«Der Papst könnte das mit einem Federstrich umsetzen»

Der Papst eröffnet den Missbrauchsgipfel mit einem eindringlichen Appell. Doch die Enttäuschung ist programmiert.

Papst Franziskus am Missbrauchsgipfel in Rom. Foto: AFP

Papst Franziskus am Missbrauchsgipfel in Rom. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zum Auftakt des Missbrauchsgipfels im Vatikan hat der Papst den angereisten Bischöfen, Kardinälen, Patriarchen und Ordensleuten ins Gewissen geredet. «Angesichts des Übels des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Männer der Kirche war es mein Wunsch, dass wir alle gemeinsam auf den Heiligen Geist hören und uns folgsam von ihm leiten lassen, um dem Schrei der Kleinen Gehör zu schenken, die Gerechtigkeit verlangen», sagte Franziskus. Auf dem Treffen laste das Gewicht der pastoralen und kirchlichen Verpflichtung, gründlich darüber zu diskutieren, wie dem Übel begegnet werden könne. Selbstverständliche Verurteilungen würden nicht ausreichen: «Es braucht Konkretheit», sagte er.

Doch gerade an der Verabschiedung konkreter Massnahmen zweifeln Beobachter und Opfervereinigungen gleichermassen. Der Vatikan selbst hatte in den vergangenen Wochen vor allzu grossen Erwartungen an die Konferenz gewarnt. Zunächst geht es nur darum, weltweit gültige Leitlinien zu erarbeiten, wie mit Kinderschändern aus dem Klerus verfahren werden soll. Kompliziert ist das deshalb, weil die Bewusstseinswerdung in manchen Weltgegenden und bei manchen Kirchenoberen bereits weit fortgeschritten ist, während es bei anderen noch ganz am Anfang steht. Dreieinhalb Tage wird der beispiellose Gipfel nur dauern. Die Enttäuschung ist programmiert.

Stimme der Stimmlosen

Alle Dramatik in einem Wort: «Survivors», Überlebende. So nennen sich im Englischen jene Menschen, die von katholischen Geistlichen sexuell missbraucht wurden, als sie noch klein waren. Knaben, Mädchen. Aber auch junge Erwachsene, Seminaristen zum Beispiel, oder Ordensschwestern. Das lange Schweigen der Kirche hat auch sie verschluckt: ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihr Leiden. Und so sind nun einige Dutzend von ihnen nach Rom gereist, um wenigstens vor Ort zu sein, wenn sich der Vatikan zum ersten Mal umfassend und global mit seiner dunkelsten Seite beschäftigt. Drinnen, in der Aula Nuova del Sinodo, der neuen Synodenaula, wo die Konferenz stattfindet, sind sie zwar nicht dabei. Doch man hört sie.

Sie haben sich organisiert, etwa im internationalen Netzwerk ECA, in dem sich Opfervereinigungen aus 18 Ländern und vier Kontinenten zusammengefunden haben. Die Abkürzung steht für «Ending Clergy Abuse»: den Missbrauch durch Kleriker beenden. Oder bei der amerikanischen Internetplattform «Bishop Accountability», bischöfliche Rechenschaft, die Zehntausende Dokumente über Missbrauchsfälle sammelt und archiviert. Und bei «Voices of Faith», einer internationalen Vereinigung katholischer Frauen, die unter anderem die Misshandlung von Nonnen anprangert, ein anderes schändliches Kapitel. Parallel zum nur sehr beschränkt öffentlichen Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen läuft in Rom also ein Gegengipfel der Überlebenden, der «Survivors». Sehr öffentlich.

Marsch zur Nulltoleranz

Nach jedem Pressebriefing des Vatikans unterrichten die Opfer die Medien über ihre Sicht der Dinge, und zwar gleich vor dem Presseamt des Vatikans, an der Via della Conciliazione, der grossen Zufahrtsallee zum Petersplatz. In den Tagen vor dem Gipfel waren alle diese Vereinigungen schon im Zentrum der römischen Auslandspresse aufgetreten, das für die Gelegenheiten so gut besucht war wie selten. Am Samstag ist dann eine Kundgebung auf der Piazza del Popolo geplant. Sie trägt den Namen «March to Zero Tolerance», Marsch zur Nulltoleranz. So lautet das grosse Motto im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen.

