Die Alternative zu Putin

Der Zürcher Filmemacher Eric Bergkraut legt ein eindrückliches Porträt von Michail Chodorkowski vor.



Video: Cineman


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Selbst ein hoch begabter Dokumentarfilmer braucht Glück. Eric Bergkraut hatte es. Der 58-jährige Zürcher Filmemacher, der sich seit 2003 mit Russland und Tschetschenien befasst, begann 2010 mit seinem Filmprojekt über Michail Chodorkowski. Der dissidente russische Oligarch sass damals seit sieben Jahren in Straflager Nummer 7 nahe der Stadt Segescha in der karelischen Steppe, 3000 Kilometer nordöstlich von Zürich.

Autor Bergkraut schrieb Chodorkowski im Gefängnis auf gut Glück an, und siehe da, Chodorkowski schrieb zurück. Er steckte im Straflager den ganzen Tag Ordner zusammen, das Essen konnte man nur deswegen als Essen bezeichnen, weil es Kalorien hatte, im Lager drohte die Ansteckung mit Tuberkulose, er überlebte auch den Messerangriff eines Mitgefangenen. «Putin hätte mich damals problemlos umbringen lassen können, wenn er es gewollt hätte», sagt Chodorkowski.

Putin wollte nicht. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele von Sotschi 2014 schien ihm dann ein Zeichen der Entspannung wirksamer: Chodorkowski kam kurz vor Weihnachten 2013 überraschend frei. Dabei hatte dem einstigen Oligarchen Chodorkowski eben noch die Eröffnung eines dritten Strafverfahrens gedroht. Nach seiner erzwungenen Ausreise übersiedelte er Anfang 2014 mit seiner Frau ausgerechnet nach Kempraten bei Rapperswil-Jona, nahe von Bergkrauts Filmatelier.

Plötzlich taucht Chodorkowski auf

Und so taucht Chodorkowski nach einigen Wochen persönlich im Atelier auf, lässt sich schminken und interviewen und liest die Briefstellen, die für den Film ausgewählt worden waren, persönlich vor. Daraus ist ein beeindruckendes Filmporträt geworden, ein Dokument über die politische Befindlichkeit Russlands nach den grossen Demonstrationen und mutigen Kunstaktionen der Opposition für Demokratie und Freiheit. Und ein Dokument über Resilienz: was Menschen aushalten können, ohne zu zerbrechen und stattdessen innerlich stärker zu werden unter für andere unaushaltbarem Druck.

Chodorkowski wuchs in Moskau in einfachen Verhältnissen, aber wohlbehütet auf. Der Vater Jude, die Mutter russisch-orthodox, beide schweigende Dissidenten. Sie hatten nichts dagegen, dass sich der 1963 geborene Sohn bei der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol betätigte, dort eine vorzügliche Ausbildung genoss, seine erste Frau kennen lernte und zunächst eine Beamtenkarriere einschlug. Nach Gorbatschows Öffnung Ende der Achtzigerjahre bot sich dem jungen Chodorkowski die Chance zum Aufstieg. Er brachte es mit dreissig Jahren schon zum stellvertretenden Energieminister. Danach setzte Jelzin auf Privatisierung. Die klügsten, gewieftesten und vermutlich auch skrupellosesten Spitzenbeamten hatten die beste Ausgangslage, und zusammen mit finanzstarken Partnern kamen sie zu grossen Wirtschafts­imperien.

Es habe kein Geheimabkommen mit Putin gegeben, sagt Michail Chodorkowski über seine überraschende Freilassung. Foto: Dominik Butzmann (Laif)

Jenes von Chodorkowski nannte sich Jukos und kontrollierte einen Grossteil der sibirischen Ölfelder. Daraus entstand ein Vermögen, das ein Schiedsgericht in Den Haag später auf umgerechnet 50 Milliarden Franken schätzte. Chodorkowskis Anteil wurde vom Wirtschaftsmagazin «Forbes» 2003 auf 15 Milliarden geschätzt. Innert zehn Jahren war er aus einfachsten Verhältnissen zum reichsten Russen geworden, ein Aufstieg in blocherscher Dimension und dazu russisch: massloser, schneller, höher, vergänglicher.

Das wäre gut gegangen, hätte sich Chodorkowski nicht gleichzeitig zum Fundamentaloppositionellen gewandelt. Das war ein Verstoss gegen Regel Nummer 1 der Putin-Doktrin: Oligarchen dürfen sich alle Freiheiten nehmen, ausser gegen das Regime politisch aktiv zu werden. Chodorkowski gründete 2001 die Open Russia Foundation, die sich für weitere Öffnung, Demokratie und westliche Werte einsetzte. Der Konzern setzte selber auf westliche Werte, beschäftigte McKinsey-Berater und benutzte globale Steuerkonstrukte.

