Es geht um viel mehr als Versöhnung

Wegen eines abgeschossenen Kampfjets standen sie am Rand eines Krieges, jetzt sind sie wieder enge Partner: Putin empfängt heute Erdogan – aus wichtigen Gründen.

Der türkische Präsident sucht neue Verbündete: Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan bei einem früheren Treffen in Istanbul. (03. Dezember 2012)

Der türkische Präsident sucht neue Verbündete: Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan bei einem früheren Treffen in Istanbul. (03. Dezember 2012) Bild: Murad Sezer/Reuters

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Putin ist jetzt wieder «sein Freund». Wenn sich Recep Tayyip Erdogan versöhnt, dann gleich mit der ganz grossen Geste. An diesem Dienstag treffen die beiden Männer in St. Petersburg zusammen. Erdogan sagt: «Es wird ein historischer Besuch, ein Neuanfang. Bei den Gesprächen mit meinem Freund Wladimir wird eine neue Seite in den beiderseitigen Beziehungen aufgeschlagen.» In weniger als zehn Monaten sind Putin und Erdogan dann einmal den Weg von engen Partnern bis an den Rand eines Krieges gegangen – und zurück.

Die Fenster der türkischen Botschaft in Moskau, die wütende Demonstranten nach dem Abschuss eines russischen SU-24-Kampfflugzeugs durch die türkische Armee Ende November eingeworfen hatten, sind längst wieder repariert. Dieser Vorfall hatte die Spannungen im türkisch-russischen Verhältnis ausgelöst. Türken und Russen haben beide einen hohen Preis dafür gezahlt. Dass am Ende die Türkei einlenkte, hat damit zu tun, dass ihre Schmerzgrenze niedriger liegt.

Bildstrecke: Türkische Jets schiessen russische SU-24 ab

An den Ferienstränden der sogenannten türkischen Riviera haben Hoteliers in diesem Sommer schon gebetet, es mögen doch bitte wieder Touristen kommen. Als Strafe für den Flugzeugabsturz hatte Moskau russische Urlaubsflieger in die Türkei gestoppt. Dies und mehrere Terroranschläge in der Türkei führten dazu, dass eine Säule der Wirtschaft wegbrach. Allein von den russischen Touristen kamen fast 90 Prozent weniger. Die Sanktionen betreffen auch die türkische Exportwirtschaft. Der Rückgang liegt bei 60 Prozent. Kurz nach dem Abschuss zeigte sich Ankara noch optimistisch: «Wenn sich eine Tür schliesst, öffnen sich andere», sagte der damalige Premierminister Ahmet Davutoglu. Nun heisst es, Russland sei schwer ersetzbar.

Auf der anderen Seite ist das Verhältnis zum Westen mittlerweile von Misstrauen geprägt. Der Putschversuch vom 15. Juli hat diese Kluft nur noch tiefer werden lassen. Putin war einer der ersten Staatschefs, die Erdogan nach dem Putschversuch anriefen. Zwar verurteilte auch die deutsche Kanzlerin Merkel öffentlich die geplante Machtübernahme durch das Militär. Aber in Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde sofort Kritik am harten Vorgehen der türkischen Regierung gegen mutmassliche Unterstützer der Putschisten laut: Zehntausende Beamte wurden suspendiert, es kam zu weit mehr als 10'000 Festnahmen.

Bildstrecke: Putschversuch in der Türkei

Erdogan beschwerte sich im Gespräch mit der französischen Zeitung «Le Monde» über die Reaktion des Westens. Als Putin ihn wegen des Putschversuchs angerufen habe, da habe dieser nicht nach der Zahl der suspendierten Militärs gefragt. Anstatt Empathie zu zeigen, habe es im Westen Kritik gegeben. «Das hat uns traurig gestimmt.»

Deutschland hat Staatssekretär Markus Ederer nach Ankara geschickt. Als es Deutschland noch wichtig war, in der Flüchtlingskrise mit der Türkei ein Abkommen zu erzielen, kam Merkel persönlich – alle paar Wochen. Frostig ist das Verhältnis nicht nur zu Deutschland. Österreich will am liebsten die Beitrittsgespräche mit der Türkei beenden. Erdogan streitet zudem mit Italien, weil dort die Justiz gegen seinen Sohn Bilal wegen des Vorwurfs der Geldwäsche ermittelt.

