Wie sich Facebook in Regierungswahlen einmischt

Mit einem «Geh wählen»-Knopf forderte der Social-Media-Gigant isländische Bürger zur Stimmabgabe auf – jedoch nicht alle. Ein Experiment?

Der Verdacht, dass die Einblendung des Knopfs auf Facebook einem Muster folgt, bestätigte sich: Ein Isländer schaut auf sein Laptop. Foto: Hörður Sveinsson

Der Verdacht, dass die Einblendung des Knopfs auf Facebook einem Muster folgt, bestätigte sich: Ein Isländer schaut auf sein Laptop. Foto: Hörður Sveinsson

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Am Morgen des 28. Oktober 2017 machte eine Isländerin eine Entdeckung, die sie grundsätzlich an Wahlergebnissen zweifeln liess. Die Frau heisst Heiðdís Lilja Magnúsdóttir, und an jenem Tag, einem Samstag, entdeckte sie den Knopf. Heiðdís, eine Juristin, war zu Besuch bei ihrem Vater in Sauðárkrókur im Nordwesten Islands. Sauðárkrókur hat 2567 Einwohner, eine Molkerei und einen Fischereihafen. Es ist die Hauptstadt des zähen Islandpferdes.

Ein dreckiger Wahlkampf

Es war der Tag der Parlamentswahl, gegen elf Uhr, die Sonne war eben aufgegangen, als Heiðdís Facebook auf ihrem Laptop öffnete. Ihr Blick fiel auf ein rechteckiges Feld über ihrem Newsfeed. Dort, wo sonst die Posts von Freunden und Bekannten eingehen. Das Feld war hellblau unterlegt, links eine dunkelblaue Hand, ähnlich jener mit dem stets nach oben gereckten «Like»-Daumen. Diesmal aber versenkte die Hand eine Art Brief in einem Schlitz. «Heute ist Wahltag!», stand da auf Englisch. Und darunter: «Finde heraus, wo man wählt, und teile mit, dass du wählen warst.»

Freunden zeigen, dass man gewählt hat: Facebook hatte am isländischen Wahltag nicht jeden Stimmbürger dazu aufgefordert. Bild: Facebook

Links darunter konnte man einen grauen Knopf anklicken: Wahlinformation. Der Knopf rechts daneben leuchtete auffordernd: «Zeig, dass du gewählt hast.» Und darunter wiederum stand in kleiner Schrift, 61 Personen hätten bereits gewählt. Geistesgegenwärtig machte Heiðdís einen Screenshot. Sie postete ihn auf Facebook und fragte: «Jetzt bin ich ein wenig neugierig! Hat jeder heute Morgen diese Meldung in seinem Newsfeed bekommen?»

200 Kilometer südlich, in Islands Hauptstadt Reykjavik, war Elfa Ýr Gylfadóttir gerade dabei, mit ihrem Mann zu einem Spaziergang aufzubrechen, als sie noch einen Blick auf ihr Handy warf und Heiðdís’ Post bemerkte. Elfa ist die Leiterin der isländischen Medienkommission und Heiðdís’ Vorgesetzte. Die Medienkommission regelt beispielsweise die Altersfreigaben für Filme und Spiele und untersteht dem Bildungsministerium. Elfa, eine hochgewachsene Mittvierzigerin mit wachsamen Augen und selbstbewusstem Auftritt, wunderte sich: Wieso hatte sie die Wahlaufforderung nicht angezeigt bekommen? «Siehst du den Knopf in deinem Feed?», fragte sie ihren Mann. Der öffnete Facebook, und da war der Knopf wieder.

Anonyme Accounts verbreiteten Anschuldigungen gegen fast alle Kandidaten.

Konnte das etwas mit verschiedenen politischen Einstellungen der Nutzer zu tun haben? Elfa wurde unruhig. Warum dieser Knopf? Und vor allem: Wieso wurde er nicht jedem angezeigt? War es möglich, dass bei den Wahlen nicht alles korrekt ablief? Sie begann sich Sorgen zu machen.

Island stand am Ende eines dreckigen Wahlkampfes. Seit Wochen verbreiteten sich auf Social Media über anonyme Accounts Anschuldigungen gegen fast alle politischen Kandidaten. Das Land wurde geflutet von bizarren «Enthüllungsclips» auf Facebook und Youtube. Manche davon wurden millionenfach angeschaut, obwohl Island gerade mal 340'000 Einwohner hat. Gegen das, was hier passierte, war der US-Wahlkampf harmlos gewesen. Und jetzt der Knopf. Gab es einen Zusammenhang?

