Der traurige Clown im Parlament

Martin Sonneborn war Chef des deutschen Satiremagazins «Titanic». Nun versucht er sich als Spasspolitiker im EU-Parlament. Wenn es aber um die Schweiz geht, wird er ernst.

Wollte ursprünglich stur und unabhängig vom Thema abwechslungsweise mit Ja und Nein stimmen: Martin Sonneborn. Foto: Laif

Wollte ursprünglich stur und unabhängig vom Thema abwechslungsweise mit Ja und Nein stimmen: Martin Sonneborn. Foto: Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie wappnet man sich gegen einen Satiriker? Wird er einen auf die Schippe nehmen, wie er es sonst gerne mit Politikern tut? Martin Sonneborn, ehemaliger Chef des Satiremagazins «Titanic», empfängt im Café Karsmakers, einem beliebten Treffpunkt von Politikern und Lobbyisten, schräg gegenüber von seinem neuen Arbeitsplatz, dem Brüsseler Sitz des EU-Parlaments. Der 52-Jährige ist dort einziger Abgeordneter seiner Spasstruppe «Die Partei».

Martin Sonneborn hat einen erstaunlich feuchten Händedruck, bestellt einen frisch gepressten Apfelsaft und gibt sich sonst auf den ersten Blick recht harmlos. Gleich zum Einstieg will er das Gespräch wohl etwas auflockern und spricht mit ernster Stimme eine überraschende Einladung aus: «Ich möchte die Schweiz im Namen der EU gerne einladen beizutreten.» Als Nettozahler im Club, so Martin Sonneborn unerwartet in der Rolle als Sprecher der EU, wäre die Schweiz sicher willkommen und könnte dabei ihr Steueroasen-Image etwas aufbessern.

So ernst muss man die Einladung nicht nehmen. Bei anderer Gelegenheit hat Sonneborn auch schon vorgeschlagen, um die angeblich so ausländerfeindliche Schweiz eine Mauer zu bauen. Was gilt nun, die Einladung oder der Mauerbau? Ins Detail will der Spasspolitiker nicht gehen. Eigentlich wollte er nach der Wahl sein Mandat ohnehin nur für einen Monat ausüben und dann Nachrückern auf der Liste den Platz überlassen. Sich gut bezahlt Brüssel anschauen und dann ein halbes Jahr das Übergangsgeld kassieren, das scheidenden Abgeordneten normalerweise zusteht.

Gefangen im goldenen Käfig

Das war der Plan. Martin Sonneborn hätte in der fünfjährigen Legislaturperiode gerne 60 Leute seiner Spasspartei durch das EU-Parlament geschleust. Aber die Idee mit der schnellen Rotation auf dem Stuhl des gut bezahlten Abgeordneten scheiterte dann an der Rechtslage. Nun muss er das stolze Gehalt eines EU-Abgeordneten ganz alleine kassieren. Der Mann muss einem fast leidtun. Martin Sonneborn –in Brüssel gefangen in einer Art goldenem Käfig, Hofnarr im EU-Parlament ohne das sonst so dankbare Publikum. Waren da die «Titanic» oder die «Heute Show» des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) nicht die bessere Bühne?

Für die Satiresendung des ZDF war Sonneborn bis zum Wechsel in die Politik als Mitarbeiter im Aussendienst unterwegs, um etwa Politiker an Parteitagen mit schrägen Fragen aufs Glatteis zu führen. Der Aussendienst sei nicht mehr «altersgemäss» gewesen, er sehe sich jetzt in einer anderen Lebensphase, sagt Sonneborn. Nun freut sich der Spasspolitiker, im Parlament mit ernstem Gesicht Quatsch zu machen. Er will erstens «die unseriösen Seiten der EU dokumentieren, zweitens dicke, alte Männer ärgern und drittens grosse Reden vor leeren Rängen halten».

Ist es nicht einsam als Einzelgänger und Fraktionsloser unter 751 Abgeordneten? Mit den Linksradikalen, den Grünen und der konservativen Volkspartei gab es wohl Gespräche über eine Aufnahme. Auch Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage habe ihn eingeladen, gemeinsam Europas «Establishment» zu verun­sichern. Doch Martin Sonneborn hat abgelehnt, um unabhängig zu bleiben. Nun sitzt er beim «Abschaum», wie er selber sagt. Sein Platz im Plenum ist neben einem polnischen Monarchisten, der Frauen für biologisch minder­- wertig hält und deshalb das Frauenwahlrecht abschaffen will, sowie einer Antisemitin aus Ungarn.

