«Bei Kinderschändern sind sie grosszügiger»

Drei Frauen unterwegs ins grösste Gefängnis der Türkei: Zwei besuchen ihre Männer, eine ihren Vater. Für die Journalisten gelten strengste Haftbedingungen, keiner von ihnen hat eine Anklage.

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Sie sind zu dritt, sie machen diese Reise immer gemeinsam, drei Frauen, jede Woche, immer freitags, in einem VW-Bus, 70 Kilometer von Istanbul nach Silivri. Silivri – eigentlich ein schöner Name. In Silivri steht das grösste Gefängnis der Türkei. Im Bus ist es warm, die Wärme ist ein Schutz gegen das, was kommt. Regen klatscht an die Scheiben.

Elif Günay durchsucht die Taschen ihres braunen Wollmantels, gräbt links, wühlt rechts, kein Fitzelchen Papier darf bleiben. Papier ist gefährlich. Beim letzten Mal hatte sie einen zerkrümelten Kassenbon aus dem Supermarkt übersehen. Da hat eine Gefängnisaufseherin sie angefaucht: «Was ist das?» Auch die winzigen Ohrstecker nimmt sie raus, es soll nichts piepsen bei der Kontrolle.

Nazire Gürsel trägt einen Pullover in Azurblau, eine sehr optimistische Farbe, und das lange blonde Haar trägt sie offen. Sevinç Kart ist auch blond und sehr schmal. Die beiden wollen sich noch schminken, schliesslich werden sie gleich ihre Männer sehen. Sie necken Elif, die Jüngste, sie brauche keinen Lippenstift, schliesslich warte ja ihr Vater auf sie. Hinter Glas. Küssen unmöglich. Das Glas ist fingerdick. Sie werden in einen Hörer sprechen, die Männer werden auch in einen Hörer sprechen.

«Sie strafen auch uns, sie strafen die Familien», sagt Nazire Gürsel. Bild: Christiane Schlötzer

Seit Polizisten ihren Mann am 1. November zu Hause in Istanbul abgeholt haben, durfte Nazire Gürsel ihn nur einmal im Gefängnis berühren, weil Silvester war. «Bei Mördern und Kinderschändern sind sie grosszügiger», sagt Gürsel, «sie strafen auch uns, sie strafen die Familien.»

Das Hochsicherheitsgefängnis liegt zwischen schmutzig grünen Wiesen. Die drei Frauen kommen gemeinsam nach Silivri, weil die Männer, die sie besuchen, eine Zelle teilen: der Journalist Kadri Gürsel, der Karikaturist Musa Kart und Turhan Günay, der den Buchverlag der Zeitung «Cumhuriyet» betreut. Auch die anderen beiden arbeiten für das regierungskritische Blatt, dessen Ex-Chefredaktor Can Dündar schon vor Monaten nach Deutschland geflohen ist. Selbe Zelle, selbe Besuchszeit, freitags von drei bis vier. Andere Häftlinge bekommen sie nie zu Gesicht. «In Silivri geht es um Isolation», sagt Nazire Gürsel.

Auch der Korrespondent der deutschen Zeitung «Die Welt» wurde verhaftet

In der Türkei sind mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten in Haft, so viele wie nie zuvor in diesem Land, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Die meisten wurden nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 festgenommen, unter Ausnahmezustandsrecht, das bis heute nicht aufgehoben ist. Der generelle Vorwurf in vielen Haftbefehlen: Propaganda für Terrororganisationen. Die Journalisten sollen entweder die religiöse Gülen-Bewegung unterstützt haben, eine Art islamische Sekte, die Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Oder die militante kurdische PKK.

Kadri Gürsel, Nazires Mann, soll gleich beide «Terrororganisationen» gefördert haben. Nun sind Gülen und die PKK zutiefst verfeindet, was den Vorwurf einer doppelten «Komplizenschaft» eigentlich ad absurdum führen müsste. Eine Anklageschrift aber, in der man Belege für die Beschuldigungen finden könnte, gibt es nicht, weder für Gürsel noch für die anderen zehn inhaftierten «Cumhuriyet»-Kollegen. Gürsel (55) war in einer langen journalistischen Karriere für viele renommierte Medien tätig. Seine Frau sagt: «Es gibt keine Anklage, kein Verfahren, nichts, unsere Anwälte fragen immer wieder nach, aber das ist wie eine Wand. Auch damit strafen sie die Familien, ich denke, sie wollen das.»

