Der letzte Schluck eines Kriegsverbrechers

Nach dem Urteil tötete sich der bosnische Kroate Slobodan Praljak mit Gift – direkt vor den Richtern des UNO-Tribunals.

Letzter Schluck: Praljak nahm im Gerichtssaal in Den Haag das tödliche Gift ein. Video: Tamedia/Reuters

Letzter Schluck: Praljak nahm im Gerichtssaal in Den Haag das tödliche Gift ein. Video: Tamedia/Reuters

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Zwischen Genie und Wahnsinn liegt oft ein schmaler Grat. Psychologen sprechen von «Schlangen in Anzügen», wenn sie rücksichtslose Karrieristen beschreiben. Solche Typen können ganze Unternehmen, Völker oder Staaten in den Abgrund stürzen – und letztlich sich selbst schaden. Slobodan Praljak trug einen fein gestreiften, dunkelblauen Anzug, als er am Mittwoch den Saal des UNO-Tribunals in Den Haag betrat. Er und fünf weitere Kroaten waren 2013 wegen Kriegsverbrechen an bosnischen Muslimen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Nun wollten die Richter das Urteil im Berufungsverfahren sprechen. Als der Vorsitzende Carmel Agius die 20-jährige Haftstrafe für Slobodan Praljak bestätigte, ergriff der weissbärtige Mann unerwartet das Wort: Er sei kein Kriegsverbrecher, das Urteil lehne er ab. Dann nahm er einen Schluck aus einer kleinen braunen Flasche. Der Auftritt erinnerte zunächst an eine Filmszene aus einer billigen Schnapsbude auf dem Balkan. Doch Praljaks Anwältin erklärte, ihr Klient habe Gift genommen. Die Urteilsverkündung wurde unterbrochen, Ärzte eilten herbei, Journalisten mussten den Gerichtssaal verlassen, eine Eilmeldung jagte die nächste. Am Nachmittag wurde dann Praljaks Tod in Den Haag bestätigt.

Mitschuld am Bosnienkrieg

Journalisten auf dem Balkan, die Praljak interviewt und porträtiert haben, waren von dieser spektakulären Todesshow wenig überrascht. Wie ein roter Faden durchziehen Grössenwahn, übersteigerte Geltungssucht und Selbstüberschätzung die Biografie Praljaks. Er war das lebende Beispiel dafür, dass Bildung weder vor Hass noch vor Torheit schützt. Geboren 1945 in der Stadt Capljina in Bosnien-Herzegowina, schloss Praljak in der kroatischen Hauptstadt Zagreb zunächst ein Studium in Elektrotechnik ab, um danach ein Diplom in Philosophie und Soziologie zu erwerben. Damit nicht genug: Anfang der 70er-Jahre entdeckte er seine Liebe für die Schauspielkunst und studierte Theaterwissenschaft. Der Mann mit drei Uniabschlüssen und mit dem Spitznamen «Brada» (Der Bart) arbeitete als Regisseur, er drehte Fernsehserien und Dokumentarfilme. Im sozialistischen Jugoslawien nannte man solche Leute respektvoll «kulturni radnik», Kulturarbeiter.

Als der gemeinsame Vielvölkerstaat zu zerbrechen begann, strebte Praljak nach Höherem. Er kehrte dem Theater den Rücken und schloss sich der kroatischen Armee an, um die serbische Aggression abzuwehren. Damals hatte Kroatiens nationalistischer Staatschef Franjo Tudjman jedoch grössere Pläne. Er wollte nicht nur die serbische Minderheit aus dem Land vertreiben, sondern auch die Herzegowina, die südwestliche Hälfte Bosniens, erobern, um alle Landsleute in ein Grosskroatien zu vereinen. 1991 wurde Praljak Befehlshaber des HVO, der von Zagreb gestützten Miliz der bosnischen Kroaten. Der Theatermacher zeichnete nun neue Grenzen auf dem Balkan. Neben den Serben wollten auch die Kroaten Bosnien-Herzegowina zerstückeln. Laut dem UNO-Tribunal war die Führungsriege der bosnischen Kroaten an einem gemeinsamen kriminellen Unternehmen beteiligt, um die bosnischen Muslime gewaltsam aus ihren Wohngebieten auszusiedeln.

Praljak war das lebende Beispiel dafür, dass Bildung weder vor Hass noch vor Torheit schützt.

