Das bedeutet der Anschlag für Angela Merkel

Bis anhin begegnete Deutschland dem Terror gelassen. Das könnte sich nun ändern – mit Folgen für die Bundeskanzlerin. Die AfD gibt ihr bereits die Schuld.

«Wir wollen nicht damit leben, dass die Angst vor dem Bösen uns lähmt», sagt Angela Merkel.

«Wir wollen nicht damit leben, dass die Angst vor dem Bösen uns lähmt», sagt Angela Merkel. Bild: Hannibal Hanschke/Reuters

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Wer die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis­kirche im Herzen Berlins das erste Mal sieht, steht verblüfft vor dem bizarr zerbrochenen Glockenturm und dem ausgebombten Schiff: ein Mahnmal für die Zerstörung nach einem selbst verschuldeten, verbrecherischen Krieg. Nun kann der Breitscheidplatz am Fuss der versehrten Kirche zu einem politischen Mahnmal werden: Es ist der Ort, an dem Deutschland den ersten schweren Terroranschlag eines mutmasslich islamistischen Täters erleidet. Wer den Weihnachtsmarkt kennt, wundert sich, dass die Wahnsinnstat nicht noch viel mehr Opfer gefordert hat.

Bis anhin war Deutschland vom Terror fast wundersam verschont geblieben. Platzierte Bomben explodierten nicht oder richteten keinen grossen Schaden an – bei früheren Attentaten wie jenen in Bayern im Sommer kamen letztlich nur die Attentäter um. Den Behörden und den Bürgern war bewusst, dass sie bisher vor allem Glück gehabt hatten, bei aller Wachsamkeit. Dieses Glück scheint nun aufgebraucht. Umfragen belegen, dass die meisten Deutschen seit langem ein schweres Attentat erwarteten. Gleichzeitig waren sie der Meinung, an ihrem Lebensstil unbedingt festhalten zu wollen, dem Terror zum Trotz.

«Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen.»Angela Merkel

Die ersten öffentlichen Reaktionen auf das Massaker bei der Gedächtniskirche waren denn auch ausgesprochen gefasst. «Wir wollen nicht damit leben, dass die Angst vor dem Bösen uns lähmt», sagte Angela Merkel, erschüttert und entschlossen zugleich. «Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen: frei, miteinander und offen.» Die Worte der Kanzlerin konnten nicht überdecken, dass der Anschlag für ihre Flüchtlingspolitik ein schwerer Schlag ist. Sollte sich bewahrheiten, dass der Attentäter ein Flüchtling ist, der in Deutschland Schutz gesucht hat, würde dies das Attentat direkt mit ihrer Politik verknüpfen. Es wundert nicht, dass Merkel den allfälligen Missbrauch des Asylrechts in ihrer Rede besonders «widerwärtig» fand.

Von den Politikern der Alternative für Deutschland schallt der Kanzlerin bereits laut ein «Merkel ist schuld an den Toten!» entgegen, bevor man Genaueres über den Täter weiss. Der obszöne Vorwurf lässt sich leichter erheben als mit Argumenten entkräften. Auch Horst Seehofer, Chef der bayerischen Schwesterpartei CSU und seit Monaten Merkels ärgster Freund, fordert bereits, die Einwanderungs- und Sicherheitspolitik müsse nun «grundsätzlich» überdacht werden. Die Kritik von rechts und die Rufe der Hardliner in den eigenen Reihen werden Merkel und ihre Partei schwächen und der AfD Auftrieb verleihen – zu einem Zeitpunkt, da sich gerade die umgekehrte Dynamik eingestellt hatte.

Noch regiert in Deutschland nicht die Angst. Noch sind es zwischen Boden- und Ostsee nur einzelne verantwortungslose Stimmen, die jenen unseligen Kriegszustand herbeireden, in den die Terroristen die offenen Gesellschaften mit Absicht stürzen wollen. Doch das braucht nicht so zu bleiben.

Frankreich als Warnung

Merkels Regierung hat auf die erhöhte Gefahr und die Kritik längst mit mehr Polizei, mehr Kontrolle und härteren Gesetzen reagiert, sodass von der einstigen «Willkommenskultur» nicht mehr viel übrig geblieben ist. Sollte es in den kommenden Monaten dennoch zu weiteren Anschlägen kommen, kann eine Entwicklung eintreten, wie wir sie in Frankreich erlebt haben. Die französische Gesellschaft ist von der unausgesetzten Reihe islamistischer Attentate mittlerweile derart eingeschüchtert, dass der Kampf gegen den als Bedrohung empfundenen «Islam» kaum noch Grenzen kennt und Grundrechte wie die Religionsfreiheit zu schleifen droht. Die Extremismen der einen und der anderen Seite schaukeln sich unentwegt hoch und schütteln die ratlose Mitte hin und her. Auf Dauer zerrüttet ein solcher Zustand eine Gesellschaft, politisch, aber auch was das Zusammenleben im Alltag angeht.

Gerät auch Deutschland in diese Spirale, könnte ihre Dynamik die politische Landschaft noch weit schwerer erschüttern, als dies nach dem Jahr der Flüchtlinge 2015 bereits geschehen ist. Sollte die Angst vor der Angst auch Deutschland lähmen, die Macht in Europas Mitte, hätten die Terroristen ihr Ziel spektakulär erreicht. Und der Breitscheidplatz wäre auch dafür ein Mahnmal.

Erstellt: 20.12.2016, 19:39 Uhr

Wie geht es für Deutschland nach dem Lastwagen-Vorfall weiter? Unser Deutschland-Korrespondent Dominique Eigenmann klärt auf.

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