Die Mehrheit der Türken folgt dem Kurs des Präsidenten, der nun Putin und Trump preist, Letzteren auch dafür, dass er «Journalisten ihren Platz zeigt».

Zwei Eingänge führen ins Innere des Gefängnisses, einer für Anwälte, einer für Angehörige. Wenn sie nach Silivri muss, sagt Nazire Gürsel, wache sie immer mit Kopfschmerzen auf. Sevinç Kart klagt über Übelkeit, sie sagt: «Sie machen die Anklageschriften nicht fertig, weil sie nichts in der Hand haben.» Ihr Mann Musa Kart, geboren 1954, ist einer der bekanntesten Karikaturisten des Landes. Er hat Erdogan mit rauchendem Colt gezeichnet, den Lauf der Waffe auf die türkische Verfassung gerichtet, und mit Stahlhelm auf dem Kopf. Und er liess einen Richter in Robe an einer langen Leine über Erdogans Palast schweben, wie einen Papierdrachen – dafür gab es eine Anzeige wegen «Herabsetzung» von Volk, Staat und Republik. Das war schon vor einem Jahr. Nun gilt auch Kart, der Karikaturist, als «Terrorunterstützer».

Sohn will den Vater hinter Glas nicht sehen

Einmal ist Nazire Gürsel der Kragen geplatzt. Da hat sie auf Twitter geschrieben: «Yeter, Yeter, Yeter.» Es reicht, es reicht, es reicht. Das war eine Antwort auf Justizminister Bekir Bozdag. Der hatte behauptet, «es gibt in türkischen Gefängnissen niemanden, der nur wegen seiner journalistischen Arbeit verhaftet wurde», nur Verbrecher und Terroristen. Da twitterte Gürsel: «Das sagen sie in allen Ländern, in denen sie Journalisten ins Gefängnis werfen.» Sie wird wütend, wenn sie an Bozdag denkt. «Es verletzt mich, meine Familie, meinen Sohn, wenn ich so etwas höre.» Ihr Sohn ist zehn, er will seinen Vater nicht besuchen, wenn der hinter einer Glasscheibe sitzen muss. Nazire Gürsel sagt: «Wir wissen, was echte Terroristen sind, wir erleben das hier ja seit zwei Jahren, und es kann jeden Moment wieder passieren.»

Das mit dem Tweet war mutig - viele Türken, die früher, vor dem Putsch, noch laut und offen die Regierung kritisiert haben, sind nun lieber stumm. «Es ist die Zeit des Schweigens», sagt ein Anwalt, der inhaftierte Journalisten und Hochschullehrer vertritt, die auch zu Hunderten ihre Jobs verloren haben. Man kann den Juristen in Istanbul in einem Café treffen, aber man soll ihn nicht mit Namen zitieren. «Viele haben einfach Angst», Anwälte eingeschlossen. Und die Richter? Hunderte Richter und Staatsanwälte wurden seit Juli suspendiert, viele auch schon vor dem Putsch, weil sie angeblich Gülen-Anhänger waren und Korruptionsermittlungen gegen Regierungsmitglieder führten. «Nun gibt es viele sehr junge Richter», sagt der Anwalt. So einer hat vor einer Weile einen Angeklagten, den er kannte, freigesprochen. «Zehn Tage später war der Richter weg.»

Widerstand auch in der Schweiz: Tausende demonstrierten am 25. März in Bern gegen Erdogan

«Sogar in der Schweiz haben die Leute Angst, sich zu äussern»: Stimmen von türkischstämmigen Schweizerinnen und Türken in der Schweiz. Video: SDA

Die neueste Drohung: Entzug der Staatsbürgerschaft für alle, die ins Ausland geflohen sind. Viele Journalisten sind ja schon weg, weil sie vorab von Haftbefehlen erfahren haben. Da gibt es dann keinen legalen Weg mehr aus dem Land. Eine Journalistin sass in einem Flüchtlingsboot nach Griechenland, unter Syrern und Irakern, und hat es noch in die USA geschafft. Wer nach Aufforderung durch die Behörden nicht innerhalb von drei Monaten zurückkehrt, dem kann die Staatsbürgerschaft genommen werden. Eine Art türkische Tradition. Nach dem Militärputsch von 1980 verloren 14 000 Menschen ihren Pass. Der berühmteste Ausgebürgerte ist bis heute der Dichter Nazim Hikmet, schon 1951. Jedes türkische Schulkind kann dessen bekannteste Zeilen aufsagen: «Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.»

