Der Klang der Krise

Der Ansturm der Flüchtlinge hat Griechenland destabilisiert. Innenminister Panagiotis Kouroumblis strahlt trotz allem Ruhe aus.

Nicht nur seine Mitarbeiter bewundern ihn: Der blinde Innenminister Panagiotis Kouroumblis. Foto: Wassilios Aswestopoulos (NurPhoto, dpa)

Nicht nur seine Mitarbeiter bewundern ihn: Der blinde Innenminister Panagiotis Kouroumblis. Foto: Wassilios Aswestopoulos (NurPhoto, dpa)

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Er sieht nicht, aber er hört alles. Panagiotis Kouroumblis kennt das Gerede. Wieso hat er nur immer so schöne Frauen um sich? Das kann doch kein Zufall sein. Die schwarze Sonnenbrille, die er auch im Büro nie abnimmt – nur Show vielleicht? Er hat auch keinen Blindenstock. Mitleid will er sowieso keines.

Kouroumblis hat Plätze im Dionysos reserviert. Das war der Gott des Weines, des Rausches. Das Restaurant liegt zu Füssen der Akropolis. Die Nachmittagssonne steht tief. Als sei sie heute nur aufgegangen, um die Akropolis anzustrahlen. Von der Terrasse des Restaurants haben ausser Kouroumblis alle einen tollen Blick. Stil hat er also auch.

Kouroumblis stochert mit der Gabel auf seinem Teller. So unauffällig wie möglich hat Ioanna Skondra, seine Assistentin – 26 Jahre alt und, ja: eine schöne Frau –, ihm das Besteck zugeschoben. Sie hat ihm auch drei Oliven auf den Teller gelegt. Für Kouroumblis beginnt jetzt ein Suchspiel. Diesmal geht es so aus: Zwei von drei Oliven gefunden, als das Slow-Food-Lamm gebracht wird. Kouroumblis spürt den Kellner an seinem Oberarm. Er weicht mit dem Oberkörper ein paar Zentimeter zurück, um Platz zu machen.

Typisch Griechenland?

Die Leute mögen glotzen. Sie mögen reden. Die Frage lautet ja: Wer hat hier tatsächlich nicht alle Sinne beisammen? Man könnte es sich einfach machen und auch ein bisschen böse sein. Die Griechen, wieder: Haben die Schuldenkrisen nicht kommen sehen. Sind mit der Flüchtlingskrise überfordert. Und dann macht Premier Alexis Tsipras auch noch einen Blinden zum Minister. Typisch.

Kouroumblis ist Innenminister. An seinen Polizisten lassen die Bürger ihren Ärger über das Sparprogramm aus, das Tsipras – der einmal als Antisparer angetreten war – von seinen Verhandlungen in Brüssel mitgebracht hat. Die Migrationsbehörde untersteht Kouroumblis auch. Seit die Route über den Balkan nach Westeuropa zu ist, sind Tausende Flüchtlinge in Griechenland gestrandet. Krise überall. Unterwegs mit einem ­Innenminister, der trotzdem mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt: Stellt euch bitte nicht so an.

«Haben Sie Hoffnung!»

In Ruhe mittags essen? Das geht nicht einmal in Dionysos’ Reich. Selbst für die Sehenden am Tisch taucht die Frau aus dem Nichts auf. Roter Schal, rote Brille, roter Lippenstift. In den Fünfzigern vielleicht. Sie kommt gleich zum Punkt: 30 Jahre lang habe sie in Athener Ministerien gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde sie rausgeschmissen. Jetzt will sie von Kouroumblis wissen, ob sie Hoffnung haben kann, dass ihre Rente nicht noch einmal gekürzt wird.

«Haben Sie Hoffnung!», sagt er. Die paar Worte genügen der Frau schon. Keine Wut in ihrer Stimme, keine Vorwürfe. Eine Vergewisserung nur, mehr wollte sie nicht. Das erlebt man selten, wenn man in Griechenland mit Politikern unterwegs ist. Am Haus von Ministerkollege Alekos Flambouraris haben sich Unbekannte gerade mit ­Molotowcocktails abreagiert.

Er verlässt sich auf sein Gefühl

Tsipras hat Kouroumblis einen schwierigen Job übertragen. Die beiden Männer haben sich gegenseitig eine Chance gegeben, wenn man so will. Kennen gelernt haben sie sich 2011 am Rande einer Beerdigung des Alt-Linken Leonidas Kyrkos. Kouroumblis war gerade von seinen Pasok-Sozialisten aus der Partei rausgeworfen worden, weil er ­gegen die Sparpolitik gestimmt hatte. Tsipras war Oppositionspolitiker, seine Syriza noch eine 4-Prozent Partei.

