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Der zweithöchste Deutsche soll ein Phantombuch zitiert haben

Ein neuer Plagiatsvorwurf beschäftigt Deutschland: Bundestagspräsident Norbert Lammert soll bei seiner Doktorarbeit geschummelt haben. Offenbar übernahm er dabei aber fremde Fehler.

Bestreitet die Vorwürfe: Frank-Walter Steinmeier, Fraktionsführer der deutschen SPD.
Bestreitet die Vorwürfe: Frank-Walter Steinmeier, Fraktionsführer der deutschen SPD.
EPA/Maurizio Gambarin
Ein anonymer Plagiatsjäger wirft dem deutschen Bundestagspräsidenten vor, bei seiner Doktorarbeit geschummelt zu haben. Auf 42 Seiten seien Textpassagen aus 21 Quellen mit Unregelmässigkeiten zu finden.
Ein anonymer Plagiatsjäger wirft dem deutschen Bundestagspräsidenten vor, bei seiner Doktorarbeit geschummelt zu haben. Auf 42 Seiten seien Textpassagen aus 21 Quellen mit Unregelmässigkeiten zu finden.
dapd/Michael Gottschalk
Die Doktorarbeit der Politikprofessorin und FDP-Politikerin stand sogar zweimal auf dem Prüfstand. Die in den 80er-Jahren vorgelegte Arbeit war schon Anfang der 90er-Jahre in die Kritik geraten. Damals wurden zwar handwerkliche Mängel festgestellt, die aber nicht zur Aberkennung des Doktortitels führten. Im April 2012 sah die Uni Bonn dann ein «wissenschaftliches Fehlverhalten» als nachgewiesen an und entzog ihr den Doktortitel. Auch Mathiopoulos ging dagegen juristisch vor. Nach einer Niederlage vor dem Verwaltungsgericht Köln beantragte auch sie eine Berufung vor dem OVG Münster.
Die Doktorarbeit der Politikprofessorin und FDP-Politikerin stand sogar zweimal auf dem Prüfstand. Die in den 80er-Jahren vorgelegte Arbeit war schon Anfang der 90er-Jahre in die Kritik geraten. Damals wurden zwar handwerkliche Mängel festgestellt, die aber nicht zur Aberkennung des Doktortitels führten. Im April 2012 sah die Uni Bonn dann ein «wissenschaftliches Fehlverhalten» als nachgewiesen an und entzog ihr den Doktortitel. Auch Mathiopoulos ging dagegen juristisch vor. Nach einer Niederlage vor dem Verwaltungsgericht Köln beantragte auch sie eine Berufung vor dem OVG Münster.
Keystone
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Der CDU-Politiker Norbert Lammert ist Präsident des deutschen Bundestags und damit nach dem Bundespräsidenten der formell zweithöchste Deutsche. Seit fast vierzig Jahren trägt Lammert einen Doktortitel in Sozialwissenschaften, doch nun könnte ihn das gleiche Schicksal wie den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und die frühere Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan ereilen. Wie die beiden soll auch Lammert bei seiner Dissertation Plagiate begangen, also fremde Texte übernommen haben, ohne dies korrekt zu kennzeichnen.

Auf insgesamt 42 Seiten fänden sich Textpassagen mit Unregelmässigkeiten, warf ein anonymer Plagiatsjäger Lammert auf der Internetseite Lammertplag.wordpress.com vor, was anschliessend die «Welt» aufgriff. Der Plagiatsjäger wollte sich gegenüber der Tageszeitung nicht zu erkennen geben, bejahte aber die Frage, ob er mit seiner Auflistung ausdrücklich den schweren Vorwurf verbinde, Lammert habe plagiiert.

Originalquellen nicht gelesen?

Dem Plagiatsjäger zufolge beging Lammert die meisten Plagiate, indem er gar nicht alle Bücher selber las, auf die er verweist. Vielmehr zitierte Lammert aus diesen nur anhand von Werken anderer Wissenschaftler. So gleichen Lammerts Ausführungen über die Erkenntnisse des US-Psychologen Bernard P. Indik verdächtig stark einem Text des Politikwissenschaftlers Hans-Otto Mühleisen; so stark nämlich, dass Lammert ebenso wie Mühleisen den Psychologen fälschlicherweise «Bernhard» mit «h» nannte. «Die Vermutung liegt nahe, dass der Verfasser Mühleisens Text ausschmückt und ihm Indiks Aufsatz gar nicht vorliegt», schreibt der Plagiatsjäger.

Ein weiteres Beispiel: Lammert zitierte das Buch «Zur Rolle und Funktion der Parteien» von W. Gagel, das laut dem Plagiatsjäger aber einzig und alleine als Phantombuch durch die wissenschaftliche Literatur geistert, ohne dass es je geschrieben wurde.

Für den Plagiatsjäger ist deshalb klar: «Einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur hat er ganz offenbar nicht gelesen; dies wird insbesondere anhand der Übernahme zahlreicher charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur deutlich.»

Lammert hatte die Dissertation mit dem Titel «Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung – Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet» im Jahr 1974 an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ruhruniversität Bochum eingereicht, 1976 wurde sie veröffentlicht.

Lammert «von wissenschaftlicher Qualität überzeugt»

Lammert wehrt sich gegen die anonymen Vorwürfe. «Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt», sagte Lammert dazu der Zeitung «Die Welt». Allerdings will er die Arbeit untersuchen lassen: «Ich habe die Universität Bochum unverzüglich darum gebeten, die Vorwürfe zu prüfen.»

Eine solche Prüfung hat die Universität laut «Welt» nun bereits eingeleitet.

SDA/mw

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