Oder der Staat nimmt sich Geld und Grundstücke von Menschen, die noch kein Gericht verurteilt hat. So geschehen bei angeblichen Gülen-Unterstützern, Unternehmern und mehr als 50 Journalisten. Ferienhäuser und Olivenbäume – alles weg oder blockiert. Etwa 150 Medien wurden geschlossen, ihre Besitzer, darunter grosse Verlagsgruppen, enteignet. Das Geld liegt nun in einem Staatsfonds. Nazire Gürsel hat keinen Zugang zum Konto ihres Mannes; der Ehefrau eines anderen Journalisten wurde mitgeteilt, der Strom in ihrer Wohnung werde abgestellt, das Konto ihres Mannes sei eingezogen.

Aus dem Besuchereingang von Silivri strömen ein halbes Dutzend Frauen, alle im schwarzen Tschador, so etwas tragen in der Türkei nur Fundamentalistinnen. Die Frauen haben Mühe, den vielen Stoff im Wind zu bändigen. Als Nazire Gürsel und Sevinç Kart aus der Tür kommen, fegt ihnen der Sturm durchs offene Haar, sie rennen. Sie lassen sich in den Bus fallen, der Fahrer hat vorgewärmt, die Zeitung stellt den Frauen jede Woche diesen Fahrdienst zur Verfügung. Der Fahrer serviert Kekse, er hat auch Beutel mit Lindenblütentee dabei, und für den Fall, dass es den Frauen ganz schlecht geht: eine Flasche Whisky.

Verbotene Wörter

Jetzt nur kein falsches Wort. Die Frauen haben sich bei ihren Anwälten erkundigt, was sie sagen dürfen und was nicht. Es gibt verbotene Wörter, Wörter, die man auf den Präsidenten beziehen könnte. Die Tochter eines anderen Journalisten, der schon seit mehr als sechs Monaten ohne Anklage in Haft ist, legt vor dem Gespräch ihr Handy in die Küche am anderen Ende der Wohnung. Sie fürchtet, abgehört zu werden. Schliesslich ist es so einfach geworden, jemanden zu denunzieren. Den Nachbarn, den Kollegen.

Der Staat nimmt sich Geld und Grundstücke von Menschen, die noch kein Gericht verurteilt hat. Ferienhäuser und Olivenbäume – alles weg oder blockiert.

Auf der Rückfahrt aus Silivri geht es schnell, kein Stau, ungewöhnlich für einen Freitagabend. Dass es weniger Staus gibt als früher, ist eher kein gutes Zeichen. Denn es lässt vermuten, dass es der türkischen Wirtschaft nicht so gut geht. Im letzten Jahrzehnt ging es ja eigentlich immer aufwärts. Fragt man Nazire Gürsel, wann sie sich in ihrem Leben so richtig frei und gut gefühlt habe, dann sagt sie: «In den ersten Erdogan-Jahren.» Das war eine Zeit des Aufbruchs und des Aufschwungs. Seit dem Putschversuch und den vielen Terroranschlägen verliert die Lira ständig an Wert, die Touristen bleiben weg. In den grossen Istanbuler Geschäftsstrassen haben viele Läden dichtgemacht. «Das kann jeder sehen», sagt Nazire Gürsel. In jenen Restaurants, die abends noch voll sind, gehen die Gäste früh.

Der Putsch als «Geschenk Allahs»

Die Regierung hat versprochen, Unsicherheit und Terror würden enden, wenn die Türken am 16. April in einem Referendum für eine Verfassungsänderung stimmen, die alle Macht in Erdogans Hände legt. Dass Erdogan das Referendum für sich entscheiden kann, gilt als sehr gut möglich. Die Mehrheit der Türken folgt dem Kurs des Präsidenten, der nun Putin und Trump preist, Letzteren auch dafür, dass er «Journalisten ihren Platz zeigt».