Kouroumblis hatte ein gutes Gefühl, als er Tsipras’ Hand drückte und seine Stimme hörte. Darauf verlässt er sich. In seinem ersten Kabinett machte Tsipras den Blinden zum Gesundheitsminister. Dann kam der politisch heisse Sommer 2015, in dem Tsipras sein Versprechen aufgeben musste, die Sparpolitik zu beenden. Danach hatte er auch in den eigenen Reihen nicht mehr viele Unterstützer. Kouroumblis blieb loyal. Trotz allem. Nach der Neuwahl im September beförderte Tsipras Kouroumblis.

Er trifft Leute, die seine Hand nicht mehr loslassen wollen, und andere, die zögern, sie ihm zu geben, und es aber doch tun. Wer verweigert einem Blinden die Hand, wenn er danach verlangt?

Die Krise berührt ihn nicht

Deshalb hat Tsipras ihn ausgewählt. Dieser Mann kommt auch dann noch weiter, wenn andere längst das Vertrauen verloren haben. Für das operative Geschäft im Ministerium, für die Auseinandersetzungen mit der schwierigen Polizeiabteilung, hat Kouroumblis seine Vizes, mit Nikos Toskas sogar einen früheren General.

Kouroumblis lässt sich von der Krise berühren. Er kennt ihren Sound. «Ihr Klang ist traumatisierend», sagt er. Er kennt den erdigen Aufschrei der griechischen Bauern. «Viel heisser, viel tierischer als wenn Beamte auf die Strasse gehen», findet er. Die Bauern hatten nie dieses Sicherheitsgefühl erlebt wie die Beamten. Die Bauern wissen nicht, wie die nächste Ernte wird. Wenn jetzt auch noch der Staat wie ein Unwetter über sie hereinbricht, dann Gnade Gott! Über den «Protest in Krawatten» – jener der Anwälte, die sich gegen steigende Beiträge für die Sozialversicherung wehren – amüsiert sich Kouroumblis. Er ist selbst Anwalt.

Er muss aber jetzt auch wieder raus auf die Strasse. Nächster Termin. Draussen wartet sein schwarzer Wagen mit laufendem Motor. Die Pause ist vorbei.

Ein Oberarm genügt

Das gilt auch für Kostas Kousaris, 28 Jahre alt. Er sitzt im zweiten Auto. Er ist Personenschützer. Es ist das erste Mal, dass der Polizist auf einen Blinden aufpassen muss. «Das Schwierigste ist, ihn vor Unfällen zu schützen.» Und die aufgebrachte Menge? Die beruhige sich ganz schnell, wenn Kouroumblis auftauche. Kousaris steht immer links vom ­Minister. Ihre Oberarme berühren sich. Das genügt Kouroumblis. Er will nicht gestützt werden, das sieht nach Schwäche aus. Er will nur sicher sein, wer neben ihm steht. Nur einmal hatte Kousaris Angst um seinen Chef, als ein Hund auf Kouroumblis zustürmte. Da hatte er die Hände am Abzug seiner Waffe.

Die Kolonne ist am Ziel: «Griechische Welt» steht an der Fassade des Kulturzentrums. Emmanuel Sfakianakis, Chef der Abteilung Cyber-Kriminalität, stellt gleich sein neues Buch vor. Kouroumblis lässt sich von seiner Assistentin in Reihe sechs führen. Der Gang ist schmal, Halbschuhe ragen in den Weg hinein. Eigentlich ist nicht vorgesehen, dass Kouroumblis zu den Gästen spricht. Aber dann hebt er den Arm und lässt sich ans Podium führen. «Meine Damen, meine Herren, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.» Er frage sich manchmal, ob sein Mitarbeiter mehr in den Job als in seine Frau verliebt sei. Das Buch sei «ein Werk der Seele». Cyber-Kriminalist Sfakianakis hat kein Problem damit, einen Blinden als Chef zu haben. «Ich habe 19 Minister kennen gelernt. Kouroumblis ist der produktivste», sagt er. «Er ist über alles informiert.»

