«Der Jihadismus will Europa in einen Bürgerkrieg stürzen»

Der französische Islamexperte Gilles Kepel ist überzeugt, dass sich der Islamische Staat mit den Paris-Attentaten selber schadete.

Der IS wird versuchen, in Europa weitere Attentate zu begehen: Gilles Kepel, Soziologe und Islamexperte. (RGA/REA/Laif)

Der IS wird versuchen, in Europa weitere Attentate zu begehen: Gilles Kepel, Soziologe und Islamexperte. (RGA/REA/Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Europol hat kürzlich vor neuen islamistischen Attentaten gewarnt. Und die französischen Behörden behaupten, sie hätten zehn Anschläge des Islamischen Staates verhindert, die teilweise schlimmer gewesen wären als jene vom 13. November in Paris. Halten Sie das für wahrscheinlich?
Solange die Behörden die näheren Umstände der angeblich vereitelten Terrorattacken verschweigen, ist das schwer einzuschätzen. Sicher ist, dass der IS versuchen wird, in Europa weitere Attentate zu begehen. Es fragt sich allerdings, ob dies politisch klug ist. Meiner Meinung nach haben die Attentate in Paris der Terrormiliz eher geschadet als genützt.

Warum?
Der Jihadismus muss den sogenannten Feind terrorisieren und gleichzeitig neue Anhänger gewinnen. Sein Ziel besteht darin, Europa in einen religiös motivierten Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu stürzen. Er will alle Gläubigen hinter sich scharen und die Ungläubigen in die Arme rechtsextremer islamophober Parteien treiben. Diese Strategie ist schon beim Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» gescheitert. Die Attentate des 13. November 2015 waren noch kontraproduktiver, weil sie sich nicht gegen Kritiker des Islams richteten, sondern gegen die französische Gesellschaft schlechthin, Muslime eingeschlossen. Selbst Salafisten haben sich danach vom Jihadismus distanziert, und selbst in französischen Gefängnissen einsitzende Anhänger des IS haben gesagt, die Attentäter seien am 13. November in Paris zu weit gegangen.

Und das ist glaubwürdig?
Ja, denn es gibt auch eine Form des Salafismus, der zwar westliche Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung, Emanzipation, Laizismus ablehnt, aber nicht gewalttätig ist. Der Islamische Staat hingegen setzt auf eine Eskalation der Gewalt und Brutalität. Haben Sie das jüngste Enthauptungsvideo gesehen?

Nein.
Umso besser, denn es ist monströser als alle zuvor verbreiteten. Das Schrecklichste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Es zeigt die Enthauptungen in voller Länge, ohne dass das Video irgendwie bearbeitet worden wäre. Und die Opfer waren alle Muslime. In der Geschichte des Jihadismus haben sich solch blindwütige Gewaltexzesse stets als politische und strategische Fehler erwiesen, etwa während der 1990er-Jahre in Algerien oder Ägypten. Im erwähnten Enthauptungsvideo werden die Opfer als Abtrünnige bezeichnet. Nach den Kriterien des IS sind fast alle Muslime Abtrünnige. Der Kampf der Terrormiliz richtet sich deshalb selbst aus der Sicht eines gläubigen Muslims nicht nur gegen den Westen, sondern auch gegen die eigene Religion.

Ist innerhalb des IS niemand in der Lage, die selbstschädigende Wirkung solcher Gewaltexzesse zu erkennen?
Nein. Der IS hat sich in eine Spirale der Grausamkeit hineinbegeben, die er selber nicht mehr stoppen kann. Seine Anhänger sind unfähig, ihre Internet-Phantasmagorie von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Um die internationale Medienaufmerksamkeit zu erhalten, fühlen sie sich getrieben, immer blutigere Anschläge zu begehen und immer grässlichere Videos zu publizieren.

Nach den Attentaten in Paris hat der Front National noch mehr Zulauf erhalten. Die Strategie der Jihadisten, die Gesellschaft zu polarisieren, scheint also zu funktionieren.
Der Front National hat bei den Regionalwahlen zwar zugelegt, aber er konnte keine einzige Region erobern. Sein Aufstieg hat schon lange vor den Attentaten eingesetzt. Die Gründe dafür sind nicht in erster Linie Terroranschläge, sondern die massive Einwanderung von Muslimen und die Unfähigkeit der traditionellen Parteien, die dadurch entstandenen sozialen Probleme zu lösen.

Sie haben kürzlich den Islamischen Staat mit dem Front National gleichgesetzt. Damit sind Sie zu weit gegangen.
Nein. Ich habe den Front National nicht einfach mit dem IS gleichgesetzt. Sondern erklärt, dass beide Gruppierungen Verschwörungstheorien verbreiten und sich dadurch einen Teil ihrer Identität erschaffen. Der Front National glaubt an eine zionistisch-amerikanische Verschwörung, die Jihadisten an eine Verschwörung der Ungläubigen. Darauf hat die FN-Vorsitzende Marine Le Pen auf Twitter Bilder von enthaupteten IS-Gefangenen publiziert, um den Unterschied zwischen den beiden Organisationen zu demonstrieren. Ihre hysterische Reaktion hat dazu beigetragen, dass mein jüngstes Buch ein Bestseller wurde.

Sie sprechen in Ihrem Buch von der dritten Generation der Jihadisten. Was zeichnet sie aus?
Die Benutzung des Internets als Propagandawaffe. Das Grundlagenwerk des heutigen Jihad hat ein Syrer namens Abu Musab al-Suri 2005 unter dem Titel «Appell zum weltweiten islamischen Widerstand» im Internet veröffentlicht. Es umfasst 1600 Seiten und ist von Geheimdiensten und Terrorexperten viel zu wenig beachtet worden.

