Der Wuschelkopf und die Krisenmanagerin

Wer wird der nächste britische Premier? Das Rennen der konservativen Kandidaten beginnt.

Wer wurde wegen eines erfundenen Zitats gefeuert? Boris Johnson und Theresa May.

Wer wurde wegen eines erfundenen Zitats gefeuert? Boris Johnson und Theresa May. Bild: Jack Taylor, Dan Kitwood (Getty Images)

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Bis heute Mittag können sich die Kandidaten melden. Dann beginnt bei den britischen Konservativen ein langwieriger Prozess, bis Anfang September feststehen soll, wer nach David Cameron Parteichef und damit Premierminister wird.

Als Favorit der Parteibasis gilt bislang Boris Johnson. Der 52-jährige Ex-Bürgermeister von London ist nach Cameron der bekannteste Politiker der Tories. Seine Popularität hat teils mit seiner Erscheinung – dem blonden Wuschelkopf, dem Rucksack, dem Fahrrad – zu tun und teils mit seinem unkonventionellen politischen Auftreten. Er scheut sich nicht, mit populistischen Slogans auf Stimmenfang zu gehen. Johnson entstammt einer europäisch-buntgewürfelten Familie und ist in New York geboren. Wie Cameron besuchte er die Eliteschule Eton und die Universität Oxford, wo er, ebenfalls wie Cameron, dem Bullingdon Club, einem kurios-elitären Dinner-Club reicher Studenten, angehörte.

Nicht grundsätzlich gegen die EU

Später arbeitete er als Journalist für die «Times», wurde aber wegen Erfindung eines Zitats gefeuert. In den 90er-Jahren war er Europa-Korrespondent des «Daily Telegraph» in Brüssel. Aus jenen Jahren stammen die vielen teils abenteuerlichen Geschichten, die den «Euroskeptikern» der Tories daheim Munition gegen die verhassten «Brüsseler Bürokraten» lieferten. Dabei war Johnson nie grundsätzlich gegen die EU.

Eine politische Machtbasis begründete er von 2008 an als Londoner Bürgermeister. Mit seiner jovialen Art nahm er auch viele traditionelle Labour-Wähler in London für sich ein. Und als Cameron sein EU-Referendum ausschrieb, sah Johnson eine Chance, sich auf die Seite der «Brexiteers» zu schlagen und als Wortführer der EU-Gegner aufzutreten. Das verschaffte ihm grosse Prominenz in den letzten Wochen: und nach Ansicht seiner Anhänger auch das Recht, das Land nun aus der EU zu führen.

Allerdings gibt es Probleme. Johnson selbst hatte offenbar nicht mit einem Brexit-Sieg gerechnet und besass, als es so weit war, keinen Plan. Seine bisher enthüllten Ideen zur Zukunft (Binnenmarkt ja, Freizügigkeit nein) sind von Exponenten der EU bereits als «Träumerei» zurückgewiesen worden. Neuerdings fragen sich auch viele Tories, ob «Boris» wirklich ausreichende Quali­täten für den Top-Posten hat oder nur ein beliebter Schelm auf der politischen Bühne sein kann.

Jahrelang auf Schleudersitz

Theresa May, Johnsons Hauptkontrahentin, kann mit sechs Jahren Regierungserfahrung aufwarten. Die 59-Jährige ist seit 2010 Innenministerin. Sie hat eine Rekordzeit auf einem Posten verbracht, der eigentlich als Schleudersitz gilt. May wird generell als kompetent, wenn auch nicht gerade als visionär betrachtet. Respekt verschaffte sie sich, als sie vor Jahren ihre damals in der Opposition versauernde Partei aufforderte, endlich vom Image der «hässlichen Tories» wegzukommen. In Eastbourne an der englischen Südküste geboren, ging auch May später nach Oxford, wo sie Geografie studierte und sich Finanzkenntnisse aneignete. Sie arbeitete für die Bank of England, schaffte es 1997 ins Unterhaus und erklomm während der 13 Oppositionsjahre der Tories beharrlich die Karriereleiter. Ihre Lederjäckchen, die leopardengefleckten und andere viel bestaunte Schuhe, in denen sie das tat, wurden ihr Markenzeichen.

Als die Tories 2010 zusammen mit den Liberaldemokraten die Regierung übernahmen, offerierte Cameron ihr das Innenministerium. Auf diesem Posten hat May immer eine harte Linie, zum Beispiel in Sachen Migration und Menschenrechte, vertreten. Der Europäischen Menschenrechtskonvention etwa will sie sich entledigen, sobald es geht. Und freier Zuzug von Migranten ist ihrer Ansicht nach an zahllosen Jobverlusten und an den niedrigen Löhnen britischer Arbeiter schuld. Im Referendum schlug sie sich auf die Seite Camerons und der EU-Befürworter, hielt sich aber in der öffentlichen Debatte komplett zurück.

Nun hofft sie, dass sie die über Europa aufgebrochene bittere Kluft in der Partei überbrücken kann – und dass sich Parteikollegen, die Zweifel an Johnson haben, hinter ihr sammeln. Zwar fehlt es ihr an Charme und an Volksnähe, wie sie «Boris» zur hohen Kunst entwickelt hat. Dennoch glauben viele Tories, dass May in dieser schwierigen Zeit die bessere Wahl wäre. Diese Woche übertraf sie in einer Umfrage unter konservativen Wählern Johnson erstmals.

Anders als die «Eton Boys»

Ausser May und Johnson gibt es eine Reihe weiterer Tory-Politiker, die eine Kandidatur angekündigt haben oder erwägen. Der bisher wenig bekannte walisische Arbeitsminister Stephen Crabb sieht sich als «Blue Collar»-Alternative zu den «Eton Boys», als Tory aus den «unteren Schichten», der auch Labour- und Ukip-Wähler ansprechen will. Gesundheitsminister Jeremy Hunt hat ein zweites EU-Referendum, nach Aushandlung eines EU-Austritts-Vertrags, in Aussicht gestellt. Liam Fox, zeitweise Camerons Verteidigungsminister, will es offenbar noch einmal wissen: Der ausgesprochene EU-Gegner und Parteirechte unterlag Cameron 2005 im Kampf um das Parteipräsidium. Und auch Bildungsministerin Nicky Morgan, eher im Zentrum der Partei daheim, erwog am Mittwoch eine Kandidatur. Sie ist für eine vorsichtigere Linie in Sachen EU.

Erstellt: 30.06.2016, 08:17 Uhr

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