Die Besten sind nicht in Brüssel

2019 sind Europawahlen, aber ein Posten in Brüssel gilt noch immer als nicht sonderlich attraktiv.

Mit dem Personal, das nach Brüssel will oder muss, hat die EU weiterhin ein Problem. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann wegen notorischem Misserfolg vor zweieinhalb Jahren abdanken musste, befragte ihn ein Journalist, was er denn nun zu tun gedenke. «Irgendwas mit Europa», gab der Sozialdemokrat fast gelangweilt zurück. Ganz so, als stünden in Brüssel und Strassburg reich gefüllte Selbstbedienungstheken für arbeitslose Politiker, die sich nach Lust und Laune was Nettes herauspicken dürfen. 

Faymanns Nachfolger Christian Kern, der nach nur 18 Monaten abgewählt wurde, tat es dem schlechten Vorbild nach, und das sogar mit noch mehr Chuzpe: Der Sozialdemokrat rief sich kürzlich mal eben selbst als Spitzenkandidat der SPÖ für die nächste Europawahl aus. Seine Basis fragte er erst gar nicht. 

Beiden Österreichern ist der Wechsel nach Brüssel und Strassburg zwar letztlich misslungen. Kern musste sich nach Protest aus der Partei komplett aus der Politik zurückziehen, Faymann macht jetzt «irgendwas mit Immobilien». Aber die beiden führten deutlich vor, dass sie sehr wohl noch lebt, diese Auffassung von Europa als letzter Ausfahrt, als Abklingbecken für Abgehalfterte, als weiches Netz, in das Gescheiterte fallen. Ein Büro in Brüssel, eines in Strassburg, eine stattliche Diät und eine opulente Kostenpauschale: Es gibt Schlimmeres.

Oft wollen oder sollen die Besten aber weiterhin lieber «zu Hause» dienen und nicht in «Europa».

Die Europawahl 2019 naht, und überall in Europa wird es in den nächsten Monaten ähnliche Geschichten geben von Menschen, die Ellbogen einsetzen, um einen guten Listenplatz oder gar einen Posten in der EU-Kommission zu ergattern. Immer noch sind EU-Parlament und Kommission überdies auch Orte, um lästig oder überflüssig gewordene Parteifreunde zu ver- oder entsorgen.

Kurzum: Mit dem Personal, das nach Brüssel will oder muss, hat die EU weiterhin noch ein Problem. Zwar finden sich immer weniger (oder weniger offensichtliche) Beispiele für den berühmten Spottvers vom «Opa», der nach Europa geschickt werden soll. Aber immer noch geht nicht die erste Garde in die Führungsriege der EU-Kommission oder ins Strassburger Parlament. Auf Beamtenebene in der Kommission und an der Spitze einiger Institutionen sieht das zwar anders aus. Aber zumindest Letzteres ist teilweise der Finanzkrise der letzten Jahre geschuldet.

Oft wollen oder sollen die Besten aber weiterhin lieber «zu Hause» dienen und nicht in «Europa». Dabei wäre gutes Personal so wichtig, um die EU attraktiver zu machen. Ein Grund dafür liegt auch im ambivalenten Verhältnis der Mitgliedsstaaten zu der von ihnen gebildeten Union. Die 28 oder bald 27 EU-Mitglieder wollen gemeinsam mehr Gewicht haben, als jeder Einzelne von ihnen auf die Waage bringen würde. Sie wissen, dass sie dafür robuste Strukturen brauchen und Repräsentanten, die keine Aktenkofferträger sind. Doch wenn es darum geht, Einfluss an Brüssel abzugeben, ist ihnen eine eigenständige EU doch zu unbequem und unkalkulierbar.

Das Schicksal von Europa wird also bestimmt von Zufällen, politischen Gemengelagen und oft ganz Europa-fernen Gründen.

Vor allem aus deutscher Sicht war Europa sehr lange diejenige Ebene, auf der politische Karrieren ziemlich unspektakulär endeten, aber selten begannen oder an Fahrt aufnahmen. Das hat sich zuletzt zwar geändert. Bei der letzten Bundestagswahl kandidierten neben SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vier weitere Europaabgeordnete für den Bundestag. Doch auch diese Entwicklung signalisiert: Wichtiger als Brüssel und Strassburg sind die Hauptstädte.

Das Schicksal von Europa wird also nicht ausschliesslich von den Besten, den Qualifiziertesten und Interessiertesten bestimmt, sondern von Zufällen, politischen Gemengelagen und oft ganz Europa-fernen Gründen. Donald Tusk beispielsweise, auch wenn er ein guter EU-Ratspräsident ist, hatte monatelang versichert, er denke nicht ernsthaft über einen Wechsel von Warschau nach Brüssel nach. «Für mich ist Polen am wichtigsten, ich bleibe hier», sagte der damalige Premier, der dann aber abgewählt wurde.

Was ist von solch einem Ratspräsidenten zu halten? Tusk sei zwar ein «schlechter, sehr schlechter» Premierminister gewesen, sagt sein Erzrivale Jaroslaw Kaczynski. Er freue sich aber dennoch, dass ein Pole so einen hohen Posten bekommen habe. Besser kann man das problematische Image von Brüssel nicht ausdrücken.

* Hannelore Crolly ist Brüssel-Korrespondentin der «Welt» aus Berlin

Erstellt: 21.10.2018, 20:51 Uhr

Artikel zum Thema

Er will die EU «zurück zu den Menschen» bringen

Manfred Weber, der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, will neuer EU-Kommissionspräsident werden. Mehr...

Der traurige Clown im Parlament

Porträt Martin Sonneborn war Chef des deutschen Satiremagazins «Titanic». Nun versucht er sich als Spasspolitiker im EU-Parlament. Wenn es aber um die Schweiz geht, wird er ernst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...