Der Zorn der Gelbwesten ist nicht verschwunden

Vor einem Jahr begannen die Proteste der «gilets jaunes». Sie erschütterten Frankreich monatelang. Was ist von der Bewegung geblieben?

Paris, 9. November: Seit einem Jahr gehen die sogenannten Gelbwesten aus Protest gegen die Regierung in Frankreich auf die Strasse. Foto: Kiran Ridley (Getty)

Paris, 9. November: Seit einem Jahr gehen die sogenannten Gelbwesten aus Protest gegen die Regierung in Frankreich auf die Strasse. Foto: Kiran Ridley (Getty)

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Bei der ersten Demonstration seines Lebens war er ganz allein. Es war der 17. November 2018, er hatte sich eine gelbe Warnweste übergezogen und sich auf den Kreisel am Ortsrand gestellt. Als Einziger. Erst als Saïd Iftene am Abend im Internet die Bilder aus ganz Frankreich sah, wusste er, dass 300'000 Menschen an diesem Samstag dasselbe getan hatten wie er.

Sie hatten sich an den Kreiseln der Republik versammelt, um Nein zu sagen. Nein zur Erhöhung der Benzinsteuer, damit ging es los. Daraus wurde schnell mehr: ein Nein zum Präsidenten, ein Nein zum System. Schon einen Tag später, am Sonntag, kamen gut 200 Leute in gelber Weste zu Iftenes Kreisel. An diesem Wochenende begann für ihn eine Zeit, von der er nun, ein Jahr später, sagt, sie sei «magisch» gewesen.

Ein nasser Novembertag 2019 in Bordeaux, Iftene bestellt im Bahnhofsrestaurant eine heisse Schokolade. Es sind nur noch wenige Tage bis zum ersten Geburtstag der Gelbwesten-Bewegung, die Iftene «meine Familie» nennt. Er bereitet viel vor für das Familienfest. Am Samstag wird er bei der Grossdemo in Bordeaux eine Rede halten, er will darüber sprechen, «dass wir weiter zusammenhalten müssen». Am Sonntag wird er sich wieder auf den Kreisel stellen, an dem alles anfing.

«Durch das Internet werden sozialen Ungerechtigkeiten grausam sichtbar. Das kann zur Revolte führen.»Emmanuel Macron, Präsident

Das Treffen mit Iftene ist das dritte. Das erste war eine zufällige Begegnung am 24. November 2018, eine Woche nach Beginn der Bewegung. Frühmorgens in Paris, gleich neben dem Triumphbogen. Iftene stand etwas verfroren auf dem Trottoir, er hatte die Nacht im Auto verbracht. Zu fünft waren sie angereist, um sich der zweiten Grossdemonstration der «gilets jaunes» anzuschliessen.

Am 26. Oktober 2019 demonstrierten wieder Tausende in gelber Weste, wie hier auf dem Place de la République. Foto: Joris van Gennip (laif)

An diesem Samstag baute Iftene zum ersten Mal in seinem Leben eine Barrikade und zündete sie an. Wie war das? «Ich hatte Angst», sagt er heute. Damals war er 18 Jahre alt, bald wird er 20. Sein Bartwuchs ist spärlich, die Gesichtszüge weich, doch in den vergangenen zwölf Monaten sei er «erwachsen geworden», sagt Iftene. «Früher bin ich einfach meinen Impulsen gefolgt, durch die Gelbwesten habe ich angefangen nachzudenken.»

Was ist geblieben von diesem Aufstand, dessen Ursachen allen bekannt waren und den trotzdem niemand kommen sah?

«Das heutige Frankreich ist geteilt und zerrissen. Auf der einen Seite das Frankreich der Metropolen, auf der anderen Seite das Frankreich, das wir ‹Peripherie› nennen. Diesem Frankreich der Peripherie fehlt oft die grundlegende Infrastruktur, öffentlicher Nahverkehr, Krippen, Kulturveranstaltungen.» So analysierte es Emmanuel Macron in seinem Buch «Revolution», mit dem er sich 2017 für die Präsidentschaft bewarb. «Durch das Internet», so Macron weiter, «kann nun jeder alles sehen und vergleichen. Die sozialen Ungerechtigkeiten werden so grausam sichtbar. Das kann Frustrationen nähren, ja zur Revolte führen.»

