Der russische Guru zündelt auf dem Balkan

Alexander Dugin mobilisiert die Nationalisten auf dem Balkan gegen den Westen. Die EU erniedrige und erpresse die dortigen Völker. Er fordert eine «slawische Bruderschaft».

Der rechtsradikale Moskauer Philosoph und Propagandist Alexander Dugin gilt als Vordenker Putins. Foto: Keystone (2007)

Der rechtsradikale Moskauer Philosoph und Propagandist Alexander Dugin gilt als Vordenker Putins. Foto: Keystone (2007)

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Jean-Claude Juncker hat gerade die Balkanstaaten bereist, um dort Hoffnung zu verbreiten. Wer die Bedingungen erfülle, könne eventuell schon 2025 der EU beitreten, lautete die Botschaft des EU-Kommissionspräsidenten. «Wir wollen unsere Stabilität auf den Balkan übertragen», sagte Juncker vergangene Woche. Die EU steht unter Zugzwang: Während sie seit Jahren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, versuchen autoritäre Regimes ihren Einfluss in der Region auszubauen. Vor allem Russland will den Westkurs der mehrheitlich christlich-orthodoxen Länder wie Serbien, Mazedonien und Montenegro torpedieren.

Der russische Aussenminister Sergei Lawrow, der kürzlich Belgrad besuchte, warnte die Balkanländer vor einem ukrainischen Szenario. Sie würden von der EU und den USA vor die Wahl gestellt: Entweder auf der Seite des Westens oder auf der Seite Russlands zu sein. «Die gleiche Wahl wurde der Ukraine gegeben, was zu Spannungen innerhalb der ukrainischen Gesellschaft und des ukrainischen Staates führte. Darauf folgte dann der verfassungsfeindliche Coup», meinte Lawrow. Das war eine willkommene Gelegenheit für die Cla­queure der serbischen Medienszene, um sofort Horrorszenarien an die Wand zu malen und mit grossen Schlagzeilen über den bösen Westen zu schimpfen.

Als Russlands «Diplomat der Menschen» wies Dugin auf die Gefahren hin, die vom Westen drohten.

Nach Lawrow hat sich nun der rechtsradikale Moskauer Philosoph und Propagandist Alexander Dugin auf eine Balkanreise begeben. In Belgrad stellte er die serbische Übersetzung seines Buches «Netzwerk-Kriege» vor. Darin befasst sich der Guru der grossrussischen Nationalisten mit den Methoden, welche angeblich die USA anwendeten, um auf gesellschaftliche Entwicklungen in anderen Staaten einzuwirken. Am Wochenende sprach Dugin laut dem Recherchenetzwerk «Balkaninsight» vor 400 Nationalisten in einem Hotel in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Dugin wird als Einflüsterer Wladimir Putins, als Kultfigur der ultrakonservativen Kreise in Russland und als Vordenker der «Eurasischen Bewegung» beschrieben, die eine tripolare Weltordnung unter der Führung Russlands, Amerikas und Deutschlands vorsieht.

Um das grosse Ziel zu erreichen, sollen auch kleine Staaten wie Mazedonien in die antiwestliche Allianz eingebunden werden. Dugin sagte in Skopje, er sei inoffiziell unterwegs. Als Russlands «Diplomat der Menschen» wies er auf die Gefahren hin, die vom Westen drohten. Die liberale Ideologie sei nichts anderes als Totalitarismus, der die Traditionen, die Kultur, die Sprache und die Religion der Völker zerstöre. Die EU und die USA müssten aufhören, diese gescheiterte Ideologie zu exportieren. Wenn der Westen sage, es gebe keine Alternative zur EU- und Nato-Mitgliedschaft, dann sei das «Erpressung, Erniedrigung und Kolonisation». Die Alternative, so Dugin, sei eine «slawische Bruderschaft». Mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU und mit dem wachsenden Euroskeptizismus in Polen, Griechenland, Italien und Ungarn stehe der Westen vor dem Scheitern.

Die Namensfrage

Es ist kein Zufall, dass Dugin ausgerechnet in Skopje Stimmung gegen die EU und die Nato macht. Seit knapp einem Jahr regiert dort der prowestliche Sozialdemokrat Zoran Zaev. Er ist entschlossen, den jahrelangen Namensstreit mit Griechenland zu lösen. Danach könnte die Regierung in Athen endlich den Weg freimachen für den Nato-Beitritt Mazedoniens, der 2008 am griechischen Veto scheiterte. Militärisch ist Mazedonien ein Leichtgewicht, aber symbolisch und geostrategisch wäre die Aufnahme in die Allianz wichtig: Drei Nachbarstaaten – Bulgarien, Griechenland und Albanien – sind bereits Nato-Mitglieder. Montenegro ist im vergangenen Jahr dazugestossen – zum grossen Ärger der Russen, die vor den Wahlen im Oktober 2016 einen Umsturzversuch in Podgorica geplant haben sollen.

Athen wird möglicherweise auch die EU-Beitrittsverhandlungen mit Mazedonien nicht mehr blockieren, wenn die Regierung in Skopje einen neuen Staatsnamen akzeptiert – im Gespräch sind Nord-Mazedonien, Ober-Mazedonien oder Neu-Mazedonien. Griechenland lehnt die Bezeichnung Mazedonien ab, weil seine eigene nördliche Region so heisst. Die Haltung Russlands in der Namensfrage ist an Zynismus nicht zu überbieten. Als in Skopje der prorussische und mutmasslich korrupte Nationalist Nikola Gruevski an der Macht war, forderte Moskau ihn auf, den Griechen nicht nachzugeben. Nun rät Aussenminister Lawrow der Regierung in Athen, in dem Konflikt mit dem Nachbarland sich kompromisslos zu zeigen.