Auf Facebook sah Elfa, wie immer mehr Menschen auf Heiðdís’ Post antworteten. Manche sahen den Knopf, andere nicht. Unterwegs am Wahltag fragte Elfa jeden, den sie traf, unauffällig danach. Es war klar: Nicht jeder hatte die Wahlaufforderung erhalten. Manche bekamen sie später als andere. Die einen sahen sie irgendwo in ihrem Newsfeed, andere gleich zuoberst. Die Adressaten des Knopfs waren nicht zufällig, wie die Antworten bei Heiðdís zeigten: Weder Minderjährige noch in Island lebende Ausländer bekamen ihn zu sehen. Nur Wahlberechtigte, aber eben auch nicht alle. Die Sache schien einem Muster zu folgen.

Auf den ersten Blick scheint Facebooks Wahlaufforderungs-Knopf harmlos: Eine Einheimische mit ihrem Computer. Foto: Hörður Sveinsson

Sofort nach der Wahl war der Knopf verschwunden. Spurlos. Weder bei Facebooks Unternehmensseite «Newsroom» noch auf staatlichen Seiten fand sich ein Hinweis. Zurück in ihrem Büro, begann Elfa zu recherchieren. Sie beschloss, ihre Schulfreundin Kristín Edwald anzurufen. Diese ist seit 2013 Vorsitzende der isländischen Wahlkommission. Die Kommission organisiert den ordnungsgemässen Ablauf der Wahlen und ermittelt die Sitzverteilung im Parlament. Edwald war völlig überrascht. Sie hatte noch nie von dem Knopf gehört. Unglaublich, dachte Elfa. Sie wandte sich sogar an eine andere Kommission, die gerade eine Aktualisierung des Wahlrechts ausarbeiten sollte – auch dort war man nicht im Bilde.

Elfa entschloss sich, dort nachzufragen, wo man es wissen musste: bei Facebook. Aber wie kontaktiert man Facebook? Elfa befürchtete, dass das chancenlos ist. Trotzdem ging sie die Seite noch einmal durch. Ganz links unten im eigenen Profil gab es eine Reihe winziger grauer Links.

Datenschutz, Nutzungsbedingungen, Werbung, Datenschutzinfo, Cookies und: mehr. Ein Klick darauf öffnete weitere Links: Hilfe, Entwickler, Karriere. Und dann: Über uns. Das könnte es sein. Doch es war nur eine Infoseite, die die einzelnen Bauteile der Seite erklärte. Ein weiterer Klick: Company Info. Die Firmen-Mission tauchte auf: «Facebook’s mission is to give people the power to build community and bring the world closer together.» Darunter die Zahl: 2,13 Milliarden monatliche Nutzer. Ganz unten endlich ein Kontakt: press@fb.com. Eine einzige Mailadresse für zwei Milliarden Nutzer. Und die Postadresse: 1 Hacker Way, Menlo Park California. Ihr war klar: Facebook würde nie antworten. Facebook ist ein Riese. Island ein Zwerg.

Elfa ahnte, warum bei den Behörden niemand den Knopf ernst genommen hatte. Auf den ersten Blick scheint Facebooks Wahlaufforderungs-Knopf nämlich harmlos. Was soll ein simpler Hinweis auf eine anstehende Wahl schon bewirken?

Eines der grössten jemals durchgeführten Experimente

Der Grund für Elfas Besorgnis war ein Vortrag, den sie zwei Wochen zuvor auf einer Konferenz des Europäischen Rates und der OECD in Wien gehört hatte. Es ging in dem Panel um Fake-News, um russische Manipulation im Netz und um personalisierte Werbung, zum Beispiel das digitale Microtargeting auf Basis von Hautfarbe, Religion, sexueller Einstellung und politischer Präferenz. Im Kern handelte es sich immer um den Missbrauch sozialer Netzwerke durch Dritte. Der Knopf aber war etwas fundamental anderes. Facebook selbst war hier der Akteur. Und im Gegensatz zu den Spekulationen über die Wirkung von Fake-News lagen hier Zahlen vor.

Das erfuhr Elfa von der österreichischen Digitalbotschafterin Ingrid Brodnig. In ihrem Vortrag sprach Bodnig über eines der grössten jemals in den Sozialwissenschaften durchgeführten Experimente. Dieses fand am Tag der US-Kongresswahl 2010 statt, als Facebook 61 Millionen amerikanischen Nutzern – einem Viertel der gesamten US-Wählerschaft – überraschend eine Wahlaufforderung zusandte. Allen volljährigen US-Nutzern, die sich am Wahltag einloggten. Anschliessend glich ein Team von Facebook, zusammen mit Forschern der University of California in San Diego, die Facebook-Datensätze mit den Wahlresultaten ab. Man wollte herausfinden, ob der von Facebook erstmals 2008 in den USA eingesetzte «Voter Button» wirklich Menschen an die Urne brachte.

