Italiens grösstes Enigma

Er beherrscht Siziliens Wirtschaft, besitzt 10 Mrd. Euro. Doch seit 25 Jahren ist Mafiaboss Messina Denaro unauffindbar. Wo versteckt er sich?

Sieht so Matteo Messina Denaro aus? Bei diesem Bild handelt es sich um eine Computersimulation der Polizei. Foto: Allessandro Fucarini (AP)

Sieht so Matteo Messina Denaro aus? Bei diesem Bild handelt es sich um eine Computersimulation der Polizei. Foto: Allessandro Fucarini (AP)

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Leben und Tod, die ganz grossen Kategorien der Existenz, sind nicht überall gleich eindeutig definiert. In Sizilien etwa, im Jargon der Mafia, unterscheiden sie zwischen Toten und toten Toten. Auch wer keine Rolle mehr spielt, ist tot. Ein entmachteter Boss zum Beispiel, einer ohne Gefolgschaft. Tot im herkömmlichen Sinn sind nur die «morti morti», die toten Toten. Bei Matteo Messina Denaro, dem Superboss aus Castelvetrano, Provinz Trapani, den sie auch «u siccu» nennen, den Dünnen, ist offenbar die ganze Palette zwischen totalem Leben und totem Tod möglich.

Er ist Italiens grösstes Enigma. «L’invisibile», der Unsichtbare, wie auch der Titel eines Buches über ihn lautet. Niemand will ihn gesehen haben in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren. Lebte er noch, und davon gehen zweihundert Carabinieri und Polizisten aus, die vollzeitlich nach ihm suchen, wäre MMD nun 56 Jahre alt. MMD, das ist das Akronym seines Namens. Das FBI hält ihn für den gefährlichsten Kriminellen nach dem mexikanischen Drogenboss Joaquín «El Chapo» Guzmán. Doch der zählt nicht, dem machen sie in New York ja den Prozess. In Palermo würden sie sagen: «El Chapo» ist tot.

Ein Krimineller wird zur Legende

Jedes Mal, wenn in Sizilien eine Bande auffliegt, von der es heisst, sie habe die «Cupola», das Spitzengremium der Cosa Nostra, neu besetzt, erinnern sich die Italiener an Matteo Messina Denaro. Vergangene Woche wieder, als die Polizei Settimo Mineo verhaftete, einen 80 Jahre alten Juwelier aus Palermo mit langem Strafregister, und 45 seiner mutmasslichen Mitläufer. Gemessen an der Grösse Messina Denaros wirken alle anderen wie kleine Fische.

In den Zeitungen erscheinen jeweils die immer gleichen Fotos des «Dünnen», die ihn als jungen Mann zeigen. Besonders berühmt ist ein Porträt mit Sonnenbrille, leicht nach vorne geneigter Kopf, da muss er Mitte zwanzig sein – sehr glamourös, ein Hauch James Dean. Vor einigen Jahren tauchte plötzlich ein weiteres, ähnliches Foto auf, darauf ist er wohl noch jünger: im blauen Doppelreiher an einer Hochzeit, mit Ray Ban und Rolex, eine Zigarette in der Hand, Marlboro rot. Die beiden Bilder unterlegen seine Fama als «sciupafemmine», als Playboy. Er ist zur Popikone geworden, zur Legende.

Zahlreiche attraktive Geliebte

Messina Denaro ist ein untypischer Boss. Er ist Atheist, wo sich sonst alle auf Gott berufen. Er durchlief auch keinen Initiationsritus der Cosa Nostra. Er mag Kunst und Archäologie, teure Kleider und Autos. Er liest offenbar Daniel Pennac und Vergil, wie ein Briefwechsel mit dem früheren Bürgermeister von Castelvetrano beweist, so er die Briefe denn selbst geschrieben hat. Und er ist ledig, Vater einer Tochter. Es werden ihm noch andere Vaterschaften nachgesagt und wunderschöne Geliebte in grosser Zahl. Wie bei einem Star.

