Die Britischen Inseln bröckeln ins Meer

Das Umweltamt bläst wegen des Klimawandels zum «geordneten Rückzug» an den Küsten. Ganze Gemeinden sollen aufgegeben werden.

Die Klippen erodieren, Häuser gehen an die See verloren, hier bei Happisburgh in Great Yarmouth. Foto: Christopher Furlong (Getty Images)

Die Klippen erodieren, Häuser gehen an die See verloren, hier bei Happisburgh in Great Yarmouth. Foto: Christopher Furlong (Getty Images)

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Zur Millenniumswende lachten die Briten noch über Mark und Louis Roberts. Das Paar, das den Belle-Tout-Leuchtturm von Beachy Head in der südenglischen Grafschaft Sussex bewohnte, sah sich zu diesem Zeitpunkt dem Untergang buchstäblich drei Meter nah. Infolge rascher Küstenerosion hatte sich das Meer so dicht an den Leuchtturm herangearbeitet, dass die Roberts beschlossen, ihr trautes Heim in Sicherheit zu bringen, so gut es ging. Mittels mächtiger Balken und hydraulischer Vorrichtungen verfrachteten sie das 850-Tonnen-Bauwerk auf einer Gleitschiene auf sichereres Terrain, 18 Meter weit von der Klippe entfernt.

Vorsichtshalber liessen sie die Transportbalken am neuen Standort unter dem Leuchtturm liegen – für den Fall, dass Belle-Tout nach und nach noch weiter ins Landesinnere befördert werden muss. Die sensationelle Aktion war damals in aller Munde. Anderswo rutschten dagegen Häuser und ganze Hotels ins Meer, die niemand rechtzeitig weggeschleppt hatte.

Nach Auskunft des britischen Umweltamtes droht rund 9000 Gebäuden ein ähnliches Los. Der regierungsamtliche Ausschuss für Klimawandel schätzt, dass bis zum Jahr 2080 sogar weitere 100'000 Häuser «über die Klippe» gehen könnten, wenn, wie mittlerweile befürchtet, Sturm, Regen und Erosion wegen des Klimawandels zunehmen und der Meeresspiegel um einen vollen Meter steigt. Und das wären nur die Opfer bröckelnder Küsten auf der Insel.

Millionen Briten steht im Ansturm der Wetter und Wogen regelmässige oder gar permanente Überflutung ihrer Häuser und Wohnungen bevor. Ganze Strassennetze und Eisenbahntrassen, fast hundert Bahnhöfe, aber auch zahllose Kraftwerke, Ölraffinerien, Gas-Terminals und rund tausend hochgiftige Abfalllager in tief gelegenen Landstrichen an den Küsten sind über kurz oder lang gefährdet. In den letzten Jahren haben immer häufiger eintretende grosse Überschwemmungen das Ausmass dieser Gefahr deutlich gemacht.

«Mit immer höheren Dämmen können wir einen Krieg gegen das Wasser nicht gewinnen.»Emma Howard Boyd, Umweltamt

Für Emma Howard Boyd, die Chefin des Umweltamtes, besteht kein Zweifel mehr daran, was auf ihre Landsleute da zukommt – und warum. «Überschwemmungen hat es natürlich immer gegeben», meinte sie. «Aber der Klimawandel nimmt zu und beschleunigt diese Gefahren. Und wir können einen Krieg gegen das Wasser nicht gewinnen, indem wir nur immer höhere Dämme bauen.» Stattdessen brauche man, meint Boyd, «eine ganz andere Philosophie».

In den vergangenen Jahren versuchte man sich in Grossbritannien mit mächtigen Hafenmauern und Betondämmen gegen die vordringenden Wasser zu schützen. Inzwischen bevorzugen das Umweltamt und führende Politiker natürliche Massnahmen wie Verteilerkanäle fürs Wasser, durchlässige Dämme und neue Wald- und Heideland-Plantagen. Auch an den Bau besser gewappneter Häuser wird gedacht.

Wie im Katastrophenfilm

Zugleich wächst die Einsicht, dass manche Landstriche bei einem wirklich dramatischen Anstieg des Meeresspiegels und gleichzeitiger starker Zunahme von Regenfällen nicht zu retten wären. «Letztlich», erklärte die Umweltamts-Chefin erstmals offen, «werden wir ganze Gemeinden in Sicherheit bringen müssen.» Für viele wird eine Rückkehr nicht möglich sein.

Fast 200 Kilometer oft dicht besiedelter Küste gelten als unmittelbar flutgefährdet, von alten Städtchen wie Great Yarmouth oder Lyme Regis bis zu den Neubaugebieten in der Themsemündung oder am Humber. Trotz aller Warnungen jüngster Jahre wird weiter in Flutgebieten gebaut. Schlimmstenfalls, warnen Experten, könnten sogar Städte wie Norwich oder Liverpool den Fluten zum Opfer fallen. So hoch über dem Meer liegen sie nicht.

Wie es London ergehen könnte, war vor zwölf Jahren im Katastrophenfilm «Flood» zu sehen. Dass die zweitausend Jahre alte Themse-Metropole als neues Atlantis in die Geschichte eingehen könnte, mit Trafalgar Square auf dem Meeresgrund und Sardinenschwärmen in den Sälen Westminsters, ist freilich nicht nur eine Vorstellung lebhafter Fantasie.

Schon im nächsten halben Jahrhundert, befürchten Forscher, könnten Schächte der Londoner U-Bahn und Teile der Kanalisation der 9-Millionen-Stadt von einer anschwellenden Themse überwältigt werden – wenn man nicht rasch Vorsorge treffe. Ein neues, grösseres Themse­-Sperrwerk im Vorfeld des alten ist bereits in Planung. Im Falle Londons sei der «ökonomische Nutzen» massiver Schutzvorrichtungen höher als an den meisten Küsten, rechtfertigen Londons Verteidiger ihr Projekt.

«Gänzlich unvorbereitet»

«Und das», meint Professor Jim Hall vom regierungsamtlichen Ausschuss für Klimawandel, «ist nur der Anfang dessen, was der Klimawandel uns kosten wird.» Eine Milliarde Pfund pro Jahr werde mit Sicherheit gebraucht für «vorbeugende Massnahmen». Denn Grossbritannien sei «gänzlich unvorbereitet» für das, was da kommt.

Mike Childs, wissenschaftlicher Chefberater der Umweltlobby Friends of the Earth, akzeptiert, dass solche Massnahmen nützlich und notwendig sind. Childs wünscht sich aber, dass sich das Augenmerk der britischen Politiker «mehr auf die Reduktion der Emissionen» richten sollte, die den Klimawandel verursacht haben. Leider lasse es die Regierung in Downing Street da aber an aller Vernunft fehlen, meint er. Der Umweltaktivist verweist auf deren «beharrliches Drängen auf Fracking, den Flughafen-Ausbau, den Neubau von Strassen und die lauwarme Unterstützung erneuerbarer Energien».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.05.2019, 20:07 Uhr

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