Der Knopf wirkte. Jene, die ihn sahen, gingen eher wählen.

Die Ergebnisse wurden im September 2012 im Magazin «Nature» veröffentlicht. Das Fazit: Der Knopf wirkt. Jene, die ihn sahen, gingen eher wählen. Der Effekt war zwar schwach, aber in der Summe zeigte sich der Knopf als das wirkungsvollste je eingesetzte Aktivierungstool: 340'000 zusätzliche Wähler. Hätte Facebook allen US-Wählern den Button gezeigt, wären über eine Million Menschen mobilisiert worden. Es war der erste wissenschaftliche Beleg für den realen Einfluss des noch neuen Netzwerks. Eine wichtige Botschaft für jeden potenziellen Werbekunden von Facebook.

All das hörte Elfa an der Konferenz in Wien zum ersten Mal. Die österreichische Digitalbotschafterin schloss ihren Vortrag mit den Worten: «Es gab noch nie so viel Macht in der Hand eines einzigen Unternehmens.»

Es gibt noch eine weitere Studie. 2012 testete Facebook seinen Einfluss bei der US-Präsidentschaftswahl. Diesmal kündigte man im Newsroom an, allen Nutzern den Button zu zeigen (was sich als unwahr erwies). Wiederum arbeiteten Facebook und das Forscherteam der University of California zusammen, eine unabhängige Studie erschien nie. Die Ergebnisse wurden im April 2017 im Journal «PLOS ONE» veröffentlicht.

Aufgrund des langen und ermüdenden Wahlkampfs waren die Forscher diesmal davon ausgegangen, dass die Wählerinnen und Wähler nicht weiter beeinflusst werden konnten. Doch der Knopf wirkte erneut: 270'000 zusätzliche Stimmen wurden abgegeben. Es sei möglich, folgerten die Forscher, dass «ein Grossteil der Steigerung der Wahlbeteiligung (...) auf einer einzigen Facebook-Benachrichtigung beruht».

Manche sahen den Knopf nur auf ihren Computern, andere auf allen Geräten.

Bei Nutzern, die sowohl den Knopf als auch Benachrichtigungen von Freunden, die gewählt hatten, erhielten, betrug die Steigerung diesmal nicht 0,4 Prozent, sondern nur noch 0,24 Prozent – wohl wegen des intensiven Wahlkampfs. So gering das scheint: Im Jahr 2000 hatte George W. Bush seinen Gegner Al Gore im entscheidenden Staat Florida um 537 Stimmen geschlagen. Das sind 0,01 Prozent.

Am Wahltag 2012 machte Facebook weitere Tests, um den Knopf zu optimieren, wie Presseberichte von damals zeigen. Bis heute sind dazu nur wenige Details bekannt. Facebook hat nie publiziert, wie viele Varianten des Knopfs getestet wurden. Das Unternehmen wollte offenbar wissen, was stärker wirkt: wenn Facebook den Button einblendet oder wenn dieser als Empfehlung von Freunden erscheint. Das war der Grund, wieso die einen die Wahlaufforderung ganz oben im Newsfeed sahen, die anderen nur als von Freunden geteilten Post.

Eine weitere Frage: Kann man die Menschen, die Facebook mobil nutzen, eher zur Wahl bewegen als die Desktopnutzer? Manche sahen den Knopf nur auf ihren Computern, andere auf allen Geräten. Und welches Design wirkte am besten? Es gab viele Variationen: Manche lasen «I’m a voter», andere «I voted». Sprachen wurden getestet, sogar Gerätemarken zählten. 2012 habe er, erzählt der damalige Facebook-Produktmanager Antonio Martínez, von Arbeitskollegen gehört, dass die Entwickler Zweifel hätten, ob sie den Knopf auch auf dem iPhone anzeigen sollten. Das könnte die Wahlergebnisse beeinflussen, denn das iPhone hatten damals eher städtische, liberalere Nutzer.

Den Facebook-Algorithmus gibt es gar nicht

Wie entscheidend war beispielsweise, wann Facebook den Knopf aufschaltete? Verzerrte Facebook nicht allein damit die Wahlergebnisse, dass es die Wahlbeteiligung einer bestimmten Gruppe, nämlich die der Facebook-Nutzer, erhöhte?

