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Der verletzte Kavallerist

Mit Witz und Angriffslust kämpft SPD-Kandidat Peer Steinbrück um das deutsche Kanzleramt. Doch der ausbleibende Erfolg hat ihn dünnhäutig gemacht. Das morgige TV-Duell ist seine letzte Chance.

Er fühlt sich missverstanden und unfair behandelt: Peer Steinbrück trägt einen Groll in sich. Foto: Hans Christian Plambeck (Laif)
Er fühlt sich missverstanden und unfair behandelt: Peer Steinbrück trägt einen Groll in sich. Foto: Hans Christian Plambeck (Laif)

Es ist ein lauer Augustabend in Kiel, und Peer Steinbrück redet schon über eine Stunde, da kommt er plötzlich auf Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer zu sprechen. Die beiden Kinderbuchhelden, erzählt er, hätten einst von fern einen enorm grossen Menschen gesehen und sich sehr gefürchtet. Je näher sie aber kamen, desto kleiner wurde der Riese. Am Ende stellte sich heraus: Der Kerl war genauso gross wie Jim und Lukas. «Er war ein Scheinriese», freut sich Steinbrück über die Pointe, «wie diese Bundesregierung.»

Heiterkeit im Publikum. Rund 2500 Menschen sind gekommen, um den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten zu erleben. «Klartext Open Air» heisst die Reihe, die sich die SPD eine ganze Stange Geld kosten lässt. 25-mal stellen die Genossen in verschiedenen Städten ein grosses, rundes Dach auf, darunter eine Bühne, rundherum Bänke. Angelehnt an die US-Townhall-Meetings wird hier «Politik auf Augenhöhe» praktiziert, so die Eigenwerbung.

In Kiel erlebt das Publikum einen Steinbrück, der ganz bei sich ist. Konzentriert, witzig, überzeugt. Frei und ohne Notizen beantwortet er Fragen aus dem Publikum. Es geht um den Mindestlohn, um die Mietpreisbremse und die geplante Steuererhöhung für Reiche. Die SPD hat sich ein klassisch sozialdemokratisches Programm gegeben, und man kann nicht sagen, Peer Steinbrück würde es schlecht vertreten. Er hat Zeit gehabt in den letzten Monaten, seine Argumentation zu schärfen, seine Scherze einzustudieren. Er weiss, wie man die Leute fängt. Auch mit seinen rhetorischen Klassikern: Die Kavallerie, sagt er in Kiel, müsse gesattelt werden, wenn es gegen Steuerhinterziehung gehe. «Dabei bleibe ich.»

Der Kandidat als Witzfigur

Es ist kein einfacher Wahlkampf. Die Sozialdemokraten liegen in Umfragen wie festgeklebt bei 25 Prozent, der grüne Wunschpartner bringt es auf die Hälfte. Zum Regieren reicht das nicht, und stellt man den Wählern die sogenannte Kanzler-Frage, dann ist Angela Merkel sowieso etwa doppelt so beliebt wie der Herausforderer. Steinbrück stellt sich dem trotzig. Inzwischen sagt er sogar Sätze wie «Noch sind es 26 Tage bis zum Regierungswechsel» ganz ohne Ironie.

Gleichwohl: Unter der Oberfläche ist Deutschlands oberster Kavallerist verletzt, angegriffen. Die heftige Kritik der vergangenen Monate hat ihm zugesetzt. Wegen seiner Nebenverdienste ist er angegangen worden, weil er gerne guten Wein trinkt, weil er sagte, die Bundeskanzlerin verdiene weniger als mancher Sparkassendirektor. Es gab eine Zeit lang eine Hau-den-Steinbrück-Stimmung, und natürlich hat ihm das sehr geschadet. Der Kandidat wurde zur Witzfigur gemacht, zum Fettnäpfchen-Peer, der es einfach nicht kann. Manche Genossen hatten das Gefühl, da würde eine Kampagne organisiert gegen ihren Mann. So war es nicht: Viele wollten wohl einfach einmal ausprobieren, was das Grossmaul Steinbrück so aushält, ihn testen, ihn triezen.

Ertragen hat er es schlecht. Einmal sind Steinbrück sogar die Tränen gekommen. Im Juni war das, er hätte an einem Parteikonvent locker mit seiner Frau auf der Bühne parlieren sollen. Als aber die Frage aufkam, warum er sich das eigentlich alles antue, diese Angriffe, diesen Stress, diese Häme, da blieb der sonst so schlagfertige Sozialdemokrat still – und bekam feuchte Augen. Die Szene war eine kleine Sensation. Steinbrück, dieser stählerne Kerl, weinte! Das Erstaunen war gross. Aber wahrscheinlich zeigte sich hier bloss der sprichwörtliche weiche Kern hinter der harten Schale: Steinbrück ungeschminkt.

