Der letzte Zeuge

Neue Ermittlungen bringen den Tod des Russen Alexander Perepilitschny in Verbindung mit der Schweizer Bundesanwaltschaft.

Tatort Surrey: Vor seiner Villa starb Alexander Perepilitschny beim Joggen. In seinem Körper wurde Gift gefunden. Foto: Olivia Harris (Reuters)

Tatort Surrey: Vor seiner Villa starb Alexander Perepilitschny beim Joggen. In seinem Körper wurde Gift gefunden. Foto: Olivia Harris (Reuters)

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Am 10. November 2012 brach Alexander Perepilitschny beim Joggen in der Nähe seiner Villa in der englischen Grafschaft Surrey zusammen. Als die Rettung eintraf, war der 46-jährige Russe bereits tot. Was erst nach Organversagen aussah, wurde mit mehrjähriger Verspätung zum Kriminalfall: 2015 fanden Pathologen in Gewebeproben aus dem Körper des Toten Spuren des schnell wirkenden Gifts Gelsemium elegans. In der Kriminalgeschichte wurde es durch Morde bekannt, die chinesischen und sowjetischen Geheimdiensten zugeschrieben werden.

Seit über fünf Jahren rätseln nun Presse und Justiz in Grossbritannien: Wurde Perepilitschny tatsächlich ermordet? Und wenn ja – was sehr wahrscheinlich ist: Wer gab den Mord in Auftrag? Die Frage belastet die Beziehungen zwischen Grossbritannien und Russland enorm: Perepilitschny ist der bislang Letzte in einer Reihe mysteriöser Todesfälle russischer Bürger im Vereinigten Königreich. Am bekanntesten ist der Fall des ehemaligen Spions Alexander Litwinenko, in dessen Körper das radioaktive Gift Polonium gefunden wurde.

Der Tod Perepilitschnys bedeutete aber auch einen schweren Rückschlag für die Arbeit der Schweizer Bundesanwaltschaft. Denn Perepili­tschny war Whistleblower. Er war an einem gigantischen Steuerbetrug in Russland beteiligt und lieferte danach der Justiz Beweise, dass die Millionen aus dem Betrug über Schweizer Bankkonten gewaschen wurden. Die Bundesanwaltschaft liess daraufhin die Konten sperren und leitete ein Strafverfahren wegen Geldwäscherei ein.

Ein Urteil gibt es bis heute nicht

Doch ausgerechnet die Schweizer Ermittlungen könnten für Perepilitschny das Todesurteil bedeutet haben. Das deuten Zeugenaussagen vor einer gerichtlichen Sonderkommission in London an. Diese Kommission unter einem «Coroner» sollte im Sommer 2017 die Hintergründe von Perepilitschnys Tod klären. 11 Tage lang wurden im Londoner Strafgerichtshof Zeugen vernommen und Dokumente verlesen. Ein Urteil gibt es bis heute nicht.

Das Verfahren fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, dem «Tages-Anzeiger» liegen aber Aussagen der Zeugen vor. Die Vorgänge in der Schweiz kamen häufig zur Sprache. Für den Vertreter des Coroners waren sie «besonders wichtig».

Perepilitschny war zur Kooperation mit der Bundesanwaltschaft bereit und kam im Frühjahr 2012 nach Lausanne, um seine Aussage zu machen. Dann aber nahmen die Ermittlungen eine verhängnisvolle Wende: Im September 2012 wurde in der Schweiz ein Russe namens Wladlen S. als Hauptverdächtiger in den Geldwäscheermittlungen verhört. Dieser stritt alle Vorwürfe ab und belastete seinerseits Perepilitschny. Worauf die Schweizer Ermittler S. und Perepilitschny zu einer Gegenüberstellung luden. Der Termin war noch nicht fixiert, es war aber allen Beteiligten klar, dass es schnell gehen sollte, möglichst noch 2012. Doch dann starb Perepilitschny, mit Gift im Bauch. Ein Zufall? Oder wollten S. und seine Komplizen die von der Bundesanwaltschaft angeordnete Gegenüberstellung vermeiden, um jeden Preis?