Im Kern ist Facebook ein laufendes Experiment an der Gesellschaft. Aus Facebooks Sicht sind wir alle Probanden eines globalen Experiments zur Gewinnmaximierung des Unternehmens. Niemand kann vorhersehen, was genau die Effekte einer Änderung sind, daher wird ständig alles getestet. Facebook sieht genau, wie wir auf jede einzelne Änderung reagieren. Den Facebook-Algorithmus, über den so häufig diskutiert wird, gibt es gar nicht. Vielmehr gibt es viele laufend fortentwickelte Zusammenhänge, nach denen Facebook unsere Feeds individuell zusammensetzt. Ziel ist es immer, das «Engagement» zu erhöhen – Zeit, die wir konzentriert auf der Plattform verbringen.

Facebook erwies sich als Thermostat, mit dem man die Stimmungslage der Nutzer regulieren konnte.

Dass wir selber Teil des Experiments sind, merken wir genauso wenig wie Laborratten. Manchmal nimmt Facebook ganze Länder als Testfälle, manchmal vergleicht es Individuen. Kürzlich testete das Unternehmen in sechs Ländern zwei parallele Feeds. Im einen gab es persönliche Posts von Freunden, im anderen öffentliche Posts. Dann waren wieder alle Posts zu sehen. Test beendet.

Erst einmal, 2014, hat sich Facebook für ein Experiment entschuldigt, nachdem aufgeflogen war, dass man an 689 003 Usern heimlich getestet hatte, wie stark man ihre Gefühle beeinflussen kann. Einer Testgruppe hatte man positive Posts von Freunden unterdrückt, einer anderen negative. Auch wenn die Wirkung geringfügig war – Facebook erwies sich als Thermostat, mit dem man die Stimmungslage der Nutzer regulieren konnte. Ein Unternehmen, das, um sein Produkt zu testen, das psychische Wohlbefinden seiner Nutzer riskiert – der Ärger war gross. Damals lernte Facebook vor allem eines: dass man seine Geheimnisse gut wahren muss. Studienergebnisse werden selten publiziert.

Wenn doch etwas auffliegt, benutzt Facebook stets dasselbe Argumentarium: Schuld sind böswillige, fahrlässige oder unfähige Nutzer. Im Fall von Cambridge Analytica bezeichnete Facebook zuerst die Nutzer, deren Daten missbraucht worden waren, als unfähig, die Nutzungsbedingungen zu verstehen, und dann Cambridge Analytica als Bösewichte, die dies ausnutzten. Facebook ist immer Opfer, nie Täter.

Aber stimmt das? Wenn Entwickler eine Software planen, dann muss diese zuerst eine entscheidende Bewährungsprobe bestehen: Sie darf keinen Schaden anrichten, selbst bei den drei schlimmsten Nutzertypen nicht – den Böswilligen, den Fahrlässigen und den Ahnungslosen. Lebensentscheidende Software, etwa für Notrufnummern, darf ohne erfolgreiche Probe nicht in den Einsatz. Silicon-Valley-Produkte wie Facebook und Gmail aber hatten als Spielzeug begonnen. Sie waren «Constant Beta», wie es im Fachjargon heisst: immer im Test. Man schraubt am Flugzeug, obwohl es schon abgehoben hat. Im Fall von Facebook ist nun ein Viertel der Menschheit an Bord. Und man steigt in unbekannte Höhen, während man zeitgleich an den Triebwerken bastelt.

Sie machte auf die Einmischung Facebooks aufmerksam: Elfa Ýr Gylfadóttir, Chefin von Islands Medienkommission. Foto: Hörður Sveinsson

Mittlerweile ist Facebook für viele lebensnotwendig. Zuckerbergs erklärtes Ziel ist es, seine Erfindung zu einer die Gesellschaft formenden Plattform zu machen. Facebook gibt sich dabei gern verantwortungsbewusst. Zum Beispiel bietet man Nutzern die Möglichkeit, im Falle einer Katastrophe seinen Freunden mitzuteilen, dass man in Sicherheit ist. Dieser «I’m safe»-Knopf wird häufig bei Terroranschlägen eingeblendet. Das ist sowohl praktisch als auch fragwürdig, denn dann entscheidet Facebook, was Terror ist und was nicht.

Und der Wahlknopf?

Das Wahlergebnis in Island zeigte ein für unsere Zeit typisches Muster: die Ränder gestärkt, die Parteienlandschaft fragmentiert. Der zerstrittenen Mitte standen komplizierte Koalitionsverhandlungen bevor. Wenn man die Erkenntnisse der Wahlknopf-Studien von 2010 und 2012 auf den kleinen Staat Island mit seinen 245'000 Wahlberechtigten herunterbricht, dürfte der Knopf zwischen 600 und 1000 Menschen zur Wahl bewegt haben. Wen hatte der Knopf beeinflusst und wie? In der Region, in der Heiðdís am Wahltag den Button entdeckte, hätte die Piratenpartei mit nur sechs weiteren Stimmen einen Parlamentssitz gewonnen. Oft sind in Island bereits zweistellige Stimmunterschiede entscheidend.