Ein hoher Zaun umgibt das Redaktionsgebäude von «Cumhuriyet», drinnen wacht ein privater Sicherheitsdienst. Im Zimmer von Musa Kart, dem Karikaturisten, sitzt der 75-jährige Aydin Engin vor einem Laptop. Engin, dicker Strickpulli, gekrümmter Rücken, sagt: «Ich bin müde, ich bin hier jetzt Chefredaktor, Geschäftsführer, alles in einem.» Die ganze Führungsriege des Blattes sitzt ja in Silivri. Aber warum nur? Engin sagt, schon vor dem Putsch habe Erdogan dafür gesorgt, dass grosse Zeitungen den Besitzer wechselten, von regierungsnahen Unternehmern gekauft wurden. Geht es also jetzt darum, die letzten Kritiker auszuschalten? Erdogan nannte den Putschversuch «ein Geschenk Allahs».

Terror macht allen Angst

Engin war auch mehrere Tage in Untersuchungshaft, sie haben ihn wegen seines Alters gehen lassen, ein Prozess soll folgen. Ob «Cumhuriyet», fast 100 Jahre alt und nun das letzte grössere Oppositionsblatt, überlebt? «Wir sind noch da», sagt Engin und drückt die Nickelbrille fester auf die Nase. Auf der Titelseite der Zeitung drucken sie jeden Tag die elf Köpfe der Inhaftierten. Der elfte ist erst zum Jahreswechsel dazugekommen, da wurde Ahmet Sik zu Hause abgeholt. Sik (46) ist eine Legende, 2011 wurde er schon mal festgenommen, er war dann ein Jahr in Haft, als Autor des angeblich «gefährlichsten Buches des Landes»: einer Beschreibung der systematischen Unterwanderung von Polizei und Justiz durch die Bewegung des Predigers Gülen. Damals waren der in den USA lebende Fethullah Gülen und Erdogan noch Verbündete, und Sik war der Staatsfeind.

«Vielleicht wird es eines Tages auch mich erwischen», sagt Yonca Verdioglu, Ehefrau der Journalisten-Legende Ahmet Sik. Bild: Christiane Schlötzer

«Ahmet hat damit gerechnet, dass er wieder verhaftet wird», sagt seine Frau Yonca Verdioglu, «weil er unabhängig ist, weil er die richtigen Fragen stellt, weil er ein Symbol für den Journalismus ist.» Yonca Verdioglu lebt nur ein paar Hundert Meter vom Fussballstadion von Besiktas entfernt, wo am 10. Dezember bei einem Anschlag 44 Menschen starben. Kurdische Extremisten haben sich dazu bekannt. Sie sagt: «Vielleicht wird es irgendwann auch mich erwischen.» Terror macht Angst, allen. Aber ihr Mann, ein Terrorist? Wegen ein paar Tweets?

Die Justiz sei nie völlig unabhängig gewesen in der Türkei, aber jetzt, meint Yonca Verdioglu, könne man «nicht mehr von einem Rechtsstaat sprechen». Als ihr Mann vor sechs Jahren verhaftet wurde, haben mehr als 5000 Menschen spontan protestiert. Und jetzt? «Alle fürchten sich, die Türkei ist im Winterschlaf.»

Vom Gefängnis zum Luxushotel

Vielleicht ist das ein Trost: In der Türkei gab es schon viele dunkle Perioden in den letzten 50 Jahren, und keine Macht hielt ewig. Wo sieht man das besser als in Istanbul? Der Stadt, in der sich die Geschichte übereinanderlegt, wie bei einer Schichttorte, wo sie Wolkenkratzer auf byzantinische Mauern setzen. Nazire Gürsel hat erzählt, dass sie gern mit ihrem Mann in das Restaurant des Four-Seasons-Hotels in Istanbul ging, in der Nähe von Topkapi-Palast und Blauer ­Moschee. Ihr Mann hat in diesem Haus einst einige Zeit verbracht, nach dem Militärputsch von 1980, da war er auch in Haft. Das Luxushotel war damals ein Gefängnis. «Vielleicht», sagt Nazire Gürsel, «wird Silivri irgendwann mal eine Universität.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2017, 23:07 Uhr

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