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Der nette Mann von nebenan greift nach Mitterands Erbe

François Hollande gilt als grösster Herausforderer von Nicolas Sarkozy aufs französische Präsidentenamt. In der heutigen Vorwahl der Sozialisten tritt er gegen seine ehemalige Lebensgefährtin an.

Ein Mann des Volkes: François Hollande lässt sich in Toulouse mit Anhängern fotografieren. (3. Mai 2012)
Ein Mann des Volkes: François Hollande lässt sich in Toulouse mit Anhängern fotografieren. (3. Mai 2012)
AFP
Liegt in Umfragen vor Sarkozy: François Hollande bei einem Wahlauftritt am 3. März 2012.
Liegt in Umfragen vor Sarkozy: François Hollande bei einem Wahlauftritt am 3. März 2012.
AFP
Seit knapp drei Jahren konzentriert er sich auf seine Ämter als Abgeordneter und Regionalrat.
Seit knapp drei Jahren konzentriert er sich auf seine Ämter als Abgeordneter und Regionalrat.
AFP
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Noch vor wenigen Monaten hätte kaum jemand auf François Hollande gesetzt, den französischen Sozialisten, der nächstes Jahr Präsident Nicolas Sarkozy beerben will. Zum einen stand Hollande im Schatten seines Parteigenossen Dominique Strauss-Kahn, der als aussichtsreichster Anwärter auf das Amt galt, bis die Vergewaltigungsklage in den USA ihn im Mai aus dem Rennen kegelte. Zum anderen sahen viele in ihm noch den rundlichen, unscheinbaren Vorsitzenden der Sozialistischen Partei (PS), die unter ihm zwei Präsidentenwahlen verlor.

Elf Jahre lang führte Hollande die stärkste französische Oppositionspartei, deren Sprecher er zuvor gewesen war; vor knapp drei Jahren gab er den Vorsitz ab und konzentrierte sich auf seine Ämter als Abgeordneter und Regionalrat von Corrèze im südwestlichen Landesinneren. Samstags über den Wochenmarkt gehen, Händeschütteln, mit dem Fischhändler scherzen, das ist Hollandes Ding.

«Nett aber farblos»

Wo sein Parteigenosse Strauss-Kahn als Leiter des Internationalen Währungsfonds staatsmännisch daherkam, war Hollande volksnah. Jahrelang fuhr der Bürgermeister der Kleinstadt Tulle am Wochenende in seinen Wahlkreis zurück, weit weg von Paris. «Schauen Sie die Kühe an!», rief er im Auto aus, kaum dass er mit Besuchern das Département Corrèze erreicht hatte. «Sie lächeln!» Ein netter, freundlicher Mann, nur leider etwas farblos, so sahen ihn die meisten. Seine rundliche Figur brachte ihm den Spitznamen «Flamby» ein, so heisst in Frankreich ein Pudding mit Karamellgeschmack. «Mein Problem war das Bild in der Öffentlichkeit», gab Hollande unlängst selbst zu.

Tatsächlich täuschte Hollandes harmloses Auftreten lange darüber hinweg, was in ihm steckt. Der Sozialist wurde am 12. August 1954 im nordfranzösischen Rouen in eine Arztfamilie hineingeboren, in der viel über Politik geredet wurde. Nach dem Abitur ging Hollande zum Studieren nach Paris und bestand die Aufnahmeprüfung an der namhaften Universität Sciences Po, die er ebenso wie die Handelsschule HEC und anschliessend die Eliteuni ENA mit Diplom abschloss. Schon als 20-Jähriger arbeitete er im Wahlkampfteam eines gewissen François Mitterrand mit - des späteren Staatschefs, der ihn nach seinem Wahlsieg 1981 mit einem Posten im Elyséepalast bedachte.

Hervorragende Umfragewerte

Zusammen mit Hollande ging seine damalige Lebensgefährtin Ségolène Royal ins Präsidialbüro; das Paar hatte sich beim Studieren an der ENA kennengelernt. Hollande und Royal lebten mehr als zwanzig Jahre zusammen und haben vier gemeinsame Kinder. Sie trennten sich vor vier Jahren, nachdem Royal bei der Präsidentschaftswahl gegen Sarkozy angetreten war und verloren hatte. Inzwischen kritisiert sie ihren früheren Partner dafür, dass er nichts zustande gebracht habe. «Können die Franzosen eine Sache nennen, die er in 30 Jahren politischen Lebens geschafft hat?», fragte die 58-Jährige jüngst in einem Interview.

Bei der parteiinternen Vorwahl am Sonntag kämpfen die früheren Lebensgefährten gegeneinander um die Kandidatur der Sozialisten. Die besseren Aussichten hat Hollande, der im vergangenen Jahr zehn Kilo abgespeckt und sich eine neue Brille zugelegt hat. In sämtlichen Umfragen der vergangenen Wochen liegt der Regionalpolitiker, der inzwischen mit einer Journalistin liiert ist, deutlich vor der Parteivorsitzenden Martine Aubry und meilenweit vor Royal. Dreissig Jahre nach dem historischen Wahlsieg von Mitterrand träumt Hollande nun davon, dass er seinen Mentor beerbt: «Ich würde mir wünschen, dass 2012 einen Anflug von 1981 hat», sagte er unlängst. Dass er nicht genügend Erfahrung für das höchste Amt im Staat habe, lässt der Politprofi nicht gelten. Auch der britische Premierminister David Cameron und US-Präsident Barack Obama seien nie Minister gewesen, bevor sie gewählt wurden, sagt Hollande.

AFP/mrs

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