Die Koalitionsverhandlungen liefen bereits, und immer noch hatte Elfa, die Leiterin der Medienkommission, viele Fragen, aber keine Antwort gefunden. Immerhin: Unter Heiðdís’ Post hatte jemand einen Link zu einer Hilfeseite von Facebook gepostet, auf der es hiess: «Du siehst auf Facebook möglicherweise Erinnerungen und Beiträge zu Wahlen und Abstimmungen.» Weiter standen dort Sätze wie: «Wir senden diese Erinnerungen, weil wir dazu beitragen möchten, dass alle Menschen von ihrer Stimme Gebrauch machen ... Wir zeigen sie Menschen, die alt genug sind, um zu wählen – unabhängig davon, wen sie unterstützen.» Und: «Wir werden nicht für das Bereitstellen dieser Erinnerungen bezahlt.»

Aber warum sollte ein gewinnorientiertes Unternehmen die Wahlbeteiligung fördern?, fragte sich Elfa. Und warum nur «möglicherweise»? Eigentlich liess die Erklärung alle Fragen offen.

Vor der Wahl hatten zwei Facebook-Repräsentanten Vertreter aller Parteien getroffen.

Elfa überlegte, an wen sie sich wenden konnte. Welche Behörde war eigentlich für Social-Media-Unternehmen zuständig? Sie selbst war immerhin die Leiterin der Medienkommission. Also entschloss sie sich, darauf aufmerksam zu machen, dass internationale Unternehmen wie Facebook sich in Islands Wahlen einmischten. In einem Fernsehinterview und einem Zeitungsartikel wies sie deshalb auf den Knopf und die Studien hin.

Niemand reagierte.

Niemand ausser Anna Lisa Björnsdottír, der Büroleiterin der Linksgrünen. Elfa hatte zahlreiche Parteienvertreter kontaktiert, und Anna Lisa war jene mit den entscheidenden Neuigkeiten: Weil auch sie den Knopf nicht gesehen hatte, hatte sie in der geschlossenen Facebook-Gruppe der Grünen nachgefragt. Die Mehrheit hatte ihn gesehen. Und: Facebook war vor der Wahl im Land gewesen. Im Parlamentsgebäude.

Am 10. Oktober 2017, nur 18 Tage vor der Wahl, hatten zwei Facebook-Repräsentanten im Parlamentsgebäude – Zugang nur mit Badge – Vertreter aller Parteien getroffen. Gefehlt hatte einzig die Satirepartei «Bright Future». Die Facebook-Leute, ein Mann und eine Frau, spulten ein Werbeprogramm herunter, was Politiker und Parteien mit der Plattform alles erreichen, wie man das «Engagement» seiner Fans maximieren könne. Die Beispiele waren auf Deutsch. Facebook warb mit der Seite der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht als «Best Practice», ebenso mit der Fanseite des späteren österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz.

Facebook war mehrere Tage im Land.

Warum waren die Folien auf Deutsch? Und warum war Facebook überhaupt in Island? Die Tipps waren banal. Um Geld ging es vordergründig nicht, Werbemöglichkeiten wurden nicht vorgestellt, auch der Knopf wurde nicht erwähnt.

Eingeladen worden war Facebook von der konservativen Unabhängigkeitspartei. Diese wollte auf Anfragen von «Das Magazin» keine Auskunft geben. Dennoch ist bekannt, wer die Vertreter von Facebook waren – die beiden hatten Visitenkarten verteilt.

Die eine heisst Anika Geisel und ist Mitarbeiterin des Berliner Facebook-Teams «Global Politics and Government Outreach». Auf Instagram präsentiert sie sich als loyale Mitarbeiterin: Fotos ihres Chefs Mark Zuckerberg aus nächster Nähe, ein Bild mit dem Facebook-Credo «Move Fast and Break Things», ein anderes zeigt die Facebook-Torte zum Jobantritt. Anika Geisel liest Studien mit Titeln wie «Messung der Publikumsagenda mittels Nutzungsstatistiken von Suchmaschinenanfragen».

Dann das Bild der Hallgrímskirkja, einer Kirche im Reykjaviker Regierungsviertel. Am 9. Oktober 2017, einen Tag vor dem Politikerbriefing. Und am 11. Oktober, einen Tag nach der Präsentation, wieder ein Bild aus Island.

