschenverachtende braune Ideologie» warf er den Organisatoren des Protests vor. Sie hätten seine Familie «mit brauner Gülle überkippen» wollen.

Tröglitz ist ein normaler Ort im deutschen Osten. In der Umgebung gibt es Baudenkmäler wie den Naumburger Dom aus dem 13. Jahrhundert, alle herausgeputzt mit viel Wiedervereinigungs-Euros. West-Touristen schätzen die durch Abwanderung entleerten Landschaften. Die Arbeitslosigkeit im Burgenlandkreis liegt bei 12 Prozent. Nicht wenige Bewohner pflegen ihren Frust. Die Beteiligung bei Wahlen schwankt zwischen einem Viertel und knapp der Hälfte. Drei von 54 Abgeordneten im Kreistag stellt die NPD, zwei kommen von den Salon-Rechten der Alternative für Deutschland (AFD).

«Tröglitz ist kein rechtsradikaler Ort»

Nierth stammt aus der DDR, durfte mit seinen Eltern vor dem Fall der Mauer ausreisen und kehrte 1999 zurück. In Tröglitz lebt er mit seiner Familie in einem alten Gasthof. Er liebt seine Heimat und legt Wert auf die Feststellung: «Tröglitz ist kein rechtsradikaler Ort.» Leider hätten zu viele Einwohner abgewartet und das Treiben der Demonstranten einfach geschehen lassen. Kritik übt er an den Institutionen und den etablierten Parteien. Die hätten sich intensiver um die Sorgen der Tröglitzer kümmern müssen – und nicht einfach bestimmen, dass Flüchtlinge im Dorf untergebracht werden. Die Asylsuchenden sollen demnächst anreisen, dies hat das Regionalparlament mittlerweile beschlossen.

In Deutschland erhält der Fall erhebliche Aufmerksamkeit. «Hetze gegen Flüchtlinge, Hetze gegen demokratisch gewählte Bürgermeister» sei abzulehnen, erklärte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Auch CDU und Grüne sandten Adressen der Solidarität und Besorgnis. Im Ort selbst hätten die Ereignisse ebenfalls einiges ausgelöst, berichtet Nierth: «Mehr Menschen als vorher sprechen mir jetzt Mut zu.» Auch beim Friedensgebet in der Kirche war der Andrang grösser.

Wird das dazu führen, dass der Ex-Bürgermeister seine Entscheidung rückgängig macht? «Im Moment nicht, aber ich ringe mit mir.»

Erstellt: 10.03.2015, 23:05 Uhr

Markus Nierth. Foto: Keystone

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