Der kleine Cavaliere

Urbano Cairo war der Assistent von Silvio Berlusconi, heute ist er selbst einer der mächtigsten Medienmacher Italiens. Seine Karriere wirkt, als wolle er den Meister kopieren. Ein Porträt von Oliver Meiler, Rom

«Ich bin reserviert, sogar etwas scheu; Berlusconi ist schon viel extrovertierter», sagt dessen langjähriger Angestellter Urbano Cairo. Foto: Valerio Pennicino (Getty Images)

«Ich bin reserviert, sogar etwas scheu; Berlusconi ist schon viel extrovertierter», sagt dessen langjähriger Angestellter Urbano Cairo. Foto: Valerio Pennicino (Getty Images)

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Am Telefon klingt sogar seine Stimme wie die von Silvio Berlusconi. Nasales Timbre, lang gezogenes «A», schrilles «E», mailändisch eben. Besonders prägnant ist es, wenn Urbano Cairo «cartaceo» sagt, «papieren». Und dieses Wort braucht er nun mal besonders oft.

Urbano Cairo, 60 Jahre alt, aus Mailand, ist Italiens König des Papiers, Grossverleger von Zeitungen und Zeitschriften. Er gibt viele billige Heftchen mit grossen roten Titeln heraus, dazu aufwendig gemachte Freizeitmagazine wie «Airone» und «Bell’Italia», die in den Wartezimmern der Arztpraxen liegen. 1,8 Millionen Exemplare, jede Woche. Neuerdings gehören ihm auch der «Corriere della Sera», Italiens auflagenstärkste Tageszeitung, und die «Gazzetta dello Sport», die grösste Sportzeitung. Und La7, der vielleicht beste Fernsehsender im Land, gehört ihm auch. Und die AC Torino, ein Fussballverein aus der höchsten Profiliga, der Serie A.

Zeitungen, Fernsehen, Fussball – die Parallelen mit Berlusconi, bei dem er einst als persönlicher Assistent begonnen hatte, sind so erstaunlich vielfältig, dass man Cairo in Italien auch den «piccolo Berlusconi» nennt, den kleinen Berlusconi. Nur, klein ist er schon lange nicht mehr. Viele glauben, dass auch Cairo bald in die Politik wechseln wird. Gefragt wurde er schon oft: «Man soll ja nie nie sagen», sagt er, gebauchpinselt. Es fehle ihm aber gerade die Zeit, um an solche Dinge zu denken.

Online kümmert ihn nicht

Es war dann auch nicht einfach, einen Interviewtermin zu bekommen. Alle Geschäftszweige der Cairo Communication sind in der Budgetphase, und da der Chef, den sie im Betrieb «presidente» rufen, alles persönlich firmiert, jede Rechnung, und dafür oft bis tief in die Nacht im Büro sitzt, wählte Cairo einen Samstag, 12 Uhr; er sei unterwegs und könne telefonieren. Der erste Anruf geht ins Leere, er ruft sofort zurück. Cairo will gleich wissen, wie viel denn eine Ausgabe des «Tages-Anzeigers» am Kiosk in Zürich koste, er sei nämlich der Meinung, die Zeitungen müssten billiger werden, nicht teurer: «Wenn die gedruckte Presse schon eine komplizierte Phase durchmacht, sollten wir unsere Käufer doch nicht mit höheren Preisen verschrecken», sagt er. Cairo liebt den Print, er glaubt an ihn; es hört sich manchmal so an, als wäre er aus der Zeit gefallen. «Wenn ich 85 Prozent meines Umsatzes mit Gedrucktem verdiene», sagt er, «dann stecke ich den grössten Teil der Gewinne wieder in den Print, um noch bessere und schönere Zeitungen zu machen – vielleicht nicht gerade 85 Prozent der Gewinne, aber 70 Prozent schon.» Von Online verstehe er nicht so viel, vor allem habe er noch nicht verstanden, wie man mit Online Geld verdiene. Darum kümmerten sich andere im Unternehmen.

Politisch bleibt er ein Freigeist, interessant für die rechte und die linke Mitte. Alle Lager umgarnen ihn.

Im Hintergrund hört man Stimmen, Kinder lachen, Kolben klacken, wohl eine Mailänder Café-Bar, und Cairo rechnet am Telefon mal schnell vor, wie hoch die Rendite seiner Verlage ist, addiert dafür hohe Millionenbeträge, zieht die Ausgaben ab, die Steuern, alles im Kopf. Er ist zuerst Unternehmer.

In die grosse Geschäftswelt schaffte er es mit einem frechen Telefonanruf bei der Firma von Berlusconi, Anfang der 80er-Jahre. Cairo hatte eben erst die Bocconi absolviert, Mailands private Wirtschaftsuniversität. Berlusconi war damals vor allem bekannt für seine Immobilienprojekte, für eine Werbeagentur, die Publitalia hiess, und für den Canale 5, einen Fernsehsender. Der junge Cairo rief die zentrale Nummer an und verlangte nach Berlusconi. Der Dame am Empfang, die ihn abwimmeln wollte, sagte er, er habe da zwei brillante Geschäftsideen für Berlusconi, die er diesem unbedingt persönlich vortragen müsse. Berlusconi mochte den Mut, lud ihn zu sich ins Büro ein und stellte ihn sofort an. «Da war ich ein kleiner Junge», sagt Cairo, ein «ragazzino».