Beweis, dass Facebook in Reykjavik war: Post von Anika Geisel, Mitglied des «Global Politics»-Teams. Screenshot: Instagram

Facebook war also mehrere Tage im Land. Der Facebook-Mann heisst Janne Elvelid und lebt in Stockholm. Elfa entschied sich, Elvelid zu kontaktieren. Dieser reagiert freundlich. Er sei immer für sie erreichbar. Als sie ihm Fragen zum Knopf schickt, hat er plötzlich keine Zeit mehr für schriftliche Antworten. Sie solle anrufen.

Die Frau, die den Knopf ausserhalb der USA verbreitete, ist eine blonde Kalifornierin und lebt in London: Elizabeth Linder, 34 Jahre alt, Princeton-Absolventin und eine frühe Mitarbeiterin von Facebook. 2008 stiess sie zum Unternehmen, im April 2016 stieg sie aus.

In einem schicken veganen Restaurant im Zentrum Londons erzählt sie, wie sie für Facebook die Abteilung «Global Politics and Government Outreach» aufgebaut habe. Sie sei ausserhalb der USA allein gewesen, ohne Büro oder Team, und habe versucht, in Europa, dem Nahen Osten und in Afrika Kontakte zu Regierungen und Parlamentariern aufzubauen. Das Ziel: gewählten Politikern zu vermitteln, dass Facebook der Ort sei, wo die Wähler sind – weshalb auch die Politik dort präsent sein müsse. Der Anfang sei hart gewesen: «Die Politiker dachten, Facebook sei nur etwas für junge Leute.»

So kam der «Voter Button» nach Europa

Dann kam der Arabische Frühling. Junge Aktivisten nutzten Facebook, um sich zu vernetzen, ihre Ideen zu verbreiten und Demonstrationen zu organisieren. Regierungen in Nordafrika wurden gestürzt. Es hat wohl nie einen besseren Marketing-Anlass für Facebook gegeben. Aus einem Spielzeug wurde ein Machtinstrument. Hektisch versuchten Politiker und Regierungsleute von überall her, Facebook zu kontaktieren.

Sie landeten bei Linder. Sie beriet den Vatikan, das britische Parlament, brachte das holländische Königshaus auf Facebook. Den Vorabend des zweiten Tahrir-Aufstands habe sie mit dem Social-Media-Department des ägyptischen Präsidenten Mursi verbracht. Wen sie traf, war ihr überlassen, das Ziel aber war klar: «Es ging um die Erfüllung einer Mission: die Welt besser zu machen.» Ihr Vater war Entwicklungshelfer, dieses Credo trug Linder im Herzen. In Mazedonien beriet sie proeuropäische Kräfte, in Litauen «Radio Free Europe», in Uganda Frauengruppen.

Damals habe es bei Facebook für die Beziehungen zur Politik weltweit drei Leute gegeben. Zwei in Washington – «einen für jede Partei» – und Linder für den Rest der Welt. Sie war eine Art UNO-Botschafterin des Unternehmens, ständig unterwegs, ständig in Kontakt mit Regierungen, NGOs, Parlamentariern. Ende 2013 wurden beide Teams zusammengeführt.

Nun sollte sich Linder auch um Wahlen und Abstimmungskampagnen kümmern. Sie entwickelte die Vorlagen für das, was die Facebook-Repräsentanten Janne Elvelid und Anika Geisel in Island vortrugen.«Das erste Mal habe ich den ‹Voter Button› in Schottland eingesetzt», sagt Linder. «Das war 2014, beim Referendum zur Unabhängigkeit.» Gegen den Knopf könne man wirklich nichts sagen, findet sie. Er sei ein exzellentes Reputationsinstrument. Etwas, das die Kraft von Facebook unter Beweis stelle. Der Knopf sei ja bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur in den USA benutzt worden. Doch viele Europäer hätten sie bestürmt: «Warum können wir dieses coole Ding nicht auch haben?»

Gab es Bedenken wegen der möglichen politischen Einflussnahme? Gelegentlich.

Und wie kam der Knopf nach Europa? «Wir sagten der Zentrale einfach: In den USA hat es so gut funktioniert!», erinnert sich Linder. «Mein Argument, um Facebook zu überzeugen, war diese ganze Geschichte, dass der Knopf wirklich einen Effekt auf die Wahlbeteiligung in Amerika gehabt hatte und wir denselben Impact international erreichen können.» Schliesslich lebten inzwischen 70 Prozent der Facebook-Nutzer ausserhalb der USA.

Nein, der Knopf sei kein Geschäftsprojekt gewesen, sagt Linder, man könne damit kein Geld verdienen. Daher habe sie bei Facebook in endlosen Telefonkonferenzen für Tech-Support kämpfen müssen – also für einen Ingenieur, der den Knopf fit macht für den internationalen Einsatz.