Das Gegenteil zu Putins Programm

Die Gründung von Open Russia erfolgte ein Jahr nach Wladimir Putins Machtantritt und bezweckte in vielem exakt das Gegenteil zum Programm des ehemaligen KGB-Geheimdienstoffiziers. Mit einer Ausnahme: Nationalisten sind sie beide. Beide wollten das grosse Russland auferstehen lassen, mit allerdings gänzlich unterschiedlichen Visionen: ein marktwirtschaftliches, demokratisches Russland im westlichen Lager der eine, eine autoritäre, staatswirtschaftlich gelenkte Grossmacht in der eurasischen Tradition der andere. Chodorkowski und Jukos wurden für Putin gefährlich, das erklärt die harte staatliche Hand gegen sie in der Folge: zwei Prozesse gegen Chodorkowski ab 2003 mit Verurteilung zu zehn Jahren Haft, die Enteignung aller Ölfelder und deren Überführung in den Besitz des staatlichen Energiekonzern Rosneft.

Putins kleine Entspannungszeichen waren dazu kein Widerspruch, sie sollten ein geschlossenes westliches Lager gegen ihn verhindern. Die Hardliner gegen Putin sitzen in der angelsächsischen Welt und in Polen, wo man sich zeitweilig im Kalten Krieg wähnt. Die EU verlängerte zwar diese Woche die Sanktionen gegen Russland, die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini und die deutsche Regierung wollen aber eine harte Konfrontation mit Russland vermeiden.Warum mit Chodorkowski ausgerechnet der Putin-Widersacher Nummer 1 im Vorfeld der Sotschi-Spiele freikam, ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen. Putins Chance, dass Chodorkowski Auflagen akzeptierte, war Ende 2013 jedenfalls besser denn je: Chodorkowski drohten weitere lange Haftjahre, er hätte seine Mutter, die todkrank war und ein halbes Jahr später starb, nie mehr ohne Trennscheibe wiedersehen können. Er hätte nach der Adoleszenz seiner zweitältesten Tochter Anastasia (inzwischen 25-jährig) auch die Jugend der beiden heute 17-jährigen Zwillinge verpasst.

Gab es doch einen Deal mit Putin?

Chodorkowski selber sagt, Putin sei der Meinung gewesen, er könne ihm nicht mehr gefährlich werden. Er hoffe, Putin habe sich mit dieser Einschätzung getäuscht. Chodorkowskis Mutter, eine unerschrockene Frau des offenen Wortes, vermutet gegenüber Bergkraut, dass es eine geheime Absprache zwischen den beiden gab.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» bestritt Chodorkowski diese Woche, dass es vor seiner Freilassung ein Abkommen mit Putin gab: «Tatsächliche Bedingung war meine Ausweisung aus dem Land. Vor der Fortsetzung meiner Aktivitäten im politischen und gesellschaftlichen Leben habe ich gewarnt. Und am Kampf um die Rückgabe des Jukos-Vermögens nehme ich nicht teil, weil ich seit 2004 bei Jukos weder Aktionär noch Manager bin.»Chodorkowski wurde nach seiner Freilassung per Flugzeug aus Russland ausgeschafft. «Danach wurde eine neue Klage gegen mich angestrengt und ein Haftbefehl ausgestellt, damit ich nicht zurückkehren kann», sagt er. Nach der Ausweisung reiste er unter anderem in die USA, nach Grossbritannien und in die Ukraine, wo er – ein chancenloses Unterfangen – prorussische Separatisten für den Frieden gewinnen wollte. Die Schweiz erteilte ihm 2014 ein einjähriges Aufenthaltsvisum. Im Oktober 2015 übersiedelte er nach Grossbritannien, nach eigenen Worten, weil sich sein Büro «historisch dort befindet», seine Tochter da lebe und die beiden jüngsten Kinder nun dort studierten.

Ein Netzwerk für die russische Zivilgesellschaft

Das ist die offizielle Version. Die inoffizielle ist: Michail Chodorkowski findet in der russischen Exilgemeinde Grossbritanniens mit 300'000 Landsleuten ein besseres Umfeld für seine Mission eines offenen Russland als in der Schweiz. Inzwischen hat er Open Russia zu einem internationalen Netzwerk von Aktivisten gemacht, die sich für eine Stärkung der Zivilgesellschaft in Russland einsetzen. Der vertieften Bildung über Russland dient eine Internetuni (www.openuni.io), der Forschung über das moderne Russland ein der Stiftung angeschlossenes Institut. Der Betreuung politischer Gefangener widmet sich eine Menschenrechtsorganisation zusammen mit dem Rechtsanwalt und Blogger Alexei Nawalny.

