Des Teufels Beitrag

Das Gefährliche an den Spitzelvorwürfen an Lech Walesa ist deren Instrumentalisierung durch die Kaczynski-Partei.

Selbstverliebt bis zum Grössenwahn: Freiheitskämpfer Walesa. Foto: Miguel Gutierrez (Keystone)

Selbstverliebt bis zum Grössenwahn: Freiheitskämpfer Walesa. Foto: Miguel Gutierrez (Keystone)

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Lech Walesa ist ohne Zweifel ein schwieriger Mensch. Er ist selbstverliebt bis hin zum Grössenwahn. Er ist ein notorischer Rebell, von der Kraft und der Wucht eines Teufels, der im Zweifel auch mit dem Herrgott persönlich in den Ring steigen würde. Je grösser die Herausforderung ist, desto besser für Walesa.

Genau einen solchen Menschen brauchte es in den 80er-Jahren, um mit dem Beistand des polnischen Papstes den Kommunismus erst in Danzig und Warschau und später im gesamten Sowjetimperium aus den Angeln zu heben. Insofern ist es wohlfeil und vor allem müssig, sich über das zweifelhafte Naturell des Friedensnobelpreisträgers zu echauffieren. Man musste und muss Walesa so nehmen, wie er ist. Den Freiheitshelden hätte es ohne das Teuflische in seinem Rebellenwesen nicht gegeben.

Für den «Fall Walesa / IM Bolek» heisst das unter dem Strich: Was auch immer Walesa in den 70er-Jahren als junger Mann mit der polnischen Stasi ausgekungelt hat, ist zweitrangig. Wohlgemerkt: Es ist wichtig, aber eben nur in zweiter Linie. Von Bedeutung ist es vor allem für jene, die möglicherweise unter Walesas Spitzeleien zu leiden hatten. Im Namen aller von Stasi-Unrecht Betroffenen ist Aufklärung nötig.

Darüber hinaus sollte der «Fall Walesa / IM Bolek» vor allem ein Thema für Historiker sein. Denn die grösste Gefahr, die von dem angeblichen Aktenfund ausgeht, ist eine politische Instrumentalisierung durch die ­allein regierende Kaczynski-Partei PIS. Gelingt es den rechtspopulistischen Scharfmachern, Walesa und vor allem den runden Tisch von 1989 zu diskreditieren, dann wird es das Polen, das wir seither kennen und schätzen gelernt haben, nicht mehr lange geben. Dann wird Jaroslaw Kaczynski die Vierte Republik, von deren Gründung er von jeher träumt, doch noch durchsetzen – ob formell oder informell.

Mit der historischen Wirklichkeit hätte das allerdings nichts mehr zu tun, denn bei aller Bedeutung des teuflischen Superhelden Walesa: Sein Einfluss auf die Entwicklung nach 1989 war eng begrenzt. Die Seilschaften, die Kaczynski allerorten in Polen wittert, sind eine Fantasie der PIS-Vorsitzenden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2016, 21:16 Uhr

Ulrich Krökel ist Osteuropa-Korrespondent des «Tages-Anzeiger». Foto: TA

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