Zum Hauptinhalt springen

Der Name des italienischen Corona-Ministers ist Programm

Völlig unverhofft wurde Roberto Speranza Gesundheitsminister. Jetzt versucht er vor allem eines: Hoffnung zu verbreiten.

Oliver Meiler, Rom
Der 41-jährige Roberto Speranza ist seit Herbst 2019 italienischer Gesundheitsminister. Foto: Remo Casilli (Reuters)
Der 41-jährige Roberto Speranza ist seit Herbst 2019 italienischer Gesundheitsminister. Foto: Remo Casilli (Reuters)

Manchmal will es der Zufall, dass der Name eines Amtsträgers wie eine Fügung zur Funktion passt. Der italienische Gesundheitsminister trägt so einen Namen, er heisst Roberto Speranza. Speranza ist das italienische Wort für Hoffnung. Und Hoffnung ist in Italien gerade die begehrteste Währung.

Das Coronavirus beschäftigt und besorgt, verunsichert und terrorisiert die Italiener, je nach Empfindlichkeit und Wohnort. Bei manchen schlägt es in Hysterie um, sie tätigen Hamsterkäufe im Supermarkt, zahlen absurde Preise für Gesichtsmasken skrupelloser Händler. Andere sind lockerer und verweisen auf die Thesen und Theorien unaufgeregter Virologen.

Aber alle nennen die Epidemie eine Krise, «una crisi». Am Fernsehen tritt ihnen nun oft ein schmaler, jungenhafter Mann mit «englischen Manieren» auf, wie es eine Zeitung einmal schrieb, den das grosse Publikum kaum kannte. Roberto Speranza, 41 Jahre alt, aus Potenza in der süditalienischen Region Basilicata, gibt Ratschläge, wie man sich verhalten soll, er erzählt von den drastischen Massnahmen, die sie in langen Krisensitzungen der Regierung beschliessen. An manchen Tagen sieht man ihm die Übernächtigung an. Er will beruhigend wirken, aber gleichzeitig – um Himmels willen! – nichts verharmlosen. Krisenmanager ist ein harter Job.

Politik könne Berge versetzen und Mauern zerstören, heisst es auf Speranzas Website. Doch was ist mit Viren?

Gesundheitsminister wurde Speranza völlig überraschend vergangenen Herbst. Als das erste Kabinett von Premier Giuseppe Conte, das Conte I, nach Matteo Salvinis Bruch auseinandergefallen war, brauchte es Stimmen für eine neue Mehrheit im Parlament. Die wäre zwar auch ohne die linke Kleinpartei Liberi e Uguali möglich gewesen, zu der Speranzas Minipartei Articolo 1 gehört. Doch mit den paar Stimmen mehr versprach sie dem Conte II einen etwas besseren Halt. Damit Roberto Speranza Gesundheitsminister werden konnte, mussten die Cinque Stelle Platz machen. Fachlich war er nicht sonderlich prädestiniert für das Ressort, aber es ging schliesslich um das grosse Gleichgewicht.

Im Netz gibt es ein hübsches Video von der Vereidigung des Conte II im Quirinalspalast. Alle neuen und alten Minister lesen ihren Eid auf Verfassung und Republik von einer Vorlage ab, nur Speranza nicht: Der hat ihn auswendig gelernt. Wie ein Klassenbester steht er da, stolz und bewegt, und schaut dem Staatspräsidenten beim Schwur gerade in die Augen. Auf seiner persönlichen Website schreibt Speranza, er habe früh zur Politik gefunden, denn Politik sei das schönste Werkzeug, man könne damit die Welt verbessern. «Politik kann Berge versetzen und Mauern zerstören.» Aber was ist mit Viren?

Das «schöne Gefühl» währte kurz

Sehr geradlinig verlief sein politischer Weg nicht. 2013 wurde Speranza Abgeordneter, und obschon er Novize war, machte ihn Matteo Renzi gleich zum Fraktionschef des Partito Democratico. Er war selbst überrascht, sagte er einmal. Nach zwei Jahren gab er das Amt aber ab, weil er die liberalen Reformen Renzis am Arbeitsmarkt nicht mittragen wollte. Speranza gehörte dem linken Flügel der Partei an, der sich später von den Sozialdemokraten abspaltete. Es entstanden mehrere Kleingruppierungen, die alle Nullkomma- oder Einskommairgendwas wogen. Der denkwürdige Sommer 2019 brachte eine unverhoffte Wende, man war plötzlich wieder im Spiel. Speranza versprach als Erstes, er werde das «Superticket» abschaffen, so nennt man eine Steuer auf Behandlungskosten im Krankenhaus. Die Reform würde 600 Millionen Euro im Jahr kosten und wäre natürlich populär. Die Finanzierung ist aber alles anderes als gesichert.

Doch jetzt steht sowieso erst einmal alles im Zeichen von Corona. Als vergangene Woche 40 Italiener, die in Wuhan lebten, in die Heimat zurückkehrten, postete Speranza auf Twitter ein Gruppenfoto. Eine «bella emozione» sei das, schrieb er dazu, ein schönes Gefühl. «Unsere Landsleute können nun in totaler Sicherheit ins Leben zurückkehren.» Der Post ist vom 20. Februar. Weniger als 24 Stunden später wurde bekannt, dass das Virus den Norden Italiens bereits erreicht hatte, lange vor den Rückkehrern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch