Der Schock bei den Juden sitzt tief

Nur durch Glück entgingen die Gläubigen in der Synagoge von Halle einer Katastrophe. Die Angst unter den Juden wächst, nicht nur in Deutschland.

Das Entsetzen über die Tat ist nicht nur unter Juden gross: Die Synagoge in Halle am 10. Oktober 2019. (Reuters/Fabrizio Bensch)

Das Entsetzen über die Tat ist nicht nur unter Juden gross: Die Synagoge in Halle am 10. Oktober 2019. (Reuters/Fabrizio Bensch)

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Ausgerechnet an Jom Kippur, ausgerechnet in Deutschland! Am heiligsten Tag des jüdischen Jahrs griff ein schwer bewaffneter deutscher Rechtsextremist die Synagoge von Halle an der Saale an. Das Entsetzen über die Tat war nicht nur unter Juden gross. Vor vielen Synagogen in Deutschland kamen Menschen spontan zusammen, um den jüdischen Gemeinschaften ihre Solidarität zu zeigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss sich am Mittwochabend in Berlin singenden und betenden Gläubigen vor der Neuen Synagoge an, um ihre Verbundenheit zu zeigen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte am Donnerstag die angegriffene Synagoge von Halle und rief zur Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern auf. «Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande», sagte Steinmeier. Den Anschlag zu verurteilen, reiche nicht mehr. Deutschland müsse jetzt Verantwortung übernehmen.

Neben feierlichen und mahnenden waren auch wütende Stimmen zu hören. Deutschland, das Land, das in der Nazizeit 6 Millionen Juden vernichtet habe, habe zwar das Bekenntnis «Nie wieder!» zur Staatsräson gemacht, schrieb die «Bild»-Zeitung. Aber sie verteidige es angesichts des neuen Antisemitismus’ nicht entschlossen genug. Schöne Sonntagsreden und moralisch Appelle würden keine Verbrechen verhindern, beklagte der jüdische Historiker Michael Wolffsohn.

Gleicher Schutz wie in grossen Städten

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, warf der Polizei von Halle vor, sie habe es nicht einmal an Jom Kippur für nötig gehalten, die Synagoge zu bewachen. Das sei ein Skandal. «Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt.» Nur durch Glück sei die Gemeinde einem Massaker entgangen. «Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock.»

Auch der Vorsitzende der angegriffenen Synagoge klagte an. Die Polizei habe zehn Minuten gebraucht, um den Tatort zu erreichen, sagte Max Privorozki, obwohl er den bewaffneten Angriff sofort gemeldet habe. Schon früher seien sie von der Polizei nicht ernst genommen worden. «Das beweist, dass es keine Sicherheit gibt.» Er würde sich einen Schutz wie in den grossen Städten wünschen, die Polizei habe das aber abgelehnt. Und als kleine Gemeinde könnten sie sich private Wachdienste nicht leisten.

Der Schock des Angriffs von Halle folgt auf Jahre, in denen sich der Antisemitismus in Deutschland immer ungehemmter geäussert und in der Mitte der Gesellschaft ausgebreitet hat. Arabische Einwanderer attackierten in Städten wie Berlin auf offener Strasse Juden mit Kippa, schrien und spuckten sie an, schlugen sie mit Gürteln und Fäusten. Rechtsextremisten stellten Juden nach, verschmierten ihre Wohnhäuser, drohten ihnen mit Gewalt. Jüdische Schüler wurden von muslimischen Mitschülern gemobbt, bis sie die Klasse verliessen. Im Internet brach sich die Hetze gegen Juden freie Bahn. Zudem sitzt im Bundestag mit der Alternative für Deutschland mittlerweile eine Partei, die dem Juden- und Menschenhass eines Teils ihrer Wähler eine politische Heimat bietet.

Bleiben, oder auswandern?

Das Gefühl, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren stärker geworden ist, teilen laut Umfragen die Juden in vielen europäischen Ländern, auch in der Schweiz. In Deutschland halten ihn 85 Prozent für ein «ziemlich grosses» oder «sehr grosses» Problem. Jeder zweite Jude hat in den vergangenen fünf Jahren selbst antisemitische Erfahrungen gemacht. Drei von vier deutschen Juden verzichten mittlerweile darauf, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen und sich damit offen zu erkennen zu geben.

Noch schlimmer ist für viele das Gefühl, sich in Deutschland mit ihren Problemen weitgehend allein gelassen zu fühlen – trotz aller rituellen Solidaritätsbekundungen. So hat sich in den vergangenen Jahren unter den 200'000 Juden in Deutschland schleichend Unbehagen, Sorge und Angst ausgebreitet. Vor allem jüngere Jüdinnen und Juden fragen sich mittlerweile offen, ob man noch in Deutschland bleiben kann oder nicht besser nach Israel auswandern sollte.

Sigmount Königsberg, dessen Mutter das KZ Bergen-Belsen überlebt hat und der heute in der Stadt Berlin als Beauftragter gegen Antisemitismus wirkt, hat die Entwicklung kürzlich in ein Bild gefasst. Bis zu den 80-er Jahren seien die Juden in Deutschland buchstäblich auf gepackten Koffern gesessen. Nach der Wiedervereinigung habe man sich vor einem neuen Nationalismus gefürchtet – stattdessen habe sich die Lage mit der Zeit eher entspannt. «Da haben wir die Koffer ausgepackt und im Keller verstaut.» Doch in jüngster Zeit hätten sich immer mehr Juden bei der Frage ertappt: «Wo habe ich eigentlich diese Koffer hingestellt?»

Noch verlassen die Juden Deutschland nicht zu Tausenden – anders als in Frankreich, wo die antisemitische Gewalt schon länger wütet. Doch das braucht nicht so zu bleiben. Jeder Angriff auf Juden sei «ein Angriff auf uns alle», heisst es jetzt wieder. Aber dieses Bekenntnis teilt offenkundig nur ein Teil der Deutschen. Viele Vertreter der jüdischen Gemeinde beklagen vielmehr ein weitgehendes Desinteresse: Nahezu obsessiv erinnerten Deutsche an die ermordeten Juden und schämten sich für den Holocaust – die lebenden Juden jedoch hätten sie weder davor noch danach besonders interessiert. Nun, nach dem Angriff auf die Synagoge von Halle, können keine Worte, sondern nur noch Taten weitere Gewalt und weitere Angst verhindern.

Erstellt: 10.10.2019, 15:05 Uhr

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