Übersicht der Schreckensnacht von Nizza

Was genau passierte in den tragischen Minuten in der französischen Küstenstadt? Eine Rekonstruktion. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.


Diese Übersicht wird seit dem 16. Juli 2016 nicht mehr aktualisiert

  • Es sollte eine ausgelassene Nacht im südfranzösischen Nizza werden – doch die Feierlichkeiten am Nationalfeiertag endeten in einer Katastrophe, als ein Mann einen Lastwagen in eine feiernde Menschenmenge steuerte
  • Mindestens 84 Menschen sind ums Leben gekommen, darunter zwei Schweizer Staatsbürger – eine Frau aus dem Tessin und ein Kind
  • Über 50 Personen wurden verletzt, 18 lebensgefährlich
  • Beim erschossenen Täter handelt es sich um den 31-jährigen Franko-Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel mit Wohnsitz in Nizza
  • Staatschef Hollande sieht in der Attacke einen terroristischen Hintergrund
  • Frankreich verlängert den Ausnahmezustand um drei Monate

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Details zum Täter: 31-jährig, Vater, vorbestraft

Rekonstruktion der Ereignisse

  • Das Feuerwerk anlässlich des Nationalfeiertages ist gerade beendet. An der bei Touristen beliebten Promenade des Anglais herrscht reges Treiben.
  • 23 Uhr: Langsam fährt ein grosser, weisser Lastwagen zwischen Palmen entlang auf der breiten Fahrbahn.
  • Ein Motorrad holt ihn ein, fährt neben die Fahrerkabine. Der Motorradfahrer will den LKW offenbar aufhalten, stürzt aber am Strassenrand.
  • Mehrere Männer rennen hinter dem Lastwagen her, der immer schneller wird. Der Fahrer gibt Gas. Menschen schreien und rennen von der Strasse hinunter.
  • Der Fahrer bahnt sich seinen Weg auf etwa zwei Kilometern Länge durch die Menschenmenge.
  • Medienberichten zufolge ändert der Lastwagen dabei mindestens einmal die Richtung, um möglichst viele Menschen zu erfassen.
  • Hunderte geraten in Panik und flüchten. Wer im Weg ist, wird umgefahren. Auch Kinder sterben.
  • Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den LKW. Mehrere Kugeln treffen die Windschutzscheibe sowie die Fahrerseite des Führerhauses.
  • Der Fahrer stirbt. Wie es anschliessend aus Polizeikreisen heisst, ist es ein 31 Jahre alter Franzose tunesischer Herkunft.
  • Der Lastwagenfahrer richtet ein regelrechtes Blutbad an. Menschen in der Umgebung laufen entsetzt auf die Strasse und entdecken Dutzende Leichen.
  • Auf vor Ort aufgenommenen Fotos sind Kinderwagen und Schuhe zu sehen, die die Frauen und Männer hinterliessen.

Wer war der Täter?
Als Täter wurde ein Franko-Tunesier mit Wohnsitz in Nizza identifiziert. Die Papiere des 31-jährigen Mohamed Lahouaiej-Bouhlel wurden in dem LKW gefunden, mit dem er Dutzende Menschen überfuhr. Der Mann ist nach Angaben aus Polizeikreisen bisher nicht als Islamist aufgefallen. Er war der Polizei aber wegen anderer Vergehen bekannt, vor allem wegen Gewalttaten. Seine Wohnung in einem Vorort von Nizza wurde von den Ermittlern durchsucht. Der vorbestrafte Tunesier litt nach Angaben seines Vaters unter Depressionen.

Wie ging der Täter vor?
Mit äusserster Brutalität. Er lenkte den Lastwagen in eine Menschenmenge, die am Donnerstagabend nach dem traditionellen Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag auf dem Strandboulevard Promenade des Anglais versammelt war. Er fuhr eine Strecke von insgesamt zwei Kilometern. Dabei wechselte er nach Angaben aus Polizeikreisen die Richtung. Das deute darauf hin, dass er möglichst viele Menschen habe töten wollen, heisst es. Der Täter feuerte zudem mit einer Pistole mehrere Schüsse ab, bevor er selbst von der Polizei getötet wurde.

Hatte der Mann Komplizen?
Der Franko-Tunesier war allein in dem Lastwagen. Nach Angaben des französischen Innenministeriums suchen die Ermittler aber unter Hochdruck nach möglichen Hintermännern der Tat. In Nizza und anderen Städten gab es deshalb Polizeieinsätze.

Was befand sich noch in dem Lastwagen?
In dem LKW wurden eine nicht funktionsfähige Handgranate und Waffenattrappen gefunden. Regionalpräsident Christian Estrosi hatte zunächst gesagt, der Täter habe schwere Waffen bei sich gehabt. Der Lastwagen – ein weisser 19-Tonnen-Lastwagen – war vor einigen Tagen in der südwestfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d'Azur angemietet worden, in der auch Nizza liegt.

Wer steckt hinter der Tat?
Die Terrormiliz Islamischer Staat hat sich zu dem Lastwagen-Anschlag von Nizza bekannt. Das Bekenntnis wurde über einen Medienkanal der Gruppe veröffentlicht. Auf Twitter finden sich Berichte, nach denen der Täter «Allahu akbar» gerufen haben soll. Dafür gibt es aber keine Bestätigung. Mit Religion habe sein Sohn nichts zu tun gehabt, sagte hingegen der Vater des 31-Jährigen der Nachrichtenagentur AFP in der Stadt Msaken im Osten Tunesiens. «Er hat nicht gebetet, er hat nicht gefastet, er hat Alkohol und sogar Drogen genommen», sagte Mohamed Mondher Lahouaiej-Bouhlel. Sein Sohn habe von 2002 bis 2004 «Probleme» gehabt, die zu einem «Nervenzusammenbruch» geführt hätten. Er sei dann «wütend» geworden, habe geschrien und Sachen kaputt gemacht, berichtete der Vater. Ein Arzt habe ihm Medikamente gegen Depressionen verschrieben.

Gehen die Behörden von der Tat islamistischer Terroristen aus?
Dafür gibt es Hinweise. Der französische Präsident François Hollande sagte in seiner Fernsehansprache, der «terroristische Charakter» der Bluttat könne nicht bestritten werden. Und er fügte hinzu: «Ganz Frankreich ist vom islamistischen Terrorismus bedroht.» Er spielte damit auch auf die früheren Attentate in Frankreich an. Zu den Anschlägen vom November in Paris hatte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt, zu dem auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» im Januar 2015 in Paris al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap).

Wer sind die Opfer?
Bei dem Anschlag wurden mindestens 84 Menschen getötet, unter ihnen mehrere Kinder. Weitere 18 Menschen wurden nach Angaben des französischen Innenministeriums lebensgefährlich verletzt, rund 50 leicht. Unter den Toten sind mehrere Ausländer, darunter auch eine Schweizerin aus dem Kanton Tessin.

(mfh/bru)

Erstellt: 15.07.2016, 07:09 Uhr

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