Der überrumpelte Präsident

Die «gilets jaunes» lösten ein, was der Kandidat versprach. Doch als die Frustrierten dann tatsächlich den Aufstand begannen, schien der Präsident von seiner eigenen Prophezeiung überrumpelt.

Nie zuvor hat eine nicht organisierte Bewegung in Frankreichs fünfter Republik so lange durchgehalten wie die «gilets jaunes». Und auch wenn viele ihre Weste heute nicht mehr rausholen, der Zorn ist nicht verschwunden. Und Menschen wie Iftene sind es auch nicht. «Ich wusste schon vorher, dass ich in der Scheisse stecke», sagt er. «Ich wusste nur nicht, dass es meinen Nachbarn genauso geht.»

Das zweite Treffen mit Iftene ist auf seinem Kreisel in der Kleinstadt Castillon-la-Bataille, Mitte Dezember 2018. Am 24. werden Iftene und seine neuen Freunde hier Weihnachten feiern und Lammkeule essen und Achtzigerjahre-Hits hören, «weil die Älteren von uns dazu gerne tanzen». Vom Kreisel aus blickt man auf Weinreben. Hier beginnt das weltberühmte Anbaugebiet von Saint-Emilion, und hier hat sich die Hälfte derjenigen, die hier stehen, den kaputten Rücken geholt.

«Die Bewegung hatte keine grossen Vordenker und wollte keine Anführer. Doch sie hatte einen sicheren Instinkt.»

Iftene macht eine Ausbildung zum Kellner in einem der Touristenrestaurants in Saint-Emilion. Jeden Tag fährt er 80 Kilometer mit seinem Roller hin und her. Er wohnt mit seinen drei kleinen Brüdern bei seinen Eltern, die Mutter ist Hausfrau, der Vater arbeitslos. Zu sechst versuchen sie mit 2000 Euro im Monat über die Runden zu kommen. Wenn das Benzin teurer wird, spürt Iftenes Familie das sofort.

In Frankreich blieb die Warnfarbe unübersehbar, ein gelber Faden, der sich durch Gesellschaft und Medien zieht. Es ist die Farbe einer Bewegung, die durch ihre Heterogenität gross wird – und schwach.

12. Januar. Auf dem Boulevard Saint-Germain rennen erst Menschen in gelben Westen, dann Polizisten das Trottoir entlang. Der Senat liegt hier gleich um die Ecke, eines der Ziele des Protestes. Die Strategie der Gelbwesten: Demonstrationen nicht anmelden, in kleinen Gruppen unterwegs sein, Westen je nach Sicherheitslage an- und ausziehen. Knapp 100'000 Demonstranten und 80'000 Polizisten sind an diesem Tag in ganz Frankreich auf den Strassen unterwegs. Wie an jedem der bisherigen Gelbwesten-Samstage setzen die Beamten Tränengasgranaten und Hartgummigeschosse ein.

«Das war ein Massaker»

Iftene erzählt heute, dass er sich nach seiner ersten und einzigen Pariser Demo-Erfahrung nicht mehr in die Hauptstadt traute. «Das war ein Massaker», sagt er. Wie viele andere Gelbwesten besteht auch er darauf, dass die Bewegung im Kern pazifistisch sei. Die Härte der Polizei traf die Demonstranten unvorbereitet. Das machte die Proteste nicht weniger brachial. Schon Anfang Dezember zündeten Gelbwesten in Puy-en-Velay bei Paris die Präfektur an, als Menschen im Gebäude arbeiteten.

Die Polizei ist jeweils ebenso zahlreich präsent wie die Demonstranten. Foto: Joris van Gennip (laif)

Bis Ende März hat die Polizei das Lager der «gilets jaunes» an Iftenes Heimatkreisel in Castillon zweimal geräumt. Ein drittes Mal wollen sie ihre Hütte nicht neu aufbauen. Iftenes Protest verlagert sich. Manche seiner Mitstreiter bleiben nun lieber zu Hause. Iftene fängt an, jeden Samstag zum Demonstrieren nach Bordeaux zu fahren. Er steigt auf in der Protesthierarchie, gehört bald zu denen, die die Proteste mitorganisieren.