Erdogans Feind Nummer 1: Die offizielle Türkei macht Fethullah Gülen für den jüngsten Putschversuch verantwortlich. (Bild: AFP; 18. Juli 2016)

Aus Kreisen der Regierung in Ankara heisst es, der EU-Beitritt bleibe ein strategisches Ziel. Eine Herzensangelegenheit aber ist er schon lange nicht mehr. Kaum besser ist das Verhältnis zu den USA. Dort lebt Fethullah Gülen im Exil, der Mann, den Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Gülen soll mit seinem Netzwerk in der Türkei den Staat samt Armee unterwandert haben. Ankara fordert die Auslieferung Gülens. Aber die USA verlangen Beweise. Für Erdogan steht der Westen aufseiten der Putschisten. Dass US-Aussenminister John Kerry erst am 24. August in die Türkei kommen will, dauert ihm zu lange. «Das ist spät, zu spät. Das macht uns traurig», sagt Erdogan.

Pipeline wieder ein Thema

Putin ist geübt darin, Regierungen die Hand zu reichen, die durch die Prinzipien der Europäer oder Amerikaner in Bedrängnis geraten sind. Während der Finanzkrise zum Beispiel kam Russland als Retter von Zyperns Banken ins Spiel. Wegen der griechischen Schuldenkrise empfing Putin zweimal Regierungschef Alexis Tsipras. Beide Male gab es kein greifbares Ergebnis, aber immerhin war Moskau im Spiel.

Bei den Türken hatte sich Putin nach dem Abschuss des Jets über den «Stoss in den Rücken» empört, den diese Russland im Kampf gegen den Terror versetzt hätten. Über Monate stellte das russische Staatsfernsehen Erdogan als heimlichen Terrorhelfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) dar. Doch seit sich der türkische Präsident am 27. Juni schriftlich für den Abschuss entschuldigt hat – wenngleich nicht bei Putin, wie von diesem gefordert, sondern bei der Familie des getöteten Piloten –, hat sich der Ton gewandelt.

Wichtiges Treffen für beide Parteien

Das Treffen sei für beide Seiten «von grösster Bedeutung», sagt Putins aussenpolitischer Berater Juri Uschakow. Wenngleich nicht zu erwarten sei, dass dabei neue Verträge unterschrieben würden. Es kommt wohl mehr auf die Geste an als auf den Inhalt. Demnach werden die beiden Präsidenten zunächst unter vier Augen sprechen, bevor sie einige Minister zu einem Arbeitsfrühstück dazuholen.

Am Abend gibt es noch ein Treffen mit Wirtschaftsvertretern, bei dem unter anderem Gazprom-Chef Alexei Miller dabei sein soll. Womöglich geht es auch um das Projekt «Turkish Stream», jene Pipeline, die russisches Gas über den Grund des Schwarzen Meeres an die türkische Küste bringen soll – und von dort zur griechischen Grenze und damit zu den europäischen Verbrauchern. Wegen des Konflikts mit Ankara lag das Projekt auf Eis.

Erdogan sehr beweglich

Wichtiger noch für Erdogans Einlenken dürfte allerdings gewesen sein, dass Moskau nach dem Abschuss seines Flugzeugs damit begann, Waffen an die Kurden in Syrien zu liefern. In den vergangenen Wochen hatten die USA und Russland zudem einen neuen Versuch gestartet, ihr Vorgehen in Syrien abzustimmen. Mitte Juli sprach US-Aussenminister Kerry zwei Tage lang in Moskau mit Putin und Aussenminister Sergei Lawrow – eine Entwicklung, die Ankara Sorgen bereiten musste.

Wenn Amerikaner und Russen beide die Kurden unterstützen, die ihren Kampf für ein unabhängiges Kurdistan nicht nur gegen Syriens Machthaber Bashar al-Assad führen, sondern auch gegen die Türkei, hat am Ende Ankara das Nachsehen. Erdogan kann sehr beweglich sein, wenn er befürchtet, auf der Seite der Verlierer zu stehen.

Erstellt: 09.08.2016, 08:46 Uhr

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