Das alles ist nur im allerengsten Sinne nicht politisch zu nennen – wenn man unter Politik die Gründung einer politischen Partei versteht und den langfristigen Aufbau einer Gegenkandidatur zu Putin. Selbst dies schliesst Chodorkowski nicht auf alle Zeiten aus, wenn man ihn dazu drängen würde. Er ist unter der Auflage der politischen Abstinenz mehr und mehr zum Politiker geworden, mit Auftritten an der Universität Zürich, in London und anderswo. Chodorkowskis Sprache ist öffentlichkeitswirksamer geworden. Den Gegenspieler Putin vergleicht er mit dem bösen Voldemort aus «Harry Potter». Damit wäre Chodorkowski der Tausendsassa des Guten.

Wachsende Gefahr

Wenn Chodorkowski so weitermacht, wird seine persönliche Gefährdung wieder steigen. Die russische Staatsanwaltschaft hat ein neues Strafverfahren angekündigt und bei Interpol einen internationalen Haftantrag gegen ihn beantragt. Wenn diesem Antrag stattgegeben werden sollte, ist der Ex-Oligarch in Grossbritannien besser gegen eine Auslieferung nach Moskau geschützt als in der Schweiz. Die Schweiz sieht sich unter Aussenminister Didier Burkhalter nach wie vor in der Rolle der Vermittlerin in den anhaltenden Konflikten mit Russlands Nachbarstaaten. Ein langwieriger Konflikt mit Russland um eine Auslieferung Chodorkowskis würde dazu so schlecht passen wie jene um Edward Snowden mit den USA.

Grossbritannien unter Premier David Cameron war demgegenüber stets im Lager der Falken gegen Russlands Grossmachtambitionen. Kommt dazu, dass London Chodorkowski besser vor Anschlägen schützen kann als die Schweiz. In Kempraten war sein Haus laut Nachbarn weitgehend ungeschützt. Putin ist nicht für die Friedenspfeife bekannt, auch wenn er nicht für alle Gewalttaten gegen Oppositionelle direkt verantwortlich ist, wie seine Kritiker meinen. Es gibt unter kremltreuen Tschetschenen und am äusseren Rand des nationalistischen Spektrums genügend verdeckte Organisationen, die sich in der Vergangenheit für russische Dissidenten als lebensgefährlich erwiesen. London will sich keinen zweiten Fall Litwinenko leisten: Der gewendete Ex-Offizier des russischen KGB und Informant des britischen Geheimdienstes war 2006 trotz Personenschutz mit radioaktivem Grüntee vergiftet worden.

Chodorkowski will sich nicht weiter um die ­Jukos-Milliarden bemühen. Zehn Jahre Lagerhaft haben aus dem Geschäftsmann einen Politiker ­gemacht, wie sein ehemaliger Jukos-Partner ­Leonid Newslin im Film konstatiert. Newslin lebt in­zwischen in Israel und kämpft seit Jahren um das Jukos-Vermögen. Über das Schiedsgerichtsurteil in Den Haag, das den ehemaligen Jukos-Aktionären 2014 50 Milliarden Dollar Entschädigung zusprach, zeigt er sich im Film sichtbar erschrocken. Eine ­solche Summe lässt sich Russland nicht widerstandslos abnehmen. Inzwischen hat Newslin ­seinen persönlichen Schutz verstärkt, und er ist nicht unglücklich darüber, dass ein niederländisches Bezirksgericht dieses Urteil erst mal aufgehoben hat.

Schlafen oder zur Axt greifen

Die Auseinandersetzung um das Jukos-Vermögen interessiert Chodorkowski nicht mehr: «Es ist schade um die Zeit.» Die Milliarden aus den einstigen Jukos-Vermögen würden ihn nur weiter entfernen von jenem Teil des russischen Volks, der täglich ums materielle Überleben kämpft. Er hat über seine Mitgefangenen im Straflager 7 in Segescha einfühlsame Kurzgeschichten verfasst.

In Bergkrauts Film sagt Chodorkowskis Mutter: «Die Russen schlafen oder greifen zur Axt.» Es ist ihr Vermächtnis, dass sie dereinst aufwachen. Und jenes ihres Sohns, dass sie dann eine Zivilgesellschaft vorfinden, die demokratische Alternativen zur Axt anbietet.

Dokumentarfilm «Citizen Khodorkovsky». Premiere im Zürcher Kino Le Paris am 28. Juni, 20 Uhr, mit Eric Bergkraut und Liveschaltung zu Michail Chodorkowski nach London.

Erstellt: 23.06.2016, 21:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Jeder ist besser als Putin»

Russlands einstiger Finanzmagnat Michail Chodorkowski sollte sich nach seiner Begnadigung durch den Kreml 2013 aus der Politik heraushalten. Stattdessen predigt er nun die Revolution. Mehr...

Europas russischer Irrtum

Essay Der Westen hofft, dass sich in Russland das Volk gegen Wladimir Putin auflehnt. Doch das geht an der russischen Realität vorbei. Mehr...

In der Hauptstadt der Plünderer

Reportage Kaum irgendwo ist so viel Schwarzgeld versammelt wie in London. Auf einer Stadtrundfahrt zeigt ein Russe die unzähligen Villen der Kleptokraten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...