«Hätte, hätte, Fahrradkette ...»

Ein Termin Anfang dieser Woche: Der Kandidat tuckert auf einem Ausflugsschiffe durch den Hafen von Hamburg. Mit an Bord sind ein paar Jusos und Leute aus der Wirtschaft. Es geht auch darum, ein paar schöne Bilder zu liefern. Steinbrück ist wieder einmal bestens gelaunt und erzählt, dass er mit 15 Jahren einen Job hatte als Parkplatzwächter am Fischmarkt. Er ist in Hamburg aufgewachsen. Oder er zeigt mit dem Finger auf die Elbphilharmonie, dieses unendlich teure und unendlich verzögerte Bauprojekt: «Was ist denn das?» Grinsen. Doch die Stimmung trübt sich, als man ihn dann doch darauf anspricht, wie es im Wahlkampf läuft. «Umfragen interessieren mich nicht», sagt Peer Steinbrück scharf. Schliesslich hätten sich die Demoskopen in früheren Wahlkämpfen auch schon geirrt. «Wenn wir uns anstrengen, werde ich Kanzler.»

Einige der Umstehenden finden, das sei jetzt etwas gar viel Zweckoptimismus, und fangen an, Peer Steinbrück zu löchern. Ob seine Kandidatur nicht etwas gar schlecht gestartet sei, will einer wissen, ob man nicht das eine oder andere hätte anders machen müssen. «Hätte, hätte, Fahrradkette ...», kalauert der Kandidat zurück – und meint: Was passiert ist, ist passiert. Er ist sichtlich genervt. Man merkt, das ist ein wunder Punkt.

Steinbrück trägt einen Groll in sich. Er fühlt sich missverstanden, unfair behandelt. Wer ihn begleitet, der sieht dies immer wieder durchschimmern. Einmal plaudert er mit einem Unternehmer und schickt die TV-Leute in gehässigem Ton weg. Er könne nicht frei reden, wenn alles aufgezeichnet werde. Dann beklagt er sich halb beleidigt, halb ironisch über eine verzerrte Berichterstattung. «Die Sozis wollen Trockenhauben verstaatlichen», äfft er die journalistische Titelgebung nach. Medienschelte hat in der deutschen Politik Tradition, sie ist menschlich verständlich, politisch aber hat sie sich selten ausgezahlt.

Dabei ist Steinbrück nicht alleine verantwortlich für die Misere seiner Partei. Die SPD steckt strategisch in der Defensive. Dem Land geht es gut, es gibt keine Wechselstimmung und auch keine grossen, polarisierenden Themen. Angela Merkel hat geschickt alles aus dem Weg geräumt, was die Gemüter erregen könnte: Der Ausstieg aus der Atomkraft ist beschlossen. Für einen Mindestlohn ist die Kanzlerin irgendwie auch, sie nennt ihn «Lohnuntergrenze». Sogar eine «Mietpreisbremse» will die CDU einführen, damit sich Hauseigentümer nicht mehr an der insbesondere in Grossstädten grassierenden Wohnungsnot bereichern können. So entsteht bei vielen Deutschen das Gefühl, es spiele gar nicht so eine grosse Rolle, wer regiere, die Parteien seien ohnehin alle gleich.

Die SPD weiss, wie gefährlich dieser Eindruck ist. Die Partei versucht, Merkels Programm als reine Augenwischerei zu entlarven. Die Kanzlerin produziere «leere Flaschen mit hübschen Etiketten drauf», lautet die Diagnose. Die SPD dagegen wolle echte Veränderungen im Land. Vor Steinbrücks Auftritt in Kiel tritt der schleswig-holsteinische SPD-Chef auf die Bühne. Er spricht nicht lange, aber Ralf Stegner sagt: «Wer behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen Merkel und Steinbrück, der soll ihn heute Abend erleben.»

Beim TV-Duell vom Sonntag hat die ganze Nation diese Gelegenheit. Es ist für Steinbrück vielleicht die letzte Chance, dem Wahlkampf noch eine andere Dynamik zu geben. Seit elf Monaten rennt der Kandidat vergeblich gegen die Amtsinhaberin an; in drei Wochen wird gewählt. Wann, wenn nicht jetzt, müsste ein Aufwärtstrend einsetzen?

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