Der Zeughäusler

Was ein Kasernenhof, der Ausnahmezustand in der Sowjetunion und der UNO-Migrationspakt gemeinsam haben.

19. August 1991: Boris Jelzin stellt sich vor dem weissen Haus in Moskau den Putschisten entgegen. Foto: Keystone

19. August 1991: Boris Jelzin stellt sich vor dem weissen Haus in Moskau den Putschisten entgegen. Foto: Keystone

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Es war am 19. August 1991, als sich die Atmosphäre draussen auf dem Berner Kasernenhof wie auf einen Schlag verwandelte. Die Instruktoren der Offiziersschule, die ihr Programm in den Tagen zuvor noch energie- und ziellos abgespult hatten, kommandierten urplötzlich in schneidigem Ton. Ihr durch das Ende des Kalten Kriegs infrage gestelltes Wirken schien wieder einen Sinn zu haben. Selbst durch die schmale Öffnung im milchglasigen Zellenfenster war die neue Spannung in der Körperhaltung beinahe greifbar. Hinter dem Fenster in dieser Zelle sass ein ehemaliger Rekrut, der sich zum Ende seiner Rekrutenschule einen zehntägigen, nachdienstlichen Arrest eingefangen hatte, weil er Locarnos Strassen auf dem Dach statt im Laderaum eines Unimogs befuhr. Der ehemalige Rekrut war ich, und die zehn Tage in der Berner Kaserne gehören zu meinen lehrreichsten überhaupt.

Um nicht in der Arrestzelle zu versauern, war für den Arrestanten ein täglicher Hofgang vorgesehen, auf den ihn als Aufpasser stets derselbe Zeughausangestellte begleitete. Dieser konnte an jenem Tag schliesslich auch den Hintergrund zum atmosphärischen Umsturz auf der anderen Seite der Kaserne liefern: Das Radio habe vermeldet, dass am frühen Morgen Putschisten den sowjetischen Präsidenten und Reformer Michail Gorbatschow in seiner Datscha unter Arrest gestellt und den Ausnahmezustand verhängt hätten. Die Berliner Mauer war gefallen, der Kalte Krieg Geschichte, doch nun legte sich der bedrohliche Schatten einer möglichen Konfrontation der grossen Mächte erneut über Europa.

Die neurotische Fixierung auf das Ausländerthema scheint irgendwie auf die Gesellschaft übergegriffen zu haben.

Das Augenöffnende an der Geschichte war jedoch nicht die grosse Weltpolitik. Es war der innere Antrieb dieses Mannes im typischen ockerfarbenen Gewand des Zeughausangestellten. Auf jedem einzelnen Rundgang um die Kasernenwiese, an jedem einzelnen Tag, selbst an jenem 19. August 1991, gelang es meinem Zeughäusler, seine Ausführungen auf das einzige Thema zu lenken, das ihn wirklich zu beschäftigen schien: die Ausländer. Die Ausländer, deren blosse Existenz sich mühelos mit jedem erdenklichen Missstand im Land verbinden liess. Dieser ebenso gemütliche wie freundliche Mann, der keine Bewegung zu schnell, keine Bewegung zu viel vollführte, entwickelte eine verstörende Energie, sobald er über Ausländer schimpfen konnte. Erst durch die zehntägige Zwangsverbindung mit dem Zeughäusler, dem ich unter normalen Umständen nach der ersten Runde um die Kasernenwiese davongelaufen wäre, ist mir die enorme Triebkraft hinter dieser einen Thematik bewusst geworden. Der Mann mit seinem durch und durch schweizerischen Arbeitsumfeld machte deutlich, dass sich im Umgang mit dieser Frage viel mehr die Seele als die tatsächlichen Umstände spiegelt.

Damals im August 1991 wirkte dies besonders irritierend, schliesslich putschten in der Sowjetunion gerade die alten kalten Krieger. Die Erregungsphase in der Offiziersschule auf der anderen Seite der Kaserne hielt jedoch gerade mal drei Tage an, dann war Gorbatschow wieder frei. Boris Jelzin, der Präsident der russischen Teilrepublik, hatte sich auf einem Panzer stehend vor dem Weissen Haus in Moskau den Putschisten entgegengestellt. Statt die Sowjetunion zu alter Grösse zurückzuführen, hatten die kalten Krieger bloss deren Zerfall besiegelt.

Bis heute verweisen Militärstrategen stets auf neue Gefahren und geostrategische Verwerfungen. Der wahre Visionär jener Tage in der Berner Kaserne war jedoch niemand anderer als mein Zeughäusler. Während die Sowjetunion längst zerfallen und die Schweizer Armee bis heute ihren Sinn am Suchen ist, scheint die neurotische Fixierung auf das Ausländerthema irgendwie auf die Gesellschaft übergegriffen zu haben. In meinem zehntägigen Zwangsurlaub hatte ich vieles über die Menschen gelernt. Dass sich mehr als ein Vierteljahrhundert später die halbe Welt über so etwas wie einen Migrationspakt der UNO ereifern könnte, der bloss aus unverbindlichen Leitlinien besteht, das hatte ich mir damals nicht ausmalen können.

Erstellt: 07.01.2019, 17:45 Uhr

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