Aber wo zum Teufel versteckt er sich? Vielleicht ist er nie weggegangen aus Castelvetrano. Vielleicht wird er da verehrt wie ein Robin Hood der Seinen, geschützt von einem Netz von Komplizen, von Unternehmern und Politikern, vielleicht auch von Teilen des italienischen Geheimdienstes. 2010 soll er im Fussballstadion von Palermo gesehen worden sein, beim Spiel Palermo gegen Sampdoria Genua. Lebt er in Caracas, in Tunis, in der Schweiz, in Deutschland? Alle Destinationen schienen mal auf, in der einen oder anderen Form. Oder in Spanien, wo er früher oft unterwegs gewesen sein soll? 2006 etwa, als er sich in Barcelona an den Augen operieren liess, registrierte er sich im Krankenhaus mit seinen wahren Personaldaten: Namen, Geburtsdatum, Geburtsort. Fühlte er sich unantastbar? Oder legte da jemand eine falsche Fährte für ihn?

Matteo kam als Sohn eines Bosses zur Welt. Francesco Messina Denaro, den sie «Don Ciccio» riefen, war eng verbunden mit der mächtigsten Familie der Stadt, den D’Alìs von der Banca Sicula, die ihm Ländereien schenkte, alle Türen öffnete. Der Vater brachte seinem Lieblingssohn das Business bei: Erpressung, Unterwanderung der Gemeindepolitik, das Morden, den Drogenhandel. Auch der Vater galt jahrzehntelang als «latitante», als flüchtig also, was bei der Dauer der Flucht wie ein Witz klingt. Ohne Schutz, ohne aktives Wegschauen, ohne das grosse Schweigen – es wäre unmöglich, so lange unterzutauchen. Zu Hause zumal. «Don Ciccio» starb an einem Herzinfarkt, in seinem Bett in Castelvetrano. Seine Frau liess den Leichnam vor die Tore der Stadt bringen. Sie legten ihn unter einen Olivenbaum, bedeckten ihn mit einer teuren Decke aus seltenem, schwarzem Schafsfell, unten schauten die polierten Schuhe heraus. In beiden Sakkotaschen trug der Tote Heiligenfigürchen, der Bischof aus Palermo schickte einen Priester für das letzte Geleit.

Nach Haftbefehl untergetaucht

Das war 1998, der geliebte Sohn war nicht dabei. Matteo Messina Denaro war 1993 untergetaucht, als die Ermittler einen Haftbefehl gegen ihn ausstellten, zunächst wegen vierfachen Mordes. Bei allen grossen Attentaten jener Zeit soll er dabei gewesen sein, bei den Bombenanschlägen auf dem Kontinent, bei den Anschlägen auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Er soll einmal gesagt haben: «Mit all den Leuten, die ich getötet habe, könnte man einen ganzen Friedhof füllen.» Die Trapanesi hatten sich mit den brutalen Corleonesi verbündet. Mit Totò Riina, dem Boss der Bosse, den sie «u curtu» nannten, den Kurzen, oder auch «la bestia». Und mit Bernardo Provenzano alias «Binnu u tratturi», Traktor. Provenzano und Riina waren Bauern. Solange sie herrschten, war der glamouröse «Dünne» nur eine Zusatznummer der Cosa Nostra.

Als sie Provenzano fassten, fanden sie in dessen Versteck «pizzini» von Messina Denaro. So nennt man die kleinen Zettelchen voller Codes, mit denen die Mafiosi untereinander kommunizieren. MMD zeichnete als «Alessio». Bis heute ist es ein Rätsel, warum Provenzano die «pizzini» aufbewahrte. Messina Denaro entwickelte die Methode weiter, verlängerte die Kette der Überbringer, verfeinerte die Codes. Kaum waren die Zettel gelesen, mussten sie verbrannt werden. Die Polizei filmte einmal zwei ältere Herren, die einen mit Klebeband eingewickelten «pizzino» für Messina Denaro unter einen Felsen auf dem Land legten. Hohes, sonnengetrocknetes Gras rundherum. Vielleicht war das nur die erste Etappe einer langen Reise. Näher kamen sie Messina Denaro nie.