Worin liegt seine Bedeutung?
Der in Frankreich ausgebildete und mit einer Spanierin verheiratete Ingenieur Abu Musab al-Suri hat vorweggenommen, was heute geschieht. Im Unterschied zu Osama Bin Laden sind für ihn nicht die USA, sondern die europäischen Länder das Hauptziel des islamistischen Terrors. Die schlecht integrierten, arbeitslosen muslimischen Jugendlichen der französischen Vorstädte sieht er als unerschöpfliches Rekrutierungspotenzial für den Jihad. Im Gegensatz zur hierarchisch organisierten Terrororganisation al-Qaida propagiert er ein aus Einzelpersonen und kleinen Gruppierungen bestehendes Terrornetzwerk, das sich in den Ländern der Ungläubigen ausbreiten soll. Al-Suris Formel lautet: Ein System statt einer Organisation.

Was zeichnet die jüngste Jihadisten-Generation sonst aus?
Die überragende Bedeutung der Gefängnisse für die Rekrutierung neuer Mitglieder. In Frankreich sind etwa 70 Prozent der Gefängnisinsassen Muslime. Ihnen wird von radikalisierten Mitgefangenen eingetrichtert, dass nicht sie schuldig seien, sondern der Atheismus, die moderne laizistische Gesellschaft, die rassistischen Islamgegner. Der Jihadismus pervertiert die Verbrechen, derentwegen die jungen Muslime im Gefängnis sitzen, zu Tugenden: Die Fähigkeit und Bereitschaft, jemanden zu überfallen, auszurauben, zu töten, werden positiv gedeutet – vorausgesetzt, sie dienen nicht der persönlichen Bereicherung, sondern einem religiösen Ziel.

Warum ist Frankreich das bevorzugte europäische Ziel der Jihadisten?
Wir haben es mit einem vorwiegend arabischen Jihad zu tun, nicht mit einem türkischen oder pakistanischen. Frankreich ist das grösste arabische Land in Europa, und es ist eine ehemalige Kolonialmacht. Der Hass, der während des Algerien-Krieges entstanden ist, wirkt in vielen Einwandererfamilien nach. Ausserdem ist Frankreich in den Augen der nordafrikanischstämmigen Islamisten die Brutstätte der Aufklärung, also des Atheismus.

Wie reagieren sie darauf?
Indem sie sich schämen, Französisch zu sprechen, obwohl es ihre Muttersprache ist. Ali Belhadj, der wichtigste Ideologe der algerischen Islamischen Heilsfront, hat gesagt, sein Hass richte sich besonders gegen jene Algerier, welche die vergiftete französische Sprache und Kultur wie ihre Muttermilch eingesaugt hätten.

Wie viele gewaltbereite Islamisten gibt es gegenwärtig in Frankreich?
Man weiss, dass rund 1500 Personen in das Territorium des IS gereist und dass einige von ihnen wieder zurückgekehrt sind. Und dass die Geheimdienste etwa 8000 Personen als gewaltbereit einstufen.

Ist Frankreich als Einwandererland gescheitert?
Es gibt in Frankreich Anzeichen für die Existenz von Parallelgesellschaften. In bestimmten Vororten ist der Einfluss der Salafisten mittlerweile so stark, dass es sich ein Muslim kaum mehr erlauben kann, tagsüber während des Ramadans öffentlich zu essen, zu rauchen oder zu trinken. Es gibt französische Politiker aus allen Parteien, die sich mit diesen Zuständen abgefunden haben und sogar mit den Salafisten paktieren, weil sie glauben, den sozialen Frieden retten zu müssen.

Was halten Sie davon?
Das mag kurzfristig funktionieren, aber längerfristig spaltet sich so die Gesellschaft. Die Kinder der Einwanderer haben miserable berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, weil in Frankreich die Arbeitslosigkeit hoch ist, weil die Wirtschaft nicht anspringt, weil die Eliten versagt haben.

Frankreichs Präsident François Hollande sieht sein Land in einem Krieg gegen den Islamismus.
Das ist Unsinn. Der Krieg findet zwischen den Armeen im Nahen Osten statt, und nicht in Frankreich. Der Kampf gegen die französischen Islamisten ist Aufgabe der Polizei und der Geheimdienste. Von einem Krieg zu sprechen, bedeutet, in die Falle der Extremisten zu tappen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2016, 21:36 Uhr

Gilles Kepel

kommt nach Zürich

Gilles Kepel (60) ist Soziologe und einer der führenden französischen Experten für den politischen Islam, für Islamismus und die Banlieues. Sein neues, noch nicht auf Deutsch übersetztes Buch, heisst: «Terror im Hexagon. Die Genese des französischen Jihad.» Kepel, der an verschiedenen Pariser Universitäten lehrt, wird am 18. Mai an einem Anlass des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung einen Vortrag zum Thema «Jihad in Europa» halten. 18. 30 Uhr, Universität Zürich, Rämistrasse 71.

Artikel zum Thema

Polizei prüft nach Razzien Spur zu Paris-Attentätern

Nach der Razzia gegen Islamisten prüfen Ermittler Medienberichten zufolge eine Spur zu den Tätern von Paris. Der Hauptverdächtige reiste offenbar als Flüchtling ein. Mehr...

«Die Grenze liegt dort, wo der Terror beginnt»

Interview Geheimdeal mit der PLO, mögliche Flüchtlingsströme über die Schweiz und der Umgang mit Syriens Machthaber. Bundesrat Didier Burkhalter hat grosse Themen auf der Agenda. Mehr...

Mauer gegen den Terror

Bagdad erhöht die Sicherheitsvorkehrungen. Die irakische Hauptstadt wird mit einem drei Meter hohen Schutzwall abgeriegelt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...