Hatte Facebook einen grösseren Plan? Nein. Gab es Bedenken, wegen der möglichen politischen Einflussnahme? Gelegentlich. Als Beispiel nennt Elizabeth Linder den Libanon, wo sie sich von Politikberatung fernhielt – aus Sorge, Leute zu beraten, die auf irgendwelchen Terrorlisten standen. Irgendwann habe es sogar eigene Länderspezialisten gegeben, die sie mit Briefings versorgten.

Und wer bestimmte, wann der Knopf eingesetzt werden soll? Sie allein, sagt Linder. Das Referendum zur Loslösung Schottlands von Grossbritannien sei aus Facebooks Perspektive ein guter Startpunkt gewesen: nur zwei Lager, ähnlich wie in den USA. «Als Zweites war, glaube ich, ein Referendum in Irland dran.» Dann die Wahl 2015 in Grossbritannien, bei der David Cameron, der Kandidat der Tories, gewann. Langfristiges Ziel sei es gewesen, den Knopf bei «jeder grösseren Wahl» einzusetzen. In Grossbritannien habe man sich noch Mühe gegeben, das Ganze zu kommunizieren, habe Marketing gemacht. Später kaum mehr.

Der Knopf greift in Wahlen ein und unterliegt dabei keinerlei Öffentlichkeit.

Und doch: Eine Ankündigung von Facebook, den «Voter Button» weltweit einzuführen, gibt es, sie stammt von 2014. In der Öffentlichkeit wurde das Projekt damals begrüsst. Seitdem ist es bei Facebook still geworden um das Thema. Es finden sich weder Daten noch überhaupt eine Aufzählung, wo man den Knopf eigentlich eingesetzt hat.

Wenn man im Netz nach dem Knopf sucht, stösst man auf private Screenshots aus vielen Ländern, darunter Indien, Südkorea, Holland, Irland, Hongkong, Kolumbien, Israel, aber auch gefährdete Demokratien wie die Philippinen, die Türkei oder Ungarn.

Der Knopf ist ein weltweites Instrument geworden. Eine wirksame Technologie, die in Wahlen eingreift und dabei keinerlei Öffentlichkeit unterliegt. Und von der unklar ist, wo sie eingesetzt wird, wann und warum. Ob nicht doch dafür gezahlt wird? Ob schon kollegiale Beziehungen zu einem Facebook-Mitarbeiter genügen, um den Knopf zu aktivieren?

«Eine öffentliche Liste der Länder, wo man den ‹Voter Button› eingesetzt hat, gibt es meines Wissens nicht», sagt Linder, die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin. Nur intern gebe es höchstwahrscheinlich eine solche Liste. Genaueres wisse sie nicht, als Facebook sie im Mai 2016 nach Kalifornien zurückholen wollte, stieg sie aus. Wieso ausgerechnet in dem Jahr, als Trump gewann und Facebook dabei eine wichtige Rolle spielte? «Ich wollte lieber in Europa bleiben», sagt Linder bloss. Die Nachfrage beantwortet sie mit einem Schulterzucken. London sei nun mal schon immer ihr Traum gewesen. Und nein, in Island sei sie nie gewesen.

Facebook bleibt Antworten schuldig

Auf Anfrage von «Das Magazin», warum Facebook den Knopf in Island eingesetzt habe, antwortete das Unternehmen mit seiner Standardantwort: «Wir zeigen die Nachricht, um am Wahltag Menschen daran zu erinnern, wählen zu gehen.» Warum nicht alle Nutzer den Knopf gesehen haben, erklärt Facebook mit den vom Nutzer aktivierten Einstellungen für Benachrichtigungen oder mit der Verwendung einer veralteten App-Version. Wie stark man die Wahlbeteiligung in Island beeinflusst habe, beantwortet Facebook nicht. Genauso wenig die Frage, wer nun den Wahlknopf sehen konnte und wer nicht. Da könne man «leider» keine Details nennen. Und eine Liste, in welchen Ländern der Knopf eingesetzt wurde, publiziere man auch nicht.

Warum will das Unternehmen diese entscheidenden Informationen nicht herausgeben? Inwiefern hat der Knopf in den letzten Jahren Wahlergebnisse beeinflusst? Verstärkte man dabei Muster?

Tatsächlich fiel die Wahlbeteiligung in Island überraschend hoch aus. Vor allem bei jungen und alten Wählern verzeichnete man Anstiege, obwohl Experten von einer gewissen Wahlmüdigkeit ausgegangen waren. Dass dies der Effekt des Knopfes war und wer genau von den zusätzlichen Stimmen profitierte, ist nicht nachweisbar.

