Die Herrscher über das Mittelmeer

Vier Männer kontrollieren die Flüchtlingsroute über das Mittelmeer. Wie sie arbeiten und wohin ihr Geld fliesst.

Lebensgefährliche Überfahrt: Flüchtlinge auf einem überfüllten Gummiboot vor der libyschen Küste. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

Lebensgefährliche Überfahrt: Flüchtlinge auf einem überfüllten Gummiboot vor der libyschen Küste. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

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Sie sind die Herrscher über das Mittelmeer. Sie machen Umsätze in Millionenhöhe. Und ihre Skrupellosigkeit ist nicht zu überbieten: Laut Untersuchungen der italienischen Staatsanwaltschaft in Palermo sollen der Äthiopier Ermias Ghermay, der Eritreer Medhanie Yehdego Mered und zwei weitere Komplizen das Schleppergeschäft über der Mittelmeerroute kontrollieren. Das Ghermay-Netzwerk wird unter anderem für das Schiffsdrama vor Lampedusa verantwortlich gemacht, bei dem im Oktober 2013 366 Menschen ums Leben kamen. Seit diesem Unglück versuchen Ermittler aus ganz Europa, die Hintermänner zu schnappen. Einen ersten Erfolg konnten sie nun in Deutschland verbuchen: Mitte August wurde dort der Eritreer Mulubrahan Gurum verhaftet. Dem 41-Jährigen wird von der italienischen Staatsanwaltschaft in Palermo vorgeworfen, als Kassierer für das Schleppernetzwerk gearbeitet zu haben.

Gurum hatte in Italien Antrag auf Asyl gestellt und war daraufhin spurlos aus einem Aufnahmelager im Osten Siziliens verschwunden. Seine Spur führte die Ermittler schliesslich nach Deutschland – wo der international gesuchte Mann von deutschen Polizeibeamten verhaftet wurde. Wie Dokumente der italienischen Operation «Glauco II» belegen und wie auch deutsche Behörden bestätigen, hatte das Amtsgericht von Palermo im Juni 2015 einen europäischen Haftbefehl ausgestellt. «Der Inhaftierte wurde in einem Wormser Hotel festgenommen, das zur Unterbringung von Asylsuchenden genutzt wird», bestätigte der Koblenzer Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler.

Asyl unter falschem Namen

Laut der italienischen Polizei lebte Gurum seit Anfang Jahr in Deutschland. Er gab sich dort als Kriegsflüchtling aus und stellte einen zweiten Asylantrag, diesmal jedoch mit einer falschen Identität. Den Behörden im Rheinland erklärte er, er habe Verwandte in Worms, mit denen er wieder Kontakt aufnehmen wolle. Tatsächlich hatte er in dieser Gegend diverse Kontakte. Bei Gurums Festnahme sollen ein Computer und ein Mobiltelefon beschlagnahmt worden sein, in deren Speichern sich möglicherweise entscheidende Informationen befinden – unter anderem Informationen darüber, wo sich in Deutschland das Vermögen der Schlepper befindet und wie dieses Geld gewaschen wird.

Gurums Telefongespräche geben Aufschluss darüber, wie die Schlepper arbeiten und ihr Geld einkassieren: «Wenn keine Bestätigung ihrer Bezahlung eintrifft, können sie nicht abreisen», heisst es zum Beispiel in einem der abgehörten Telefongespräche zwischen Gurum und seinem Chef Medhanie Yehdego. Tatsächlich verläuft die Geldübergabe zwischen den Schleusern und Flüchtlingen meist in Etappen und ist daher komplex. «Einen Teil des Geldes zahlen die Flüchtlinge vor der Reise und versuchen den Rest entweder von Freunden und Verwandten im Zielland oder in der Heimat zu leihen oder ihre Schulden abzuarbeiten», sagt Mirjam van Reisen, Direktorin des Thinktanks European External Policy Advisors (Eepa) in Brüssel. Um dieses Geld zu übermitteln, würden Dienste wie Western Union oder Money Gram genutzt.

Ein reumütiger Schlepper erklärte den italienischen Staatsanwälten: «Vom Gesamtpreis der Reise, zwischen 2000 und 2500 Dollar, werden nur 5 Prozent bar in Libyen bezahlt. Der Rest erfolgt dann jeweils von einem Land zum nächsten. Und zur Bestätigung einer erfolgreichen Abwicklung reicht schon eine SMS.»

Laut den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Palermo landet der Endbetrag normalerweise in europäischen Ländern wie Deutschland, Schweden, Norwegen oder England. Dort wird das Geld von Kassierern in Empfang genommen, die dann für eine Geldwäsche sorgen. Welche Summen die Menschenschmuggler umsetzen, lässt eine Aussage von Ermias Ghermay am Telefon erahnen: «Ich habe auf diese Weise ein so grosses Vermögen erarbeitet, dass ich 20 Jahre lang bestens davon leben könnte – bei jedem Schiff, das ich nach Italien schicke, liegt ein Gewinn von 80'000 Dollar drin.»

Gewinn landet in Deutschland

Die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft in Palermo zeigen, wie die Menschenhändler ihr Geschäft aufteilen: «Die vier Herren machen sich nicht etwa Konkurrenz, nein, sie arbeiten zusammen», sagte ein reumütiger Schlepper. Auf ihren Tischen entschieden sich «Flüchtlingsstrom» und «Flüchtlingsquote», immer entsprechend der Nachfrage des «Marktes» und einem gewissen Machtverhältnis zwischen den Menschenhändlern. Laut den Aussagen des Schleppers lande der Gewinn der Menschenschmuggler aus Tripolis nicht in Libyen, sondern in Deutschland, wo er von der Frau von Ghermay verwaltet werde.

Die Männer, die für Ghermay arbeiten, werden «Oberst» genannt. Und zwei von diesen «Obersten» von Ghermay – in den Gesprächen als Jonas und Salomon bezeichnet – leben in Tel Aviv. Von dort aus schicken sie das für die Überquerung des Mittelmeers gezahlte Geld der Falasha in die entsprechenden Kanäle. Falasha nennt man die aus Äthiopien stammenden Juden, die aus Afrika fliehen. «Das sind unsere besten Kunden,» erklärt einer der Menschenhändler der libyschen Route dem «Oberst Jonas», «Die zahlen mehr und vor allem schnell.» Und wenn sie nicht zahlen, werden sie gegen ihren Willen festgehalten. «Ich habe acht Juden in meiner ­Gewalt», erklärt Ermias Ghermay am ­Telefon. «Wenn sie freikommen und ihre Reise fortsetzen wollen, müssen ihre Verwandten in Israel zahlen. Und zwar sofort.»

Mitarbeit: Simone Schmid, Alessandra Ziniti, Franco Viviano, Salvo Palazzolo, Fabio Tonacci, Ileana Grabitz, Veronika Vollinger, Ana Carbajosa. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2015, 10:58 Uhr

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