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Der Mann, mit dem die Terroristin spricht

Der Anwalt Mathias Grasel steht im Zentrum des spektakulären Prozesses um die deutsche rechtsradikale Terrorzelle NSU.

Gespräch im Gerichtssaal: Beate Zschäpe unterhält sich mit ihrem Anwalt Mathias Grasl. Foto: Peter Kneffel (Keystone)
Gespräch im Gerichtssaal: Beate Zschäpe unterhält sich mit ihrem Anwalt Mathias Grasl. Foto: Peter Kneffel (Keystone)

In diesen Tagen ist er der berühmteste Rechtsanwalt Deutschlands: Mathias Grasel, der 31-jährige Verteidiger von Beate Zschäpe. Seit mehr als zwei Jahren steht die 40-Jährige vor Gericht – und schweigt. Zu ihrer Rolle in der rechtsradikalen Terrorzelle NSU (Nationalsozialistischer Untergrund); zu ihrer genauen Bezi­ehung zu den beiden anderen Mitgliedern, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt; zu den Gründen, warum die NSU von 2000 bis 2007 neun Ausländer und eine Polizistin ermordete; zu den 14 Banküberfällen, die sie verübten.

Sie schwieg, obwohl man ihr, je länger das Verfahren dauerte, immer deutlicher ansehen konnte, dass ihr das Schweigen schwerfiel. Im Frühling war sogar die Rede davon, dass Zschäpe deshalb krank wurde, psychisch am Ende war. Am Montag dann die überraschende Kehrtwende: Zschäpe will sich endlich äussern – vermutlich nächste Woche, über ihren Anwalt. Grasel, der erst seit Juli im seit Jahrzehnten wichtigsten poli­tischen Prozess in Deutschland auftritt, will in ihrem Namen eine Erklärung verlesen.

Drei Anwälte arbeiten schon für Zschäpe – Pflichtverteidiger, vom Gericht berufen. Die drei mit den martialischen Namen Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm haben die Strategie des Schweigens beschlossen, damit Zschäpe sich nicht selbst belastet. Doch mit Heer, Stahl und Sturm hat sich die Neonazi-Frau aus Ostdeutschland schon lange zerstritten. Ihre wiederholten Anträge, die drei zu entlassen, hat das Oberlandesgericht in München aber abgelehnt.

Zugelassen wurde hingegen die Ernennung eines zusätzlichen Anwalts – Mathias Grasel. Zschäpe hatte ihn im Gefängnis kennen gelernt, auf Empfehlung eines älteren Anwaltskollegen, der dort nach Mandanten suchte. Grasel ist am Bodensee aufgewachsen, hat erst in Konstanz, dann in München Jura studiert und seine ersten Arbeitsjahre in einer renommierten Kanzlei verbracht. Schon vor zwei Jahren machte er sich selbstständig.

Grasel macht gar keinen Hehl daraus, dass er unerfahren ist, dass er die Berge von Akten zum NSU-Prozess gar nicht durcharbeiten konnte. Aber er hat einen grossen Vorteil: Zschäpe spricht mit ihm. So konnte er offenbar auch den Strategiewechsel umsetzen – dosiert zu reden statt komplett zu schweigen.

Für den NSU-Prozess, der sich so lange zäh hingeschleppt hat, ist das eine spektakuläre Wende. Doch eines ist klar: Es werden bei weitem nicht alle Fragen beantwortet werden. Es geht nicht um Aufklärung. Zschäpe will einfach nicht mehr als kalte Täterin dastehen, die selbst den schlimmsten Schicksalen, die im Gerichtssaal vorgetragen wurden, reglos zuhörte – während sie in Pausen mit Grasel tuschelte. Sie will menschlicher auf­treten, hofft, das Gericht etwas milder stimmen zu können. Denn dass sie verurteilt wird, das kann auch Grasel nicht mehr abwenden.

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