Deutschland Märchenland

Was in Deutschland gerade passiert, wird das Land stärker verändern als die Wiedervereinigung.

Überwätigende Hilfsbereitschaft: In Dortmund werden ankommende Flüchtlinge empfangen(6. September 2015).

Überwätigende Hilfsbereitschaft: In Dortmund werden ankommende Flüchtlinge empfangen(6. September 2015). Bild: Martin Meissner/Keystone

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Eben noch hatten keifende Hetzer, pöbelnde Glatzen und flackernde Asylunterkünfte das Bild bestimmt, und nun das: Deutschland heisst die Elenden der Welt geradezu überbordend willkommen. Hunderttausende Flüchtlinge kommen, und Hunderttausende von freiwilligen und professionellen Helfern nehmen sie applaudierend in Empfang.

In München bat die Polizei die Bevölkerung, keine Spenden mehr zu leisten, weil kein Platz mehr da war. Für Frei­willige existieren mittlerweile Wartelisten und Einsatzpläne rund um die Uhr. In Berlin boten sich auf einen Aufruf über Nacht Hunderte von Menschen als Vormünder für minderjährige, auf sich allein gestellte Flüchtlinge an. Selbst im Osten des Landes wächst die Hilfsbereitschaft: In Leipzig ist eine Woche nach der Gründung die zentrale Spendenannahme bereits hoffnungslos überfüllt.

Die Medien des Landes, ob links oder rechts, sekundieren die Hilfsbegeisterung mit nicht enden wollenden Beiträgen über Elend und Freude der Ankömmlinge und die moralische Pflicht, ihnen beizustehen. Selbst das Massenblatt «Bild», das sonst rüde zwischen «deutsch» und «fremd» scheidet, fuhr Busladungen von Prominenten auf, die versprachen, sich für Flüchtlinge einzusetzen.

Kicker helfen Asylbewerbern

Und statt Fussball zu zeigen, erörterte das «Aktuelle Sportstudio» des ZDF halbstundenlang, wie Kicker kickenden Asylbewerbern helfen können. Die Politik tut es den Medien gleich. Angela Merkel, nicht für ihr heisses Blut bekannt, kam aus den Sommerferien unversehens als Flüchtlingskanzlerin zurück. Eindringlich schwor sie das Land auf einen Ausnahmezustand ein, auf eine epochale Herausforderung. Und die Kümmerin der Nation sprach die Losung, für die das Volk sie gewählt hatte: «Wir schaffen das.» Yes, we can.

Schafft Deutschland das? Das weiss natürlich niemand, aber man kann mit einer Gegenfrage antworten: Wer, wenn nicht Deutschland? Wann, wenn nicht jetzt? Für eine Krise ist der Moment ausgesprochen günstig. Die Flüchtlinge kommen, weil es Deutschland unverschämt gut geht. Die Wirtschaft ist mit Abstand die stärkste Europas. Weil das Land altert und zu wenige eigene Arbeitskräfte hat, stehen 600?000 Stellen offen, ein historischer Höchststand. Handwerksbetriebe, Dienstleister und Industrie betteln bei den Behörden um die Erlaubnis, motivierte Asylbewerber einstellen zu dürfen. «Zuwanderung ist ein Segen», resümiert Sozialministerin Andrea Nahles.

Auch mental ist der Moment günstig. Selten schien Deutschland entspannter, weltoffener, grosszügiger. Die neue Macht in der Mitte des Kontinents hat die Deutschen nicht arrogant, sondern auf unverkrampfte Art selbstsicher und verantwortungsbewusst gemacht. Nicht nur, wenn Deutschland mal wieder Fussball-Weltmeister wird, zeigt sich, dass die Deutschen, das angeblich so nörglerische, selbstquälerische Volk, sich zunehmend an sich selber freuen. An Organisation, Geld und politischem Willen wird es auch nicht fehlen. Zumal Improvisation jetzt höchstrichterlich erlaubt ist: «Deutsche Gründlichkeit ist super», dekretierte Merkel, «aber jetzt wird deutsche Flexibilität gebraucht.»