In seinem Tagebuch beschreibt der vor einer Woche zu lebenslanger Haft verurteilte bosnisch-serbische General Ratko Mladic ein Treffen mit Praljak am 5. Oktober 1992. Praljak habe erklärt, die Kroaten seien an einem Krieg mit den Serben nicht interessiert, als Hauptfeinde betrachtete er die Bosniaken, wie sich die bosnischen Muslime selbst nennen. «Wir sind auf gutem Weg, Alija Izetbegovic (den damaligen bosnischen Präsidenten) dazu zu zwingen, Bosnien zu teilen. Es liegt in unserem Interesse, dass die Muslime ihren eigenen Kanton erhalten, damit sie einen Ort haben, wohin sie umziehen können», soll Praljak laut Mladic gesagt haben.

Insgesamt 111 Jahre Gefängnis

Das UNO-Tribunal bestätigte am Mittwoch in seinem zweitinstanzlichen Urteil, dass der kroatische Staatsgründer Tudjman und seine Untergebenen die Vertreibungskampagne der bosnischen Kroaten mit Waffen, Personal und Geld unterstützt haben. Damit trifft auch Kroatien – neben Serbien – eine Mitschuld für den Bosnien-Krieg. Tudj­man, sein Verteidigungsminister und sein Armeechef kamen aber nie vor Gericht: Sie alle sind verstorben, bevor das Tribunal die Anklageschriften verfassen konnte. Praljak und die fünf weiteren befehlsgebenden Täter wurden für die Vertreibung von Tausenden Bosniaken, für Massaker, Folter und Vergewaltigungen zu insgesamt 111 Jahren Gefängnis verurteilt.

Weltweit bekannt wurde General Praljak am 9. November 1993, als er seine Panzer auf die berühmte Alte Brücke von Mostar feuern liess. Nach ein paar Salven fiel das Wunderwerk, das der osmanische Architekt Mimar Hajrudin 400 Jahre zuvor errichtet hatte, in die dunkelgrüne Neretva. Die Menschen in Mostar nannten die Brücke einst einen Regenbogen aus Stein, sie war eine Verbindung zwischen Orient und Okzident. Das von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Bauwerk wurde inzwischen mit EU-Geldern wiederaufgebaut, doch Mostar bleibt eine ethnisch geteilte Stadt: im Westen die katholischen Kroaten, im Süden die bosnischen Muslime.

Höhnisches Grinsen

Im Berufungsurteil heisst es, Praljak treffe keine Schuld für die Zerstörung der Brücke, denn sie sei ein legitimes militärisches Ziel gewesen. Diese Entscheidung der Richter sorgte für grossen Unmut unter den Prozessbeobachtern und Historikern: Sie sehen den Angriff auf die Brücke als eindeutiges Kriegsverbrechen. Wer Praljak mit Fragen zu diesem dunklen Kapitel des Bosnien-Krieges konfrontierte, erntete nur ein höhnisches Grinsen. «Um einen einzigen Finger eines meiner Soldaten zu retten, hätte ich drei solcher Brücken zerstört», sagte der Mann, der in seinen jungen Jahren als Kellner in Restaurants am ­Titisee im Schwarzwald Gäste bediente. Die Brücke habe er übrigens nicht zerstört, er sei einen Tag zuvor seines Amtes enthoben worden, behauptete Praljak. Im Gefängnis schrieb er 18 Bücher über die Kriegszeit.

Wie fast alle Kriegsverbrecher aus dem Balkan wollte auch Praljak als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Für kroatische Menschenrechtler ist er nicht nur ein Massenmörder, sondern auch ein Räuber, der während und nach dem Krieg zum Millionär wurde. Die Nationalisten betrachten ihn als Helden. Geschichtsblind zeigte sich auch Kroatiens Ministerpräsident: Das Urteil gegen die sechs Kroaten sei eine «moralische Ungerechtigkeit», sagte Andrej Plenkovic. Offensichtlich will man in Zagreb den Giftschlucker Praljak nur als Kulturschaffenden in Erinnerung behalten. Einer seiner bekanntesten Filme trägt den Titel «Der Tod eines Hundes». Praljaks Suizid vor laufender Kamera bringt das UNO-Tribunal in Erklärungsnot. Die holländischen Behörden haben nun eine Untersuchung eingeleitet, die abklären soll, weshalb sämtliche Sicherheitsvorkehrungen versagten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2017, 07:33 Uhr

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