Der Superalbaner

Donald Lu ist US-Botschafter in Albanien. Aber das ist nicht alles: Der Mann ist auch so etwas wie der oberste Mafiajäger des Balkanlandes.

Albanisch spricht er auch: Donald Lu stellt sich vor. Video: US-Botschaft in Tirana (Youtube)

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Ein Diplomat muss taktvoll schweigen, wenn alle erwarten, dass er Klartext reden wird. Er muss offen sagen, was er nicht denkt. Und so weiter. Diplomaten der alten Schule kennen diese Regeln. Donald Lu pfeift auf sie. Zum Beispiel diese Woche. Der US-Botschafter in Albanien hielt eine Festrede vor angehenden Richtern und Staatsanwälten. Er sprach kraftvoll, undiplomatisch, gestenreich.

Die albanische Regierung müsse der organisierten Kriminalität den Krieg erklären, forderte Lu vehement. Die Zeit sei gekommen, um «die dicken Fische» festzunehmen. Sein Gastland befinde sich im Würgegriff der Drogenhändler und Geldwäscher.

Dann wurde der Diplomat noch konkreter. Vier Mafiaclans würden heute Albanien kontrollieren. Lu erwähnte namentlich drei Unterweltkönige, die der unfähigen und korrupten albanischen Justiz entkommen sind: Emiljano Shullazi, Lul Berisha und Klement Balili. Jeder Albaner kennt ihre Namen, die Medien berichten über ihre Verbrecherkarrieren, und die Politiker werfen sich gegenseitig Mafiaverbindungen vor. Es ist ein Spektakel ohne Folgen für die Übeltäter.

Drogenbarone verdienen Milliarden

Albanien, das kleine Land an der Adria, ist in den letzten Jahren zu einem der weltweit grössten Marihuana-Produzenten geworden. Die Drogenbarone verdienen Milliarden. Mit dem Geld können sie Parlamentarier, Staatsanwälte und Polizisten bestechen. Der sozialistische Ministerpräsident Edi Rama, gerade für eine zweite Amtszeit gewählt, verspricht theatralisch, seine Regierung werde den Krieg gegen die illegale Cannabis-Industrie gewinnen.

Für den US-Botschafter sind das hohle Phrasen. Im vergangenen Jahr habe es in Albanien 1349 Festnahmen im Zusammenhang mit Drogenhandel gegeben, aber nur 100 Personen seien verurteilt worden. Darunter befinde sich kein einziger Mafiaboss, so Lu in seiner Rede vor den jungen Richtern und Staatsanwälten in der Hauptstadt Tirana. Er weiss, dass seine heftigen Vorwürfe viele Politiker in Albanien zur Weissglut treiben. Doch keiner hat den Mut, dem Amerikaner zu widersprechen, weil er die unangenehme Wahrheit offen anspricht.

Lu wettert gegen die teuren Villen der Politiker, ihre Luxuskarossen und Auslandsreisen.

In der breiten Öffentlichkeit gilt Donald Lu als Superalbaner, der sich mehr Sorgen um die Zukunft des Landes macht als die Phrasendrescher der einheimischen Politik. Er zeigt mit dem Finger auf die korrupten Beamten, attackiert den Generalstaatsanwalt, weil er die Justizreform sabotiert, und er ermuntert die Bürger, die Regierenden zur Verantwortung zu ziehen. Lu wettert gegen die teuren Villen der Politiker, ihre Luxuskarossen und Auslandsreisen. Wenn ein Richter Journalisten mit Klagen mundtot machen will, nur weil sie wissen wollen, wie er zu seinem sagenhaften Reichtum gekommen ist, dann schreitet Onkel Lu ein. «Eure Schlacht ist unsere Schlacht», sagt der Diplomat – und die Reporter dürfen ihre Arbeit fortsetzen.

Bevor Lu Ende 2014 nach Tirana kam, wandte er sich mit einer Videobotschaft an die Albaner. Dabei sprach er fliessend Albanisch und gewann blitzartig die Herzen vieler Menschen. Endlich jemand, der ihre Sorgen ernst nimmt, endlich jemand, der sich von den Schalmeien der Lokalpolitiker nicht einlullen lässt. So denken viele Albaner über Donald Lu, der bei seinen Auftritten gern persönlich wird. Als Emigrantenkind verdanke er viel seinem Vater. Er sei aus China ausgewandert und habe seiner Familie durch harte Arbeit den amerikanischen Traum ermöglicht.

«Dann sind Sie korrupt»

Nun kämpft er dafür, dass sein albanischer Traum wahr wird: ein funktionsfähiger Staat, der eines fernen Tages der EU beitritt. Lu hat gegen den Widerstand der meisten Politiker eine Justizreform im Parlament durchgesetzt, nun muss er aufpassen, dass diese auch umgesetzt wird. Ziel der Reform ist es, etwa 800 Richter und Staatsanwälte auf ihre moralische Integrität, fachliche Qualifikation und Kontakte zur Unterwelt zu überprüfen. Bevor das Verfahren begann, traten einige Justizbeamte zurück. Laut einer Studie hat sich das Vermögen der 81 Richter an den Appellationsgerichten seit 2004 verfünffacht.

Solche Richter hatte Lu im Visier, als er an einer Tagung sagte: «Wenn Sie am Handgelenk eine Uhr tragen, die teurer ist als meine Dienstlimousine, dann sind Sie korrupt.» Zur nächsten Veranstaltung kamen die Rechtsprecher ohne Luxus-Accessoires. Für Lu kein Grund zur Entspannung. Die Entkriminalisierung der Justiz und der Politik sieht er als seine wichtigste Aufgabe in Albanien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 16:43 Uhr

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