Konfrontiert mit der grössten Flüchtlingskrise in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, herrscht in Deutschland Euphorie. «Wir leben in einem neuen Land», jubeln Kommen­tatoren und halten den historischen Umbruch, der ansteht, schon für vollzogen. Bunt werde das neue Deutschland sein, auf jeden Fall. Dirk Kurbjuweit phantasiert im «Spiegel» bereits von einer «Regenbogennation», in der es keine Rolle mehr spiele, ob jemand deutsch sei oder nicht, um dazuzugehören. Und Georg Diez erklärt angesichts des Ernstes der Aufgabe die «Ära der Ironie» kurzerhand für beendet.

Die Euphorie wird verfliegen

Deutschland ist Flüchtlings-Weltmeister und stolz darauf. Kindlich freut es sich über tosenden Applaus aus dem Ausland – selbst Griechen und Franzosen, die in der Euro-Krise ob Deutschlands «Knausrigkeit» zuletzt immer wütender waren, preisen jetzt seine Grossherzigkeit. Wird nun also alles gut im Einwanderungsland?

Die Euphorie wird verfliegen, so viel lässt sich leicht voraussagen, sobald die Bilder strahlender Ankömmlinge und bewegter Helfer verblassen. Die Menschen aber, die gekommen sind, sie werden bleiben. Und mit ihnen die praktischen Probleme, die ihre Ankunft mit sich bringt. Hunderttausende von Flüchtlingen aus teils sehr fremden Kulturen zu integrieren, wird sich für Deutschland als eine Jahrzehntaufgabe erweisen. Nach der Wiedervereinigung und nach dem Krieg, als Millionen von Vertriebenen nach Westen strömten, halfen Deutsche Deutschen, und selbst da gab es Schwierigkeiten, Neid und Streit. Nach der Euphorie folgte zuverlässig der Kater.

Das wird diesmal nicht anders sein. Wenn die Anlaufstellen überfordert bleiben, die Flüchtlinge im Winter kein Dach über dem Kopf haben und die Gemeinden sich im Stich gelassen fühlen, kann die Stimmung kippen.Bald werden die alltäglichen Mühen der Integration das Bild prägen: Asylbewerber, die zwar studiert haben, aber ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, nicht einmal eine Anlehre beginnen können. Die Geschicktesten und Mutigsten werden sich gewiss durchsetzen, andere werden sich selber und ihr Gastland enttäuschen und in der Sozialhilfe landen. Das Märchen vom «guten Flüchtling», das jetzt landauf landab erzählt wird, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Menschen kommen – mit Talenten, Tugenden und Lastern, wie wir alle. Über die Religion wird noch zu reden sein. Deutsche Muslimenverbände warnen bereits, dass die vorwiegend arabisch geprägte Einwanderung die türkische Gemeinschaft vor grosse Herausforderungen stellen werden.

Vor allem aber sind Misstrauen und Hass nicht verdunstet. Deutschland ist mitnichten auf einen Schlag ein fremdenfreundliches Land geworden. Weiter brennen Nacht für Nacht Flüchtlingsheime. Erst waren die Ziele unbewohnt gewesen, mittlerweile zünden die Rassisten bewohnte Unterkünfte an. Immer häufiger werden Asylbewerber dabei verletzt, es ist zu erwarten, dass es auch wieder Tote geben wird – wie in den ungleich fremdenfeind­licheren Jahren nach der Wende. Die radikale Minderheit wird sich angesichts der Euphorie der Mehrheit eher zusätzlich radikalisieren als anpassen. Ob die Politik diese Wut noch einfangen kann, ist fraglich.

Bundespräsident Joachim Gauck sprach von einem hellen und einem dunklen Deutschland, das sich in der Flüchtlingskrise zeige. Tatsächlich strahlt das helle Deutschland so hell wie nie zuvor. Doch die Schatten sind noch da. Deutschland «wird das schaffen». Bestimmt. Irgendwie. Aber man braucht kein Pessimist zu sein, um vorauszusehen, dass die Zukunft weder hell noch dunkel, sondern grau sein wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 08:44 Uhr

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