Der Gesetzgeber hat derartige Methoden nicht vorhergesehen und darum nichts dazu formuliert.

Facebook ist ein amerikanischen Unternehmen ohne Firmensitz in Island. In gewisser Weise stellt die Verwendung des Knopfs einen Eingriff durch einen ausländischen Akteur dar: Facebook hat sich in eine demokratische Wahl eingemischt, und niemand ausserhalb der Firma scheint Genaueres zu wissen.

Island ist ein geopolitisch interessantes Land. In dem in den letzten Jahren Amerikaner, Chinesen und Russen aktiv waren. Es ist zudem ein wichtiger Standort für einige der sichersten Datenzentren der Welt. Könnten solche Interessen eine Rolle gespielt haben? Anfragen bei Islands Justizministerium, bei der Wahlkommission und sogar beim Geheimdienst zeigen: Niemand war eingeweiht. Selbst Páll Þórhallsson, Direktor der Rechtsabteilung der Premierministerin und international erfahrener Medienjurist, war nicht informiert.

Der Einsatz des Knopfs ist nach isländischem Recht wahrscheinlich legal. Der Gesetzgeber hat derartige Methoden nicht vorhergesehen und darum im Gesetzestext nichts dazu formuliert.

«Mittlerweile frage ich mich, ob man überhaupt noch ausserhalb von Facebook leben kann.»Börkur Arnarson, Galerist

Früher hatte Island seine eigene Version von Facebook. Da trafen sich die Einwohner morgens im Hotpool, um Neuigkeiten auszutauschen. «Heute machen das nur noch die ganz Alten. Und sie reden über das, was sie auf Facebook gelesen haben», sagt Börkur Arnarson. «Island ist ein Facebook-Land.»

Börkur ist einer der bekanntesten Galeristen des Landes. Er hat Künstler wie Ólafur Elíasson und Ragnar Kjartansson unter Vertrag. Börkur streicht sich über den Dreitagebart. «Kürzlich starb eine meiner Tanten. Meine Mitarbeiter kondolierten, ehe ich selber vom Todesfall erfahren hatte. Meine Mutter hatte es auf Facebook verkündet.» Empört rief er sie an. «Alle sind doch auf Facebook», antwortete sie nur. Alle ausser Börkur. «Mittlerweile frage ich mich, ob man überhaupt noch ausserhalb von Facebook leben kann.»

Knopf mit isländischem Justizministerium abgeklärt

Irgendwann akzeptiert Elfa Ýr Gylfadóttir, die Leiterin der isländischen Medienkommission, dass sie von Janne Elvelid, dem Facebook-Repräsentanten aus Stockholm, keine schriftlichen Antworten auf ihre Fragen bekommen wird. Am 8. Februar 2018 ruft sie ihn darum an. Elvelid nimmt den Anruf entgegen.

Ihre einzige Erklärung ist, dass Wahlen der Firma helfen, Menschen auf die Plattform zu ziehen.

Er sei für Island zuständig, sagt er. Er habe den Knopf mit einer Person im isländischen Justizministerium vorab telefonisch abgeklärt. Den Knopf habe Facebook an jeden Nutzer gesandt. Allerdings könne Facebook nicht wissen, wer den Button wirklich sieht, das würden ein Algorithmus und die Voreinstellungen der Nutzer entscheiden. Wer den Knopf deaktiviere, darüber habe Facebook keine Kontrolle.

In vielen Erklärungen hat Facebook wortreich beteuert, die Demokratie unterstützen zu wollen. Aber in Island, in einer Situation, wo die Demokratie nichts nötiger hätte als Vertrauen, blieben Elfa nur Zweifel. Ein Bekannter hat ihr einen Screenshot von den Wahlen in Italien geschickt. Auch da ist der Knopf zu sehen. Auf Anfrage von «Das Magazin» erklärt Facebook, den Knopf auch bei den letzten Bundes- und Landtagswahlen in Deutschland eingesetzt zu haben und auch während des Brexit-Referendums.

In Island ist die Aufregung mittlerweile gross. Bis heute fragt sich Elfa, warum Facebook überall auf der Welt in den Knopf investiert. Ihre einzige Erklärung ist, dass Wahlen der Firma helfen, Menschen auf die Plattform zu ziehen. Dass die Nutzer, sobald sie sehen, dass Bekannte gewählt haben, auf Facebook ihre politischen Kämpfe ausführen. Und Facebook noch mehr Werbung unterbringen kann. Das wäre der Profit. Die Kosten trägt wohl die Demokratie.

(Das Magazin)

Erstellt: 07.04.2018, 07:28 Uhr

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