Eine Stadt, zwei Könige

Markus Söder kommt aus Nürnberg, dort regiert aber nicht die CSU, sondern der Sozialdemokrat Ulrich Maly. Über eine fränkische Grossstadt, die einen viel über die Versäumnisse der CSU lehrt.

«Die Franken unterscheiden sich von den Bayern»: SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly (l.) und CSU-Ministerpräsident Markus Söder. Fotos: dpa, Keystone

«Die Franken unterscheiden sich von den Bayern»: SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly (l.) und CSU-Ministerpräsident Markus Söder. Fotos: dpa, Keystone

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An riesigen mittelalterlichen Wehrtürmen vorbei und durch die Altstadt gelangt man am Fuss der Kaiserburg zum alten Rathaus, einem Renaissancebau von 1622. Hier regierte das jahrhundertelang steinreiche Nürnberg sich selbst. Noch heute, da die fränkische Metropole mit einer halben Million Einwohnern etwas weniger reich ist als ehemals, residiert hier der Bürgermeister.

Der Sozialdemokrat Ulrich Maly ist das beliebteste Stadtoberhaupt Deutschlands. Seit 2002 im Amt, wählten ihn 2014 zwei von drei Nürnbergern für weitere sechs Jahre. Sogar drei von vier schätzen seine Arbeit. Ähnliche Werte geniesst in Deutschlands grössten Städten allenfalls noch Dieter Reiter, der SPD-Bürgermeister von München, der übermächtigen bayerischen Rivalin.

Nürnberg ist aber auch die Stadt von Markus Söder, dem bayerischen Ministerpräsidenten. «Hier bin i daham, und do bleib i au», sagt er bei jeder Veranstaltung. Söder ist in der ärmlichen Westvorstadt aufgewachsen, als Sohn eines Maurermeisters. Nach dem Jurastudium heiratete er eine reiche Unternehmertochter und zog ins Villenviertel im Osten der Stadt.

Als Edmund Stoibers Ziehsohn Karriere gemacht

Bis heute lebt der 51-jährige Söder in Nürnberg, Karriere gemacht hat er aber in München, als Ziehsohn des damaligen CSU-Patriarchen Edmund Stoiber. Es erfüllt die Stadt mit Stolz, dass ein Nürnberger – ein Franke also, kein Altbayer – im Frühling Ministerpräsident und neuer «König von Bayern» wurde. Selbst wenn man die CSU hier weniger liebt als anderswo.

Nürnberg ist schliesslich die Stadt der «Nürnberger Nachrichten», des Leibblatts der Franken. Die sozialliberal gesinnte Zeitung war Söder lange spinnefeind. Der junge politische Ehrgeizling konnte sich überschlagen, sein Bild kam nicht ins Blatt. Heute haben sich die Beziehungen entspannt. Chefredaktor Michael Husarek kann über die Vorgeschichte nur lächeln. Heute rühmt er den CSU-Politiker für seine Tatkraft und sein strategisches Geschick, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die CSU versteht den Wandel nicht

Bürgermeister Ulrich Maly thront in seinem Rathaus wie ein kleiner König. Der Nürnberger spricht in zartem Fränkisch und sprüht vor Charme und Geist. Bayern wandle sich gerade stark, sagt der 58-Jährige, aber ausgerechnet die selbst ernannte «letzte Volkspartei» CSU scheine diesen Wandel nicht zu verstehen. Der wirtschaftlich boomende Freistaat werde seit Jahren vielfältiger, vor allem durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Deutschlands und aus Europa, zuletzt auch von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten.

Nicht einmal in Berlin lebten so viele Menschen mit Migrationsgeschichte wie in Nürnberg und München, freilich sei hier die Integration besser gelungen. Bayern werde insgesamt grossstädtischer, bereits wohne die Mehrheit nicht mehr auf dem Land, sondern in städtischen Verdichtungsräumen. Das Lederhosen-Heimatbild der CSU und der dazugehörige Konservatismus entsprächen längst nicht mehr der gesellschaftlichen Realität. Maly spricht von «asymmetrischer Wahrnehmung».

«Der Wahrnehmungshorizont der Mehrheit der Landtagsfraktion der CSU ist ein ländlich geprägter.» Das ländliche Narrativ überzeuge aber immer weniger Menschen. Maly erwartet deswegen, dass die CSU die absolute Mehrheit im bayerischen Parlament nicht nur bei der Wahl am übernächsten Sonntag verlieren werde, sondern auf Dauer. «Der Nimbus der Unbesiegbarkeit, das pausenlose Popeye-nach-drei-Dosen-Spinat-Gehabe wird unter der Notwendigkeit, Kompromisse machen zu müssen, sicherlich leiden.» Das sei aber aus der Sicht eines bayerischen Sozialdemokraten «gewiss nix Schlimms».

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Michael Husarek, der listige Chef der «Nachrichten», ist vielmehr überrascht, dass es so lange dauerte, bis die Alleinherrschaft dahin war. Bayern sei in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer Einwanderungsgesellschaft geworden, die CSU habe diesen Wandel aber einfach ignoriert. Das hole sie nun ein. Modern lebenden Menschen in Städten und Agglomerationen mache sie schlicht kein zeitgemässes politisches Angebot mehr. «Und schon zuvor entsprach ihr Bayernbild nicht der Realität. Jedenfalls waren nicht 60 Prozent der Bevölkerung so konservativ, wie es die CSU war.»

Die Flüchtlingskrise habe die politische Landschaft in Bayern erschüttert. Die CSU wirke orientierungslos, davon profitierten vor allem AfD und Grüne. «Die AfD hält, was die CSU verspricht», laute deren treffender Schlachtruf. Die Grünen, aber auch die SPD, wiederum scharten jenen Teil der Bürger hinter sich, die Einwanderung für nötig und bewältigbar und die asylfeindlichen Töne der CSU für schändlich halten. Die CSU verliere auf beide Seiten.