Sie hätten zwar keine Mittel, um einen solchen Gegengipfel professionell aufzuziehen, sagte der Amerikaner Peter Isely, einer der Mitgründer von ECA. «Doch es ist schon heilend, dass wir hier so zahlreich sind», sagte er. Isely, aus Wisconsin, der mit 13 von einem Priester missbraucht wurde, gehörte zu einer Gruppe von zwölf Männern und Frauen, die am Tag vor dem Konferenzauftakt für ein Treffen in den Vatikan eingeladen wurden, stellvertretend für alle Betroffenen.

Der Papst war nicht dabei

Zwei Stunden dauerte das Treffen, kurz davor war noch nicht einmal klar gewesen, wo es stattfinden würde, wer dabei sein würde, alles war improvisiert. Danach gab es aber ein offizielles Bulletin des vatikanischen Presseamtes. Darin hiess es, das Vorbereitungskomitee der Konferenz danke den Opfern, dass sie mit ihren Zeugnissen das Verständnis für die «Schwere» und «Dringlichkeit» der Angelegenheit noch einmal geschärft hätten. Der Kirche war offensichtlich daran gelegen, nicht unsensibel zu wirken: Die meisten Opfer waren auf eigene Kosten nach Rom gereist, von überall her.

Der Papst aber, der war nicht dabei, und das enttäuschte viele. Isely sagte später, sie hätten ja immerhin «den Papst bei ihm zuhause» besucht. Überhaupt: Franziskus. Als Jorge Mario Bergoglio Papst wurde sei die Hoffnung gross gewesen. Schon dass er sich Franziskus nannte, nach dem Heiligen von Assisi, habe wie eine Garantie gewirkt, dass alles besser würde, sagt Isely.

Doch es braucht nicht viel, und die Hoffnung ist weg. Nämlich dann, wenn dieser Gipfel im Vatikan nicht für immer festschreibt, dass Kleriker, die sich an Kindern vergangen haben, und Bischöfe, die sie decken, in den Laienstand versetzt werden. «Der Papst», sagt Isely, «kann das mit einem Federstrich umsetzen.» Franziskus sei schliesslich der Chef.

Italiens Rückstand

Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Ende dieser Missbrauchskonferenz einen solchen Federstrich geben wird, ist sehr klein. Für manchen «Survivor» ist der Moment dennoch einzigartig, etwa für Francesco Zanardi, 48 Jahre alt, aus dem ligurischen Savona. Er war elf, als ihn «Don Nello», ein junger Pfarrer, zum ersten Mal missbrauchte. Zanardi erzählt, er habe bis 30 kein normales Sexualleben gehabt, habe sich geschämt, Drogen genommen. Erst als «Don Nello», der sich auch an anderen Buben verging, verurteilt wurde, fand Zanardi den Mut, öffentlich darüber zu reden. Vor sechs Jahren gründete er das Netzwerk «L’abuso» (der Missbrauch), dem sich seitdem fast tausend weitere Opfer angeschlossen haben.

Trotz seiner intensiven Öffentlichkeitsarbeit in den letzten Jahren war Zanardi dem grossen Publikum bisher kaum bekannt. Das hat damit zu tun, dass die katholische Kirche in Italien Missbrauchsfälle noch immer verdrängt. Auch um das zu ändern, würde ein Zeichenstrich reichen, allerdings wäre ein doppelter nötig – vom italienischen Staat und dem Vatikan. Italienische Bischöfe sind nicht dazu verpflichtet, Strafanzeige zu erstatten gegen Kinderschänder, wie das anderswo der Fall ist. So steht es in den Lateranverträgen, die die Trennung von Kirche und Staat regeln.

Erstellt: 21.02.2019, 21:19 Uhr

Artikel zum Thema

Barmherzig mit den Tätern

In der Schweiz sind die meisten übergriffigen Kleriker versetzt, aber nicht verurteilt worden. Mehr...

«Ihr seid zu den Mördern des Glaubens geworden»

Dutzende Missbrauchsopfer sind zur historischen Konferenz im Vatikan gereist. Der Papst fordert «konkrete Massnahmen». Mehr...

Papst entlässt ehemaligen Erzbischof wegen Missbrauchs

Höchstrafe nach Kirchenrecht: Theodore McCarrick wird wegen sexuellen Fehlverhaltens mit Minderjährigen vom Papst verstossen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...