In ihrer Weigerung, sich politisch festzulegen, ähnelten die Gelbwesten oft demjenigen, den sie am meisten hassen: Macron. Der Präsident will weder links noch rechts sein, seine Gegner auch nicht. Macron macht Politik mit den Mitteln eines Marktforschers: die Bürger umfassend befragen, was sie wollen. Und wenn ihm die Antworten schlüssig erscheinen, liefern. Die dauernde Befragung wünschen sich auch die Gelbwesten, nur wollen sie niemanden mehr aushalten, der sie repräsentiert.

Wenn man Iftene fragt, was er ändern würde, wenn er könnte, klingt er wie ein Kommunist. Der Staat soll dafür sorgen, dass die Grundnahrungsmittel billiger werden. Er soll Benzin-, Strom- und Gaspreise bestimmen. Doch mit dem Label «links» kann er nichts anfangen. «Ich habe einfach meine eigenen Überzeugungen, und andere Gelbwesten können andere Überzeugungen haben.» Er hat sich einer Bewegung angeschlossen, die die herrschenden Zustände radikal ablehnt. Und die gleichzeitig keine Verantwortung dafür übernehmen will, was als Nächstes kommen könnte.

Einfach und klug

Fährt man heute durch Frankreich, liegen manchmal am Strassenrand noch die Holzpaletten, aus denen sich die Gelbwesten ihre Unterstände gezimmert haben. Die Bewegung hatte keine grossen Vordenker und wollte keine Anführer. Doch sie hatte einen sicheren Instinkt. Der Kreisel als Versammlungsort, die gelbe Weste als Erkennungszeichen. Beides war einfach und klug. Alles, was man brauchte, um sich den «gilets jaunes» anzuschliessen, fand man im Handschuhfach.

Mit der gelben Weste sollen Bürger sich schützen, im Falle eines Unfalls. Nun zogen sie die Westen über, weil sie glaubten, dass der Staat ihnen diesen Schutz verweigerte. Schnell wurden die Westen zur analogen Statusmeldung. Die Menschen schrieben sich ihren Monatslohn auf den Rücken, ihre Forderung. Es gab keine Slogans, die für alle gelten sollten, die Weste individualisierte den Zorn passgenau.

«Erdrückende Vereinzelung»

Und dann der Kreisel. Der Ökologieprofessor Daniel Cohen nennt als Wurzeln der Gelbwesten-Bewegung die finanzielle Unsicherheit – und, als «tieferen Faktor», eine «erdrückende soziale Vereinzelung». Wer sich darunter nichts vorstellen kann, muss die hübschen Innenstädte hinter sich lassen und dorthin fahren, wo die Menschen einkaufen, die sich die Spezialitätenläden im Stadtzentrum nicht leisten können. Zu den riesigen Supermärkten und Gewerbegebieten, die an jedem Ortsausgang um den Kreisel herumorganisiert sind.

Neben dieser Plastikwelt haben die «gilets jaunes» sich eingerichtet. Dort, wo Zusammenleben eigentlich nicht vorgesehen ist, wo jeder allein im Auto anreist, den Grosseinkauf für die Woche einpackt und dann wieder fährt, haben sie angefangen zu grillen, zu trinken und zu tanzen. Iftene erzählt gerne von dem Liebespaar, das sich auf seinem Kreisel kennen gelernt hat. Seit ein paar Monaten wohnen sie zusammen. Nächsten Sommer wollen sie heiraten: «Magisch.»

Der kommende Samstag, das Jubiläum, wird gross, glaubt Iftene. Doch selbst wenn das grosse Comeback ausbleibt, Iftene wird die Weste «immer im Herzen tragen» – und fortan in Zivil demonstrieren. Als «wütender Bürger, so wie alle anderen auch».

Erstellt: 13.11.2019, 17:43 Uhr

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