14 Jahre blieb Cairo bei Berlusconi. Er war dessen Schatten, machte Station bei Publitalia und bei Giorgio Mondadori, dem Zeitschriftenverlag, den er später aufkaufte. Unternehmerisch habe er viel gelernt, sagt Cairo. Charakterlich seien sie aber sehr verschieden. «Ich bin reserviert, sogar etwas scheu; Berlusconi ist schon viel extrovertierter.» Cairo erzählt auch immer gern, dass ihn Berlusconi rausgeschmissen habe. Nicht dass er ihm das noch übelnähme, es ist lange her, auch will er seine eigene Erfolgsgeschichte nicht als Revanche verstanden wissen: Zu diesem Gefühl sei er gar nicht fähig. Und doch wirkt seine ganze Karriere wie ein Versuch, den Meister zu kopieren.

Fussball gibt ihm Liebe

Als Cairo gefragt wurde, ob er Turin nicht einen Gefallen tun könnte und die AC kaufen würde, griff er sofort zu. Das war vor zwölf Jahren. Der Verein lag am Boden, pleite, abgestiegen in die Serie B. Die Cairos, die ursprünglich aus dem Piemont stammen, waren immer schon Fans des Toro, des Stiers, wie die Mannschaft auch gerufen wird. Er investierte 60 Millionen Euro, litt und kämpfte, wurde gefeiert und auch kritisiert, etablierte den Verein aber wieder fest in der Elite. «Geliebt zu werden, ist schön», sagt Cairo. «Und diese Art Liebe gibt dir in Italien nur der Fussball.» Der Satz könnte von Berlusconi sein.

Vor fünf Jahren kaufte Cairo dann La7. Der kleine Fernsehsender hatte versucht, das Duopol aus der staatlichen Rundfunkanstalt RAI und Berlusconis privater Mediaset aufzubrechen. Mit wenig Erfolg. Irgendwann war es Telecom Italia zu blöd, wegen La7 jährlich 100 Millionen Euro zu verlieren. «Sie schenkten mir den Sender», sagt Cairo, so verzweifelt seien sie gewesen. Und er tat, was er überall tut, wo er hinkommt: Er machte einen Check-up und stutzte dann mit ganz eigener Brutalität die Betriebskosten. Er handelt jeweils alle Verträge neu aus – «tutti!» – jede Zulieferung, die Kosten für die Büroreinigung, der Getränkeautomaten, die Mieten, den Papierpreis. La7 gab allein für die Taxikosten der Belegschaft im Jahr eine halbe Million Euro aus. Cairo strich den Posten Taxi einfach aus dem Budget.

Er nennt sich selber Effizienzator. Privilegien sind verhandelbar. Natürlich kommt das nicht überall gut an. Dafür entlässt er niemanden. «Nie», sagt Cairo. Und offenbar hält er sich tatsächlich an die Maxime. La7 ist nun zum ersten Mal profitabel. «Der unverzichtbarste Kanal seit Suez», wie der Slogan von La7 heisst, gefällt den Leuten, die gefallen: den Prominenten und Intellektuellen, den Schauspielern und Sängern. Er ist in geworden, sogar ein bisschen Kult. Cairo schafft es, Stars der Konkurrenz zu La7 zu locken, obschon sie bei ihm tiefere Marktquoten haben und wohl auch weniger verdienen. Dafür sind sie freier. Inhaltlich interveniere er nicht, sagt Cairo. «Das ist nicht meine Rolle.»

Man sagt ihm politische Nähe zur Protestpartei Cinque Stelle nach. Doch viel scheint an dieser Verortung nicht dran zu sein. Natürlich finde auch er, dass die Politik ehrlicher werden sollte und weniger verschwenderisch. Doch wenn die Cinque Stelle dann regierten wie in Rom, wo sie die Bürgermeisterin stellen, dann sehe man ja, wie wenig sie ihren eigenen Prinzipien genügten. «Ihre Inkompetenz ist gravierend», sagt Cairo. Politisch bleibt er ein Freigeist. Er gehört keiner Partei an, und das macht ihn besonders interessant – für die linke wie die rechte Mitte. Alle Lager umgarnen ihn.

Der Kampf um den «Corriere»

So richtig drängend wurde das Interesse an Cairo aber erst vor einem Jahr, als er den Übernahmekampf um den «Corriere della Sera» gewann. Er setzte sich gegen die alten blasierten Mächte durch: gegen die Geschäftsbank Mediobanca und Pirelli etwa, die das bürgerlich-liberale Mailänder Blatt gehalten hatten. Berlusconi war das nie gelungen, obschon auch er immer davon geträumt hatte, den «Corriere» zu besitzen. «Es war eine Schlacht, aufreibend und aufregend, ich war allein mit meiner Bank», sagt Cairo. Man hielt ihn für einen schnöseligen Arrivierten, für den «kleinen Berlusconi» eben. Er aber habe diese Zeitung immer geliebt, sagt Cairo, schon als Kind, er sei mit ihr aufgewachsen, alle in der Familie hätten sie mit Leidenschaft gelesen.

Stunden nach der Schlacht fuhren Cairo und einige treue Mitarbeiter an die Via Solferino, zum Sitz des «Corriere». «Wir waren zu fünft, es war mitten in der Nacht, wir haben ein Foto gemacht.» Der ganze Stolz in einem Selfie. Der Verlag macht schon wieder etwas Gewinn, die hohen Schulden gehen zurück. Entlassen hat er offenbar wieder niemanden. Vor ein paar Wochen wurde Urbano Cairo nun vom Staatspräsidenten für seine Verdienste in der Arbeitswelt geehrt. Mit einem Titel, der sehr bekannt klingt: «Cavaliere».

Erstellt: 29.09.2017, 21:33 Uhr

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