In Nürnberg hält der Sozialdemokrat Maly die Grünen (noch) klein. «Darum mögen die mich auch nicht so.» Entstehungsgeschichtlich sei die SPD ein Teil der DNA der modernen Industriegesellschaft und der Verstädterung gewesen. Das erkläre, warum auch heute noch 40 der 50 grössten Städte Deutschlands von Sozialdemokraten regiert würden – aber auch, warum die SPD auf dem Land deutlich schwächer sei.

Das Bild der CSU ist historisch stark oberbayerisch geprägt.

«Wir wissen, wie Grossstadt tickt», sagt Maly. Die Grundwerte der SPD – soziale Gerechtigkeit – liessen sich gut in Kommunalpolitik übersetzen. «Als ich in Nürnberg Bürgermeister wurde, gab es für 2 Prozent der Kinder einen Krippenplatz. Heute liegt die Quote bei 44 Prozent. Für jedes Kind mit einem Platz ist das unmittelbar wahrnehmbare Sozialpolitik eines Sozialdemokraten.» Ähnlich sei es mit dem öffentlichen Verkehr, der Gesundheitsversorgung oder der Integration.

Husarek bestätigt, dass sich Maly aufrichtig um das soziale Klima in der Stadt kümmere und sein Konzept der «solidarischen Stadtgesellschaft» ständig weiterentwickle. Obwohl die Arbeitslosenquote immer noch höher liege als im bayerischen Durchschnitt, gebe es wenig soziale Probleme. «Bei mir kommt erst die Stadt. Dann lange nichts. Und dann die Partei», sagt Maly selbst. Bei Söder sei es genau umgekehrt.

Das Bild der CSU ist historisch stark oberbayerisch geprägt. Die Franken jedoch, sagt Maly lächelnd, unterschieden sich von den Bayern «in allem». Die Bayern seien erzkatholisch, Teile Frankens, etwa Nürnberg, seit 500 Jahren «Hardcore-Protestanten». Die Gegend um die königliche Residenzstadt München sei traditionell produktiv und reich gewesen, Franken eher im Mittelalter und in der Blüte der Industriezeit.

Der Franke und der Bayer

Mentalitätsgeschichtlich gebe es tiefe Gräben. Der Bayer, so das Klischee, platze vor Selbstbewusstsein, wolle immer auf der Bühne stehen, «immer als Primaballerina». Der Franke hingegen zweifle an sich selbst, grüble, mache sich klein. Dem röhrenden «Mia san mia» des bayerischen Platzhirsches antwortet aus Franken ein kleinlautes «Passt scho». Es geht, könnte aber besser gehen.

Der politische Raufbold Markus Söder ist, so gesehen, ein höchst untypischer Franke. Umso besser weiss er, wie er die einheimische Seele streicheln und gleichzeitig selbst in Nürnberg Spuren hinterlassen kann. Als bayerischer Umwelt- und als Heimatminister leitete er bereits Millionen an Fördergeldern nach Nürnberg um: Erst küsste er die Kaiserburg aus ihrem Dornröschenschlaf, dann verwandelte er den stinkenden Wöhrder See in ein innerstädtisches Wasserparadies, vom Volksmund «Söder-Strand» getauft.

«Das ist ein revolutionärer Akt, der einen gewaltigen Entwicklungsschub bringen wird.»Ulrich Maly, Bürgermeister

Bedeutsamer war, dass er Nürnberg 200 Jahre nach der Gründung des Königreichs erstmals zum Mitregierungssitz machte, indem er eine Filiale des bayerischen Heimatministeriums hier eröffnete. Mit Horst Seehofer entschied Söder auch, dass Nürnberg endlich eine eigene, neue Technische Universität bekommen soll. Der Freistaat wird dafür fast eineinhalb Milliarden Euro investieren. «Das ist ein revolutionärer Akt, der einen gewaltigen Entwicklungsschub bringen wird», freut sich Maly.

Für die Entwicklung nicht nur Nürnbergs, sondern ganz Bayerns könne es nur von Vorteil sein, dass Söder nicht München-sozialisiert sei und nicht daran denke, das Land noch mehr zu zentralisieren. In der Stoiber-Ära habe man es damit übertrieben, meint Maly. Entsprechend überhitzt sei der Grossraum München, während sich viele Regionen vernachlässigt fühlten. Söder wolle nicht nur dezentralisieren, sondern Franken seinen Stolz zurückgeben, sagt Husarek. «Er will, dass Nürnberg wieder den Rang einnimmt, der ihm gebührt.»

Gescheit, aber zu ehrgeizig

Maly anerkennt Söders Talente neidlos. Er sei «blitzgescheit» und habe als Verhandler «Handschlagqualität». Im Unterschied zu vielen in der Partei denke er auch eher grossstädtisch; weder mit der Homo-Ehe noch mit Multikulti fremdle er. Im Weg stehe ihm höchstens sein überbordender Ehrgeiz. «Die Rolle des Landesvaters muss er noch etwas trainieren.» In Nürnberg werde Söder respektiert. Noch lieber, scheint es Maly, würde er freilich geliebt werden. Söder sei beliebter, als viele glaubten, meint Husarek, nicht zuletzt wegen seiner Heimatliebe. Er wäre in Nürnberg durchaus mehrheitsfähig – nur nicht gegen Maly. Sonst hätte er gewiss einmal versucht, Bürgermeister zu werden. So teilten sich die beiden die Einflusssphären lieber auf: Nürnberg für Maly, Bayern für Söder. Zum Schaden Nürnbergs ist es in keinem Fall.

Erstellt: 04.10.2018, 17:51 Uhr

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