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Der Mord kostete 50'000 Euro

Der wahrscheinlich wichtigste Prozess in der Geschichte der Slowakei hat begonnen: Die Gerichtsverhandlung zum Mord am Journalisten Jan Kuciak.

Viktoria Grossmann, Pezinok
Die Beschuldigten betreten den Gerichtssaal. Vorne, in Anzug und Krawatte, Marian Kocner. Er soll den Mord in Auftrag gegeben haben. Foto: Jakub Gavlak (Keystone)
Die Beschuldigten betreten den Gerichtssaal. Vorne, in Anzug und Krawatte, Marian Kocner. Er soll den Mord in Auftrag gegeben haben. Foto: Jakub Gavlak (Keystone)

Gefesselt, in Fussketten und Handschellen, begleitet von einem Dutzend schwer bewaffneter Justizbeamter mit Sturmhauben werden die vier Beschuldigten am frühen Donnerstagmorgen in den Gerichtssaal der Justizakademie in der slowakischen Kleinstadt geführt. Hier in Pezinok beginnt der wahrscheinlich wichtigste Gerichtsprozess in der Geschichte der Slowakei. Der gegen die mutmasslichen Mörder und Auftraggeber des Mordes am Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova. Sie wurden im Februar 2018 in ihrem Haus erschossen.

Beschuldigt, den Mord beauftragt zu haben, wird der Geschäftsmann Marian Kocner. Geschäftsmann ist dabei nur eine grobe Berufsbezeichnung, Kocner hatte über Jahre ein Mafia-System in der Slowakei aufgebaut. Staatsanwälte verschleppten Ermittlungen gegen ihn, Polizisten spähten für ihn Journalisten oder andere ihm unliebsame Personen aus, Richter urteilten in seinem Sinne.

Nahe an der Regierung

Nicht zuletzt hatte Marian Kocner exzellente Kontakte zur Politik. Robert Fico, ehemaliger Premier und Chef der Regierungspartei Smer SD, lebte mit ihm in der Hauptstadt Bratislava Tür an Tür. Kocner mischte sich in Regierungsbildungen und innerparteiliche Angelegenheiten ein. So weit reichte seine Anmassung, dass er sogar bestimmen wollte, wer im Lande Premier ist.

Das ganze Ausmass von Marian Kocners Verbindungen, sein Netz aus Bestechung und Erpressung wurde erst im Zuge der Ermittlungen nach dem Mord an Kuciak offenbar. Der erst 27-jährige Journalist hatte zu Kocner recherchiert und über ihn geschrieben. Dieser hatte ihm gedroht. Dass deshalb wirklich ein Mord geschehen könnte in dem sonst so sicheren 5,5-Millionen-Einwohner-Land, hatte jedoch keiner geglaubt.

Im Gericht erscheint Marian Kocner in Anzug und Krawatte, mit einem selbstsicheren Lächeln. Die Haare trägt der 56-Jährige frisch geschnitten und dunkel gefärbt. Er plädiert auf nicht schuldig. Keiner der vier Beschuldigten möchte eine Vereinbarung treffen und ein Schuldeingeständnis machen. Ihnen allen drohen mindestens 25 Jahre Haft oder gar lebenslänglich. Mit Kocner sind zwei weitere Männer und eine Frau angeklagt.

Ein Geständnis

Alena Zsuzsova gilt als Kocners rechte Hand. Sie soll den Auftrag vermittelt, mit den Tätern kommuniziert und auch das Geld übergeben haben. Zudem soll sie für Kocner spioniert und erpresst haben. Auch Alena Zsuzsova plädiert auf nicht schuldig. Sie wird zudem beschuldigt, in einem weiteren Mord Vermittlerin gewesen zu sein.

Die beiden Männer, die den Mord ausgeführt haben sollen – für 50'000 Euro –, sitzen in Jogginganzügen im Gerichtssaal, die Köpfe meist tief gesenkt. Tomas Szabo, ein ehemaliger Polizist, und Miroslav Marcek, ein ehemaliger Berufssoldat, sind Cousins. Marcek hat bereits gestanden, geschossen zu haben. Ihm wird ein weiterer Mord vorgeworfen; darüber soll im selben Prozess entschieden werden.

Marian Kocner hatte über Jahre ein Mafia-System in der Slowakei aufgebaut.

Am Donnerstag hat das Gericht formal entschieden, den Prozess aufzunehmen. Einwände der Anwälte der Beschuldigten wurden abgelehnt. Für das neue Jahr sind zunächst sechs Prozesstage angesetzt.

In einem gesonderten Prozess soll ein Urteil über einen fünften Beschuldigten gefällt werden. Er gilt ebenfalls als Mittler zu den Auftragsmördern. Weil er bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt und damit die anderen Beschuldigten schwer belastet hat, kann er mit einem etwas milderen Urteil rechnen.

Der Anwalt der Eltern von Jan Kuciak gab sich schon Wochen vor dem Prozess gewiss, dass Kocner «eine gerechte Strafe» erhalten werde. Und nicht nur dieser. Nach und nach kommen immer mehr slowakische Persönlichkeiten zu Fall, die Kocners System gedient haben.

System Kocner stürzt ein

Ein stellvertretender Parlamentspräsident trat wegen Vorwürfen besonders enger Kontakte zu Kocner zurück. Ein früherer Generalstaatsanwalt, der über Jahre Beweise in einem Korruptionsfall zurückhielt – zugunsten Kocners –, gilt seit Mittwoch laut der Polizei als offiziell Beschuldigter. Eine Staatssekretärin im Justizministerium gab ihr Amt auf – auch sie arbeitete für Kocner, der sie als «Äffchen» bezeichnete. Andere waren für ihn einfach «Schafe».

Nun scheint das System Kocner einzustürzen. In den USA hat man beobachtet, was in der Slowakei geschieht – und Kocners amerikanische Konten eingefroren. Wegen des Vorwurfs, Wechsel gefälscht zu haben, wird Kocner gleichzeitig ein weiterer Prozess gemacht. Kocners politischer Vertrauter Robert Fico, der ehemalige Premier, hält sich jedoch noch an der Spitze seiner Partei. Ob sich wirklich etwas verändern wird, werden die Slowaken auch in den Parlamentswahlen im Februar entscheiden.

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