Der Hoffnungsträger

Acht Monate vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist der populäre Wirtschaftsminister Emmanuel Macron zurückgetreten. Er könnte den Einzug in den Elysée-Palast schaffen.

«En Marche!» nennt Emmanuel Macron seine Bewegung. Foto: Charles Platiau (Reuters)

«En Marche!» nennt Emmanuel Macron seine Bewegung. Foto: Charles Platiau (Reuters)

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Er war der Star der Regierung Hollande, jung, dynamisch, unverbraucht, eine Art Sonnyboy in einem glücklosen Kabinett. Emmanuel Macron, Philosoph und Weltveränderer, Banker, Pianist, Politiker, wirkte von Anfang an wie ein Mann, der sich nicht einsperren lässt. Kein Wunder, dass die Franzosen ihn sofort liebten. Je tiefer der Präsident in der Missgunst seiner Wähler sank, desto steiler ging die Beliebtheitskurve seines Zöglings nach oben.

Macron ist in seinem Leben noch zu keiner Wahl angetreten. Manche halten das für ein echtes Handicap. Die Wahrheit ist, Macron ist für viele Franzosen der einzige Hoffnungsschimmer am tris­ten politischen Horizont. Für andere verkörperte der parteilose Wirtschaftsminister den Verrat der Sozialisten an ihren Idealen. Im Juni war er mit Eiern beworfen worden. «Keine würdevolle Begrüssung für den Mann, der Frankreichs nächster Präsident sein könnte», schrieb das US-Magazin «Time».

Damit war es amtlich. Macron könnte es werden. Präsident. Er wird sich im Mai 2017 zur Wahl stellen, sicher nicht auf dem Ticket der Sozialisten, viel wahrscheinlicher als wendiger Nonkonformist, als Neoliberaler mit sozialen Überzeugungen, der für jeden etwas, aber vor allem eins zu bieten hat: Hoffnung. Dass er gewinnen könnte, scheint im Augenblick eher unwahrscheinlich. Auszuschliessen ist es aber nicht.

Sein Rücktritt am Dienstag ist keine Überraschung. Eigentlich kommt er sogar einen Tick zu spät. Macron, seit genau zwei Jahren und vier Tagen Wirtschaftsminister, zuvor Wirtschaftsberater im Elysée-Palast, hat zu lange auf zwei Hochzeiten getanzt. Er war Teil der Regierung und wollte zugleich einen politischen Neuanfang verkörpern. Er wollte dem Präsidenten die Treue halten, sich aber doch selbstständig machen. Macrons Nachfolger wird Finanzminister Michel Sapin. Er übernimmt das Wirtschaftsressort zusätzlich.

Interviews mit Fussnoten

Dass Macrons Rücktritt in die Phase der schulischen und politischen «rentrée» fallen könnte, die in Frankreich der eigentliche Beginn des Jahres ist und für Neubeginn steht, hat sich in den vergangenen Tagen angekündigt. Macron gab ein Interview, das sich wie ein Fazit seiner Amtszeit als Minister liest. Er liefert darin seine Diagnose des Zustands Frankreichs und lässt keinen Zweifel daran, dass er das Land verändern wird: «Ich bin dabei, ein fortschrittliches Angebot zu entwickeln und so voranzutreiben, dass es im Mai 2017 siegt.» Das Angebot wohlgemerkt. Nicht er. Als ob es hier um mehr gehe als Eitelkeit.

«Progressivismus» ist das Wort, das man sich merken muss. Nicht mit Fortschritt zu verwechseln. Wer nachliest, stellt fest: Es handelt sich um eine politische Philosophie, die sich als Gegenbewegung zum Konservatismus versteht. Macron ist, nebenbei gesagt, der einzige Minister, dessen Interviews mit Fussnoten in der Presse erscheinen. Progressivismus muss man nicht verstehen, um Hoffnung mitzuhören.

Anfang April hat der 38-Jährige seine eigene politische Bewegung ins Leben gerufen. «En Marche!» hat er sie genannt, «Auf gehts!». Das Kürzel steht natürlich auch für sein Monogramm, «EM». So viel zur Eitelkeit. Bis heute will er sie nicht als Partei bezeichnet wissen.

Knapp 60'000 Mitglieder hat seine Bewegung inzwischen. 16'000 Freiwilligen sind wochenlang durch Frankreich gezogen und haben ihre Landsleute befragt: «Was läuft Ihrer Ansicht nach gut in Frankreich, was schlecht?» Tausende von Fragebögen sind zusammengetragen worden, die Macron in diesem Sommer als Basis für seine Diagnose Frankreichs dienten: ein Land, dem es weder gut noch komplett schlecht gehe.

Jedenfalls kein «Kuba ohne Sonne», wie er es anfangs mal warnend formuliert hatte, als François Hollande die Reichensteuer von 75 Prozent einführen wollte. Macron mag die Phrasendrescherei des Politikbetriebs nicht beherrschen – mit Worten weiss er umzugehen. Als Gymnasiast schrieb er mit seiner Lehrerin heimlich Theaterstücke – und versprach, sie zu heiraten. Brigitte Trogneux, seit 2007 seine Ehefrau, ist knapp ein Vierteljahrhundert älter als er. Bis hin in sein Privatleben scheint Macron beweisen zu wollen, dass Regeln und Konventionen für ihn nicht gelten. Korsetts, auch im Denken, sind seine Sache nicht. Aber was wird er den Franzosen anbieten: mehr als heisse Luft und schöne Versprechen? Seiner Diagnose will Doktor Macron bald einen «Plan des Wandels» folgen lassen, kein Programm. Also nicht «viele Massnahmen, wenig Erklärungen», sondern eine klare Vision: «wenige, starke Vorschläge und ihre Umsetzung im Detail».

Aus der Sommerpause meldete sich Macron mit einem Besuch im historischen Freizeitpark Puy-du-Fou wieder, wo er ein für Macron typisches Geständnis machte: «Ich bin kein Sozialist.» So deutlich hatte er es noch nie zuvor formuliert. Bislang hatte er nur mit «weder rechts noch links» kokettiert.

Eine Revolution

Kein Sozialist? Aber was dann, Sprecher der Politikverdrossenen? Jemand, der nicht am Patienten Frankreich herumdoktern will, keine Anpassungen oder Reförmchen für den Staatsapparat vorlegen will, sondern eine Revolution? «Frankreich verändern», rief er am 12. Juli seinen Anhängern zu, «mit den Franzosen.» Auch Macron weiss, dass es letztlich immer am Volk gescheitert ist. Gemeint hat er deshalb: Frankreich retten, seine wirtschaftlichen Probleme lösen, die Gesellschaft von ihrem Selbsthass befreien. Das klingt, zugegeben, zu schön, um wahr zu sein.

«Unser Land hat keine Zeit mehr zu verlieren», warnt Macron. Auch er hat es eilig. Doch sollte er im Mai verlieren, wäre er 2022, mit Mitte vierzig, immer noch ein junger Kandidat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 21:42 Uhr

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