Die Explosion einer deutschen Handgranate überlebt

Kouroumblis weiss auch, wie die Akropolis aussieht. Von unten. Er war zehn, als er seinen Onkel in Athen besuchte. Er bereut, dass sie damals nicht zusammen hochgelaufen waren, um den Ausblick zu geniessen. Denn das war die letzte Gelegenheit.

Kouroumblis kommt aus einem Dorf in Westgriechenland. Im selben Jahr, 1961, spielte er mit Freunden an einem Fluss, an dem die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg eine Brücke gesprengt hatten. Sein Freund fand im Boden eine Granate. Sie explodierte. Der Freund starb. Kouroumblis überlebte. Heute sagt er: «Wenn diese Handgranate mich nicht töten konnte, was dann?»

Er studierte, er demonstrierte, er lehnte sich gegen die Militärdiktatur auf. Er baute Blindenorganisationen auf und ging dann in die Politik. Er hat geheiratet und zwei Kinder. Er hat die wichtigen Stationen in seinem Leben in einem Video fürs Internet zusammenschneiden lassen. Immer ist er mit Sonnenbrille zu sehen. Selbst als er als Student verhaftet wird, sieht er nicht aus wie einer, der Hilfe will.

Geheimnisse kann er sich nicht leisten

Seine Mitarbeiter bewundern ihn. Panos Stenos (41), roter Pulli und Sport­rucksack, begleitet ihn auf Auslandsreisen. Er arbeitet seit 2012 für Kouroumblis, als er noch viel Lobbyarbeit für Blinde machte. Einmal waren sie nur zu zweit auf einem Kongress in Paris. Stenos dachte, das kann ja was werden. Jetzt müsse er Kouroumblis die ganze Zeit bemuttern. Aber der Politiker machte die Hotelzimmertür hinter sich zu. Man sah sich frisch rasiert am nächsten Morgen wieder. Stenos half nur, die Krawatte zurechtzuzupfen. Und vor der Abreise schaute er einmal durchs Zimmer, ob sein Boss etwas vergessen hatte. «Das wars», sagt Stenos.

Heute hat Innenminister Kouroumblis immer eine Handvoll Menschen um sich. Immer ist jemand an seiner Seite, der ihm den Inhalt von Kurznachrichten ins Ohr flüstert. Ioanna Skondra sagt: «Wir sehen für ihn. Wir vertrauen uns.» Geheimnisse kann sich Kouroumblis nicht leisten.

Leben für den Chef

«Er eröffnet dir eine völlig neue Welt», sagt Ioanna Skondra. «Wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann schau ihn an.» Skondra ist 26. Sie hat studiert, Internationale Beziehungen. Sie fängt an, wenn der Chef morgens anfängt. Schluss ist, wenn er Schluss macht. Es bleibt kaum Zeit, Freunde zu sehen. Viele ihrer Freunde sind arbeitslos. Sie leben genau unter den Umständen, die Tsipras und seine Regierung versprochen hatten, abzuschaffen. Nun spart diese Regierung weiter Milliarden ein.

Als sie vergangenes Jahr die Büros im dritten Stock des Ministeriums bezogen, hat niemand angefangen, für Kouroumblis das Haus behindertengerecht umzubauen. Die Farbe blättert von den Wänden, der Boden hat Risse. Dass in der ­Deckenleuchte in seinem Amtszimmer zwei Glühlampen nicht funktionieren, kann höchstens dem Minister egal sein.

In Kouroumblis' Job brennt es

Es ist nach 21 Uhr. Kouroumblis hat noch Termine. Zwei Feuerwehrleute sind zu Gast. Es gibt Probleme bei der Ausbildung des Nachwuchses. Makis Tsiougris, 45 Jahre alt, Kapuzenpulli, trägt sein Anliegen vor. Kouroumblis hört zu, greift zum Hörer und ruft den zuständigen Generalsekretär an. Als er auflegt, bekommt Makis Tsiougris das Versprechen, dass er sich darum kümmern werde. Nach zehn Minuten ist der Termin vorbei.

«Mich hat beeindruckt, dass er gleich versucht, eine Lösung zu finden», sagt Tsiougris. Ob er sich vorstellen könnte, bei der Feuerwehr unter einem blinden Chef zu arbeiten? «Unmöglich», sagt er. «Wir haben grossen Brände, wie sollte er da den Überblick behalten.» In Kouroumblis Job brennt es auch, denkt man. Nur dieses Feuer sieht man nicht.

Erstellt: 10.03.2016, 21:41 Uhr

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