Vergebliche Jagd

Teresa Principato, die Staatsanwältin aus Palermo, verbrachte acht Jahre ihres Lebens mit der Jagd nach dem Superboss, bevor sie kürzlich nach Rom abberufen wurde. Sie liess Cousins, Onkel, Neffen verhaften, vermeintlicheGeschäftspartner, befreundete Kunsthändler. Der Bruder, früher Angestellter in der Bank der D’Alìs, sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis unter dem härtesten Haftregime, dem sogenannten 41 bis. Verbrannte Erde, so wurde Principatos Strategie genannt. Sie brachte nichts.

Im Milieu fragte man sich, warum sich der Boss das gefallen liess, ohne zu reagieren. Totò Riina, die «Bestie», hätte den Staat wohl mit Attentaten gestraft, er hätte Richter und Polizisten hinrichten lassen. Aber vielleicht ist auch das Teil des Plans. Die neue Mafia tötet so selten wie möglich, damit der Staat die oberste Führungsetage in Ruhe lässt. Principato sagte einmal: «Messina Denaro geniesst Schutz von allerhöchster Stelle. Er bewegt sich, wie er will, kommt, geht.» Vermeintlich spurlos.

Auch das Phantombild, das die Polizei von Messina Denaro anfertigte, ist mittlerweile sieben Jahre alt. Es gab schon Spekulationen, dass sich «Diabolik», wie er auch genannt wird, ein neues Gesicht auf den Kopf transplantieren liess. Messina Denaro wurde gross und reich. Die gesamte Wirtschaft der Provinz soll er beherrschen: die Supermärkte, die Einkaufszentren, Restaurants, Ferienanlagen. Er soll Wein, Olivenöl, Käse produzieren. Und Windenergie. Riina nannte ihn einmal verächtlich «den mit den Windmasten». Auf zehn Milliarden Euro wurde sein Vermögen geschätzt, und da war der Gewinn aus dem Drogenhandel gar nicht eingerechnet. Zehn Milliarden, das würde aus MMD einen der reichsten Italiener machen, vielleicht sogar den reichsten überhaupt.

Es mangelt am politischen Willen

Bei jeder neuen Verhaftung in seiner Entourage heisst es jeweils: «Die Schlinge zieht sich zu.» Bald sei er geliefert. Seit Jahren heisst es das. Unlängst, bei einer Buchpräsentation in Rom, wurde Federico Cafiero De Raho, der Chef der nationalen Anti-Mafia-Behörde, aus dem Publikum gefragt: «Presidente, wann schnappt ihr Messina Denaro?» Im vollen Saal brach spontan Gelächter aus. Natürlich lachten die Leute vor allem deshalb, weil es naiv war, zu denken, De Raho würde offen über den Fahndungsstand reden. Gelacht wurde aber auch, weil die lange Flucht ein Witz ist. 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert. Der oberste Mafiajäger sagte: «Wir sind nahe an ihm dran, mehr kann ich nicht sagen.» Nahe? Es ist noch nicht lange her, da sagte De Raho, es sei unerhört, dass einer wie Messina Denaro noch immer frei sei. Es mangle am politischen Willen: «Die Politik ist abgelenkt, sie denkt an andere Dinge.»

In Castelvetrano aber denken sie nur an den «Dünnen». Die Dichte an Polizeibeamten ist so gross wie in keiner anderen Stadt Italiens. Kein Quadratmeter, der nicht verwanzt wäre. Doch das Gespenst ist nicht nur unsichtbar, es ist offenbar auch ganz still.

Erstellt: 13.12.2018, 20:10 Uhr

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