«Er gab den Schweizern Informationen über Russen. Dafür kann man getötet werden.»Model Elmira M. zu «Buzzfeed»

Die Sonderkommission in London diskutierte diese Fragen intensiv, freilich ohne zu einer eindeutigen Antwort zu kommen. Berichte der News­plattform «Buzzfeed» und der BBC wurden zitiert, wonach US-Geheimdienste den Tod Perepilitschnys als Mord eingeordnet hätten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit» von Russlands Präsident Wladimir Putin autorisiert worden sei. S. sei wohl nicht erfreut gewesen, als er in der Schweiz von der geplanten Gegenüberstellung gehört habe, sagte der zuständige Chefermittler der britischen Polizei, Ian Pollard, im Zeugenstand: «Aber das bedeutet nicht, dass Perepilitschny ermordet wurde.»

Im Juni 2017 brachte «Buzzfeed» ausserdem ein Interview mit dem ukrainischen Model Elmira M. Sie war mit Perepilitschny wenige Tage vor dessen Tod in Paris zusammen gewesen: «Er gab den Schweizern Informationen über Russen. Dafür kann man getötet werden», wird M. zitiert. Von der britischen Polizei wurde die Ukrainerin jedoch niemals vernommen. Auch sonst sei von den Behörden alles getan worden, um mögliche Beweise eines gewaltsamen Todes Perepilitschnys zu unterdrücken, kritisierte die «Sunday Times» und vermutete politischen Druck: Das Verhältnis Grossbritanniens zu Russland solle nicht noch mehr belastet werden.

Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft wusste, dass russische Whistleblower gefährlich leben. Das beweisen Mails zwischen Chefermittler Pollard und einem Kontaktmann bei der Schweizer Justiz, die vor der Sonderkommission in London verlesen wurden. In einer Mail werden drei weitere mysteriöse Todesfälle erwähnt. In einer anderen Mail heisst es, Perepilitschny sei schockiert über den grausamen Tod des russischen Rechtsanwalts Sergei Magnitski gewesen und in Sorge, dass er «genau so enden könnte». Ganz unbegründet war das wohl nicht, schliesslich hatte Perepilitschny die Geldwäsche jener Leute verraten, die für den Tod Magnitskis verantwortlich gemacht werden.

Investor als «nationales Sicherheitsrisiko»

Sergei Magnitski war Anwalt im Dienst des aus den USA stammenden britischen Investors William Browder. Dieser hatte mit dem Fonds Hermitage Capital in Russland gute Geschäfte gemacht. Dann aber fiel Browder bei Putin in Ungnade. Er wurde als «nationales Sicherheitsrisiko» des Landes verwiesen, seine russischen Firmen wurden von einem kriminellen Netzwerk gekapert, das sich mithilfe korrupter Steuerbeamter und gefälschter Rechnungen 230 Millionen Dollar als Steuerrückzahlung holte. Es war der grösste Steuerbetrug in der Geschichte Russlands, vielleicht auch weltweit. Der junge Anwalt Magnitski war diesem Betrug auf der Spur. Und er kam den Betrügern offenbar sehr nahe. Zu nahe. Im Sommer 2009 wurde er verhaftet und wenige Monate später in einem Moskauer Gefängnis zu Tode geprügelt.

Wladlen S. war Eigentümer einer Firma auf Zypern, der die nun gesperrten Schweizer Bankkonten gehörten. Seine Ex-Frau Olga S. war Leiterin des Moskauer Steuerbüros Nummer 28, über das der Steuerbetrug abgewickelt wurde. Beide hatten offiziell ein durchschnittliches russisches Einkommen, konnten sich aber den Kauf von Luxusimmobilien in Moskau, in Montenegro und auf dem künstlichen Archipel Palm Jumeirah in Dubai leisten. Der Banker Alexander Perepilitschny regelte von Moskau aus ihre Finanzgeschäfte und stieg dabei auch nicht schlecht aus: Er besass ebenfalls ein Appartement in Dubai. Dann vernichtete die Finanzkrise viel Vermögen seiner Kunden, und die machten ihren Banker dafür verantwortlich.

Moskau wurde für Perepilitschny zu heiss. Er übersiedelte mit seiner Familie nach London. Dort kontaktierte er William Browder und bot ihm Unterlagen an: die Nummern der Schweizer Konten, Überweisungen und Namen des Eigentümers der Briefkastenfirmen. Browders Anwälte übergaben das Material der Schweizer Bundesanwaltschaft. Diese sperrte kurz darauf die Konten: Über 10 Millionen Franken sollen seither auf Eis liegen.

