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Der Papst lobt die Ökos

In seiner Rede im deutschen Bundestag sprach Papst Benedikt XVI. ein überraschendes Lob für die Grünen aus. Viele Parteimitglieder bekamen dies gar nicht zu hören – sie boykottierten die Rede.

Versprach Massnahmen gegen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Der Past nach dem Treffen mit Missbrauchsopfern in Erfurt. (23. September 2011)
Versprach Massnahmen gegen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Der Past nach dem Treffen mit Missbrauchsopfern in Erfurt. (23. September 2011)
Reuters
«Nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn dürfen der Massstab sein»: Der Papst bei seiner Rede im deutschen Bundestag.
«Nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn dürfen der Massstab sein»: Der Papst bei seiner Rede im deutschen Bundestag.
Keystone
Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Olympiastadion in München. (21. September 2011)
Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Olympiastadion in München. (21. September 2011)
Reuters
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Bei der ersten Rede eines Papstes im Bundestag hat Benedikt XVI. die Politiker vor ungezügeltem Machtstreben gewarnt. «Der Erfolg ist dem Massstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet», sagte Benedikt XVI. am Donnerstag im Parlament. Zeitgleich versammelten sich mehrere Tausend Papst-Gegner zu einer Protestdemonstration am Potsdamer Platz. Das katholische Kirchenoberhaupt war am Morgen mit Salutschüssen zu seinem ersten Staatsbesuch in Deutschland empfangen worden.

In seiner philosophisch angelegten Bundestagsrede warnte der Papst, Erfolg könne auch Verführung sein und «so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit». Er erinnerte an die Zeit des Nationalsozialismus, der den Staat zum Instrument der Rechtszerstörung gemacht habe. Grundlegende Aufgabe des Politikers bleibe, dem Recht zu dienen und «der Herrschaft des Unrechts zu wehren». In Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen gehe, reiche das Mehrheitsprinzip nicht aus.

Der Papst überraschte die Abgeordneten mit einem Lob für die Grünen. Das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren sei ein «Schrei nach frischer Luft» gewesen, den man nicht überhören dürfe und nicht beiseiteschieben könne. Nichts liege ihm ferner, als Propaganda für eine bestimmte politische Partei zu machen, versicherte Benedikt XVI. Aber die Bedeutung der Ökologie sei mittlerweile unbestritten.

Dutzende Abgeordnete boykottierten Rede

Auf die politischen Debatten vor der gut 20-minütigen Rede ging Benedikt XVI. nicht direkt ein. Er bezeichnete aber die Einladung zur Rede als Anerkennung der Rolle, «die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt». Unklar blieb, wie viele Abgeordnete die Rede letztlich boykottiert hatten. In den Reihen der Linke blieben rund 45 Sitze leer, bei den Grünen ein gutes Dutzend. Für seine Rede erhielt der Papst lang anhaltenden Applaus und viel Lob.

Bundespräsident Christian Wulff, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und viele ihrer Bundesminister hatten Benedikt XVI. auf dem Flughafen Berlin-Tegel empfangen. Offiziell begrüsste der Bundespräsident dann das Staatsoberhaupt des Vatikans mit militärischen Ehren im Schloss Bellevue.

Dort beklagte der Papst die zunehmende Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber der Religion. Vor 1100 geladenen Gästen am Amtssitz des Bundespräsidenten sagte der Papst, für das Zusammenleben der Menschen bedürfe es einer verbindlichen Basis. Sonst lebe jeder nur noch seinen Individualismus. «Die Religion ist eine dieser Grundlagen für ein gelingendes Miteinander», betonte das Kirchenoberhaupt. Während seines Deutschlandbesuchs wolle er in erster Linie Menschen begegnen und über Gott sprechen. Die 21. Auslandsreise des Papstes steht unter dem Motto «Wo Gott ist, da ist Zukunft» und führt ihn auch nach Erfurt, ins Eichsfeld und nach Freiburg.

Treffen mit Merkel

Bundespräsident Wulff sagte, die Kirche lebe mitten in dieser Gesellschaft: «Deswegen ist sie auch selbst immer wieder von neuen Fragen herausgefordert.» Dazu gehöre, wie barmherzig sie «mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen», mit «den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern» umgeht.

Merkel sprach am Mittag in einer Privataudienz beim Papst die Themen Europa und Finanzmärkte an. Europa interessiere den Papst sehr, sagte die CDU-Politikerin nach dem knapp halbstündigen Treffen. Sie habe in der Unterredung deutlich gemacht, dass «die europäische Einigung für uns Deutsche unverzichtbar ist».

Tausende Menschen demonstrierten mit einem bunten Umzug gegen den Besuch des Kirchenoberhaupts. Sie kritisieren vor allem die aus ihrer Sicht menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes. Zwischenfälle gab es nach Angaben eines Polizeisprechers zunächst nicht. Auf dem Flug nach Deutschland hatte der Papst erklärt, solange die Proteste friedlich blieben, seien sie in einer freien Gesellschaft in der säkularisierten Welt normal.

70'000 wollen im Olympiastadion den Papst sehen

Im Reichstagsgebäude traf sich der Papst dann mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und fuhr danach zum Olympiastadion. Dort traf der Pontifex mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), zusammen und trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Zum anschliessenden ersten grossen Gottesdienst des viertägigen Besuchs kamen 70.000 Menschen. In seiner Predigt rief der Papst die Gläubigen dazu auf, auch in schwierigen Zeiten in der Kirche zu bleiben.

Für alle Besuchsziele gilt die höchste Sicherheitsstufe.

Es ist der erste offizielle Besuch Benedikts in seinem Heimatland. Insgesamt ist es aber schon seine dritte Deutschlandreise: 2005 flog er zum Weltjugendtag nach Köln, 2006 besuchte er in seiner bayerischen Heimat München, Altötting, Marktl am Inn, Regensburg und Freising.

dapd/mrs

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