Aber funktioniert denn grundsätzlich überhaupt Satire im EU-Parlament? Man hat nach einem Auftritt von Martin Sonneborn vor den leeren Rängen jedenfalls noch nie jemanden lachen sehen oder Ausbrüche der Heiterkeit erlebt. Manchmal hagelt es Irritationen, Wut und Empörung, wenn er mit gewohnt monotoner Stimme Ungeheuerlichkeiten sagt. Er habe dafür gesorgt, dass die «Kanzler-Altlast Helmut Kohl vom Netz genommen, demontiert und witwengesichert endgelagert» werde, formulierte Sonneborn zum Beispiel kurz nach dem Staatsakt für den verstorbenen Kanzler der deutschen Einheit. Manfred Weber, Chef der konservativen Fraktion, fand das gar nicht lustig und forderte Sanktionen für den tabulosen Kollegen.

Witze sind bekanntlich Geschmacksache. Mehr als eine Minute Redezeit bekommt der Spasspolitiker als Fraktionsloser ohnehin nie und auch das nur selten. Die Satire leidet im Parlament der Europäischen Union zusätzlich darunter, dass sie in die 24 Amts- und Arbeitssprachen übersetzt werden muss. Dank der regelmässigen Aufreger bedient Martin Sonneborn immerhin seine deutschsprachige Community ausserhalb des Plenums. Eine böse Rede auf den «Irren vom Bosporus» alias Recep Tayyip Erdogan schlug ein und wurde auf Youtube 5 Millionen Mal angeschaut. Manch ein EU-Abgeordneter dürfte da neidisch sein.

Nach dem Rechtsrutsch in Österreich hat Sonneborn jetzt auf Facebook das Bild des Konservativen Sebastian Kurz mit der Überschrift «Endlich möglich: Baby-Hitler töten» verbreitet, auf der Brust des österreichischen Wahlsiegers ein Fadenkreuz. Ja, Adolf Hitler kam aus Österreich. Aber ist der Vergleich irgendwie lustig? Die Aufregung war jedenfalls wieder einmal gross und Sonneborns Facebook-Konto vorüber­gehend blockiert.

«Blödsinn», «Wahnsinn»

Betreibt Martin Sonneborn nicht das Geschäft der Populisten, wenn er Politiker spielt und das Parlament veräppelt? Ursprünglich wollte er bei den Abstimmungen über Gesetzesentwürfe stur und unabhängig vom Thema abwechslungsweise mit Ja und Nein stimmen. Auch das ein Plan, den Sonneborn nicht immer durchhält. Manchmal zwingen ihn seine Überzeugungen, von der Routine abzuweichen. Im Satiriker steckt vielleicht doch ein Politiker.

Seit er in Brüssel ist, sieht Martin Sonneborn die EU immer mehr als Konstrukt, das nur Konzernen, Banken und Vermögenden dient. Unendliches Wachstum sei «Blödsinn» und die Freihandelsabkommen der EU «Wahnsinn». Europas «aggressive Abgrenzung» zu Wladimir Putins Russland stört ihn ebenfalls. Den Unabhängigkeitsdrang der Katalanen findet er hingegen «sympathisch». Die Menschen sehnten sich nach überschaubaren «Räumen». Es sei wissenschaftlich nicht nachge­wiesen, dass grosse Wirtschaftsräume besser dastünden als Einzelstaaten. Martin Sonneborn hat das von seiner Frau gehört, einer Wirtschaftswissenschaftlerin.

«Seriöse Krawallmacher»

Sind die Zeiten nicht so oder so zu ernst für eine Spasspartei? Es gebe unterschiedliche Arten, sich mit dem zunehmend «irrsinnigen Kapitalismussystem» auseinanderzusetzen, sagt Sonneborn: Man könne in den Widerstand gehen, Alkoholiker werden, Politik oder Satire betreiben. Mit den bestehenden etablierten Parteien kann er nichts anfangen. «Die Partei», vom Satiriker mit­begründet, sei da die Protestpartei der Intelligenten, die Alternative für Deutschland (AfD) das Angebot für die «Dummen». Das klingt elitär und snobistisch, aber Martin Sonneborn ist das gerade recht: «Wir sind die seriösen Krawallmacher», sagt er. Der Satiriker will heute nichts mehr erreichen, sondern Menschen, die ähnlich wie er mit den «Umständen» hadern, bei Stimmung halten. Irgendwie klingt Martin Sonneborn dann doch resigniert und wie ein trauriger Clown.

Erstellt: 08.11.2017, 22:34 Uhr

Artikel zum Thema

Ursprünglich idiotisch

Ein Prozent der Deutschen wählte eine Witzpartei. Leider. Mehr...

Was darf Politik?

Die deutsche Satirepartei «Die Partei» hat durchaus eine politische Berechtigung. Eine Replik. Mehr...

Merkel macht einfach weiter

Analyse Nach der Wahl ist die deutsche Kanzlerin angeschlagen und gefordert wie selten. Doch echte Alternativen gibt es vorerst nicht, weder in ihrer Partei noch im Land. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...