Corbyn: Der Rockstar der Linken ist politische Vergangenheit

Der Labour-Chef Jeremy Corbyn ist im Brexit-Strudel untergegangen.

«Eine sehr enttäuschende Nacht»: Oppositionsführer Jeremy Corbyn verlässt das Hauptquartier der Labour Party in London. (13. Dezember 2019) Bild: Henry Nicholls/Reuters

«Eine sehr enttäuschende Nacht»: Oppositionsführer Jeremy Corbyn verlässt das Hauptquartier der Labour Party in London. (13. Dezember 2019) Bild: Henry Nicholls/Reuters

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«Oh, Jeremy Corbyn!» – die Zeiten, als der bisherige Labour-Parteichef mit Sprechchören auf Festivals gefeiert wurde, sind vorbei. Der Alt-Rockstar der britischen Linken ist im Brexit-Strudel untergegangen. Der Ausgang der britischen Parlamentswahl war für Labour verheerend.

Corbyn kündigte in der Nacht an, seine Partei nicht mehr in einen Wahlkampf führen zu wollen. «Das ist offensichtlich eine sehr enttäuschende Nacht.» Die Partei müsse nun abwägen wie es weitergehe, sagte er. Er wolle bis zum Ende einer Übergangszeit jedoch Parteichef bleiben (hier geht es zum Wahl-Ticker).

Bei der Wahl 2017 hatte Labour mit Corbyn als Frontmann den Konservativen noch mehr als zwei Dutzend Mandate abgejagt und sie in eine Minderheitsregierung gezwungen. Doch jetzt ging es steil bergab.

Ein moderner Robin Hood

Der prinzipientreue Corbyn arbeitete für Gewerkschaften, bevor er in die Politik ging. Dem Unterhaus gehört er seit 1983 an. Zeitweise galt der inzwischen 70 Jahre alte Routinier als eine Art moderner Robin Hood, der es von den Reichen nehmen will, um es den Armen zu geben.

Die zwischenzeitliche Begeisterung für den altlinken Heilsbringer ist abgeebbt. Corbyn war von Anfang an umstritten. Unglückliche Äusserungen zum Nahost-Konflikt und Zaudern bei der Verurteilung antisemitischer Aussagen von Parteifreunden rückten ihn in die Nähe des Antisemitismus.

In der Vermittlerrolle

Beim Brexit-Kurs vermissten viele die klare Linie. Corbyn musste zwischen den pro-europäischen Labour-Wahlkreisen um London und den europakritischen Arbeitergegenden in Nordengland und Wales vermitteln.

2015 hatte Corbyn die Partei übernommen, nachdem sein Vorgänger Ed Miliband die Parlamentswahl gegen den damaligen konservativen Premierminister David Cameron verloren hatte. Corbyn hatte zu diesem Zeitpunkt schon acht Mal das Direktmandat im Londoner Stadtteil Islington gewonnen.

Historisch schlechtes Ergebnis

Nach der sich abzeichnenden verheerenden Niederlage der britischen Labour-Partei bei der Parlamentswahl am Donnerstag hat es erste Rücktrittsforderungen an die Parteispitze gegeben. Einer Prognose zufolge fuhren die britischen Sozialdemokraten ein historisch schlechtes Ergebnis ein.

«Labours Führungsspitze sollte die Verantwortung übernehmen», twitterte Labour-Kandidat Phil Wilson in der Nacht zum Freitag. Labour Chef Jeremy Corbyn und Finanzexperte John McDonnell müssten gehen, forderte der BBC zufolge Gareth Snell, der für die Sozialdemokraten im mittelenglischen Stoke-on-Trent antrat.

McDonnell hatte zuvor personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen. «Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir angemessene Entscheidungen treffen», sagte er auf die Frage im BBC-Interview, ob Corbyn und er selbst ihren Hut nehmen müssten.

Die Entscheidungen müssten wie immer im besten Sinne der Partei getroffen werden. Zur Prognose sagte McDonnell: «Wenn das Ergebnis auch nur annähernd so ist, wie die Prognose aussagt, ist das extrem enttäuschend.»

(red/sda/reuters)

Erstellt: 13.12.2019, 07:36 Uhr

Wahlrecht begünstigt die grossen Parteien

Das in Grossbritannien geltende Mehrheitswahlrecht sorgt in der Regel für klare Mehrheiten. Allerdings benachteiligt es auch die kleineren Parteien und bildet das Gesamtstimmenverhältnis nicht ab.

So liegt der Zugewinn der konservativen Tories von Premierminister Boris Johnson nach Auszählung fast aller Wahlkreise bei satten 47 Mandaten im Unterhaus, prozentual beträgt das Plus im Vergleich zu den Wahlen von 2017 aber nur 1,2 Prozentpunkte (Gesamtergebnis: 43,6 Prozent).

Die absolute Mehrheit von 326 Mandaten im britischen Unterhaus überschreiten die Tories mit voraussichtlich 364 Mandaten nun deutlich. Die oppositionelle Labour-Partei kommt demnach auf 203 Sitze, was einem Verlust von 59 Mandaten entspricht. Prozentual beträgt der Stimmenanteil der Partei von Jeremy Corbyn 32,2 Prozent (minus 7,8 Prozentpunkte).

Die Scottish National Party (SNP) der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon erhält 48 Sitze, das entspricht einem Zugewinn von 13 Mandaten. Prozentual liegt der Anteil nur bei 3,9 Prozent (plus 0,8 Prozentpunkte). Die ebenfalls proeuropäischen Liberaldemokraten verlieren einen Sitz und kommen auf elf Mandate im britischen Unterhaus, prozentual beträgt ihr Stimmenanteil 11,5 Prozent (plus 4,2 Prozentpunkte).

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