«Hilfe anfordern» bei Russland

Mazedonische Nationalisten lehnen die Änderung des Staatsnamens ab. Während des Treffens mit Dugin baten sie ihn um die Unterstützung Russlands. Der Chefideologe der Eurasischen Bewegung sagte, Moskau könne nur helfen, wenn ein Staat «Hilfe anfordert». Als Vorbild nannte er den syrischen Diktator und mutmasslichen Völkermörder Bashar al-Assad, der den Kreml um Beistand gebeten habe. «Russland beruhigte die Lage in Syrien, indem es unsere Helden dorthin schickte, um für das syrische Brudervolk zu kämpfen und zu sterben.»

Dass «die russischen Helden» auch für das mazedonische Volk kämpfen würden, wenn man sie nur herbeiruft, musste Dugin, der gebildete Prolet mit dem Patriarchenbart, nicht explizit erwähnen. Dugin räumte gegenüber «Balkaninsight» ein, er sei mit einigen Mitgliedern einer obskuren monarchistischen Organisation in Serbien befreundet. Beobachter halten sie für eine paramilitärische Truppe, die sich als Beschützerin der Serben in Kosovo und in Bosnien aufspielt.

Rückendeckung vom Meister der Verschwörungstheorien

Begleitet wurde Dugin auf seiner Reise von Leonid Savin. Der Chefredaktor des russischen Magazins «Geopolitika» pflegt Kontakte zur AfD-Jugend in Deutschland, und er wird von der Belgrader Fake-News-Medienmaschinerie oft zitiert, wenn es darum geht, die abstrusesten Verschwörungstheorien zu verbreiten. Als Mitte Januar im serbisch dominierten Norden Kosovos der moderate Politiker Oliver Ivanovic erschossen wurde, liess Savin keinen Zweifel offen: Dahinter stecke der US-Auslandsgeheimdienst CIA. Washington wolle Serbien destabilisieren und den russischen Einfluss zurückdämmen.

In Skopje pries Savin die Eurasische Wirtschaftsunion – Putins Gegenentwurf zur Europäischen Union. Die EU-Gründung basiere auf der Ideologie der Angst. Wenn Staaten wie Mazedonien dem russischen Club beitreten würden, dann müssten sie sich keine Sorgen machen um ihre Identität und Traditionen, meinte der russische Ideen-Hausierer. Ähnlich argumentiert Dugin. In einem Interview mit der serbischen Zeitung «Pravda» warnte er, der Westen vernichte die Identität der Serben, und es drohe Schlimmeres, sollte das Land EU-Mitglied werden.

Serbiens grösster Geldgeber

Die Propaganda stösst auf offene Ohren. So unterstützt beispielsweise in Serbien nur eine knappe Mehrheit den EU-Beitritt, und fast ein Drittel der Serben ist der Überzeugung, der grösste Geldgeber ihres Landes sei Russland. Die Zahlen sprechen allerdings für sich: Zwischen 2007 und 2017 haben die EU-Kommission und einzelne Mitgliedsstaaten die Region mit umgerechnet fast 10,5 Milliarden Franken unterstützt, davon flossen über 5 Milliarden Franken in die serbischen Staatskassen und für Nichtregierungsorganisationen. Europäische Firmen haben im letzten Jahrzehnt in Serbien 17,3 Milliarden Franken investiert, der mit Abstand grösste Handelspartner des Balkanlandes ist die EU.

Russlands Investitionen betragen dagegen nur 2,8 Milliarden Franken. Für den Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen und die Modernisierung der Infrastruktur gibt der Kreml so gut wie nichts aus. Zuletzt erhielt Serbien aus den Beständen der russischen Armee ein paar ausrangierte Kampfjets.

Einmischung Russlands als Druckmittel

Bei einem Besuch in Belgrad ärgerte sich der deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel, dass auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum ein Riesenplakat die russisch-serbische Freundschaft feiere. Die gelbe und die blaue Farbe der EU seien dagegen unsichtbar. EU-Politiker beklagen sich, der Kreml betreibe in Serbien eine «bewusste Destabilisierungsstrategie». Offensichtlich toleriert Staatspräsident Aleksandar Vucic bewusst die Einmischung, um Brüssel zu erpressen: Sollte die EU den Beitrittsprozess seines Landes nicht beschleunigen, werde man eine Allianz mit Russland vorziehen.

Solche Botschaften wiederholen serbische Regierungspolitiker fast täglich. Um das Szenario zu verhindern, wird Vucic vom Westen hofiert. Die EU-Integration bezeichnet der frühere Ultranationalist weiterhin als sein wichtigstes aussenpolitisches Ziel, und auch für viele Serben ist die Zugehörigkeit zum Brüsseler Club vor allem aus finanziellen Gründen die eindeutig bessere Perspektive.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel empfing den serbischen Staatschef vergangene Woche in Berlin und lobte seinen Kampf gegen die Korruption – obwohl mehrere Vertraute Vucics mit dem Missbrauch öffentlicher Gelder in Verbindung gebracht werden. Die Justiz des Balkanlandes bleibt derweil untätig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 21:14 Uhr

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