«Du wirst für lange Zeit ins Gefängnis gehen.»Anonyme Drohung an Perepilitschny via Skype

Die Bundesanwaltschaft bestätigte Tagesanzeiger.ch/Newsnet, «dass ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Geldwäscherei hängig ist und Vermögenswerte beschlagnahmt sind». Auf die Frage, ob der Tod Perepilitschnys mit der geplanten Gegenüberstellung mit S. zusammenhängen könnte, antwortet der Pressesprecher, dass S. mehr als ein Jahr vor seiner Einvernahme in einem offenen Brief seine Beziehung mit Perepili­tschny erwähnt habe. S. hätte in der Schweiz also nichts Neues erfahren können?

Tatsächlich liess S. im Mai 2011 in einer russischen Zeitung einen offenen Brief abdrucken. Er bestätigte darin, dass die Bundesanwaltschaft seine Konten bei der Credit Suisse gesperrt habe, und machte dafür Browder und Perepilitschny verantwortlich. Der Brief endete mit einer unverhohlenen Drohung: «Mit jenen Betrügern, die mein Geld nahmen, mir konkreten finanziellen Schaden zufügten und – vor allem – mich verleumdeten, werde ich mich noch beschäftigen und Genugtuung fordern.» Dann erhielt Perepilitschny anonyme Drohungen über sein Skype-Konto: «Du wirst für lange Zeit ins Gefängnis gehen.» Und: «Mach keine dummen Schritte, wir haben alles unter Kontrolle.»

Um den Banker wieder unter Kontrolle zu bringen, überschritten die russischen Behörden offenbar weit ihre Kompetenzen. Vor seiner Zeugenaussage im Frühjahr 2012 in Lausanne wurde Perepilitschny auf dem Flughafen Zürich von einem Mann angesprochen, der sich als russischer Polizist Andrei P. vorstellte und Perepilitschny aufforderte, alle Materialen über S. zur Verfügung zu stellen. Das tat Perepilitschny offenbar nicht.

Die Rolle der Schweizer Ermittler

Dennoch versuchte er, mit seinen ehemaligen Auftraggebern ins Reine zu kommen, und verhandelte heimlich, ob und wie er sich von der Schuld des Verrats freikaufen könne. In Mails, die von der britischen Polizei sichergestellt wurden, verlangen die Betrüger eine Million Dollar. Perepilitschny suchte eine Möglichkeit, das «Bussgeld» in Raten zu zahlen. Dazu kam es nicht mehr.

Nach der Einvernahme von S. in Lausanne und der Ankündigung einer Gegenüberstellung mit Perepilitschny muss den russischen Steuerbetrügern klar geworden sein, dass das Verfahren in der Schweiz nicht mehr zu stoppen sei. Zwei Wochen nach Perepilitschnys Tod erhielt seine Witwe Tatjana einen Anruf aus Russland. Eine unbekannte Stimme sagte: «Alexander, leider hast du nicht das gemacht, was du versprochen hast. Deshalb habe ich gewissen Leuten einen Auftrag gegeben . . .».

Hätten die Schweizer Ermittler durch ein vorsichtigeres Vorgehen den Tod Perepilitschnys verhindern können? Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft darf sich zwar nicht in die konkrete Verfahrensführung einmischen. Ihr Präsident Niklaus Oberholzer sagt aber, dass jede beschuldigte Person das Recht habe, bei der Beweiserhebung anwesend zu sein und Fragen zu stellen. Das garantiere die Schweizer Strafprozessordnung und die europäische Menschenrechtskonvention.

Auch William Browder sieht im Vorgehen der Bundesanwaltschaft keine Pflichtverletzung: «Zeuge und Beschuldigter widersprachen einander. Also war die Gegenüberstellung rechtlich gesehen notwendig.» War es Zufall, dass Perepilitschny nach Ankündigung der Gegenüberstellung starb? Nein, antwortet Browder: «Meiner Meinung nach waren jene russischen Kriminellen, die 230 Millionen Dollar gestohlen hatten, extrem wütend. Perepilitschny hatte sie blossgestellt. Sie wollten ihn töten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 10:25 Uhr

Alexander Perepilitschny lieferte Beweise, dass über Schweizer Konten Geld gewaschen wurde. Foto: PD

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