«Die Clans verarschen uns»

Kriminelle Grossfamilien beziehen in Deutschland Sozialhilfe und protzen mit Luxus. Ralph Ghadban sprach darüber – und wird bedroht.

Teure Autos trotz Sozialhilfe: Die Polizei beschlagnahmte am 11. Oktober 2019 im Clanmilieu mehrere Luxusgüter, darunter ein Oberklasse-Coupe. Foto: Keystone

Teure Autos trotz Sozialhilfe: Die Polizei beschlagnahmte am 11. Oktober 2019 im Clanmilieu mehrere Luxusgüter, darunter ein Oberklasse-Coupe. Foto: Keystone

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Ralph Ghadban will dem Besucher etwas zeigen. Er holt sein Handy, wischt lange über den Bildschirm, klickt schliesslich ein Video an. Ein libanesischer Berliner mit Bart lacht in die Kamera und prahlt: «Wir haben heute Geburtstag!» Er zeigt seinen neuen Mercedes, am Handgelenk funkelt eine neue Rolex, der Kofferraum ist voller Einkaufstaschen von Versace bis Gucci. Dann schwenkt die Kamera auf das Jobcenter auf der anderen Strassenseite. Der Mann höhnt: «Wir Libanesen leben alle vom Staat. I love you, Jobcenter!»

Ralph Ghadban findet es kein bisschen lustig. Mindestens 100'000 Euro seien die Sachen wert, die der scheinbar Arbeitslose zeigt. «Die verarschen uns.» Die libanesischen Clans, hinter denen der freundliche ältere Herr mit dem grauen Schnauzbart seit 30 Jahren her ist, sind keine normalen Banditen. Sie beuten ihr Gastland nicht nur aus, indem sie rauben, erpressen, betrügen, mit Drogen und Menschen handeln. Vielmehr brüsten sie sich in aller Öffentlichkeit mit ihren Verbrechen, verhöhnen den Rechtsstaat und höhlen ihn aus, indem sie Polizei, Justiz und Zeugen einschüchtern.

Wie die Clans kriminell wurden

Die arabischen Grossfamilien, die Deutschland seit ein paar Jahren aufwühlen, waren im Libanon einst Ghadbans Nachbarn. Der griechisch-katholische Christ lebte als linker Student in Beirut, bevor er 1972 nach West-Berlin kam, um sein Islam- und Politikstudium zu beenden. Als im Libanon 1975 der Bürgerkrieg ausbrach, folgten ihm viele Landsleute nach Deutschland – auch die Mhallami, jene Arabisch sprechenden Stämme aus der Südosttürkei, die den Kern der heutigen kriminellen Clans bilden.

Die Clanmitglieder haben sein Foto auf ihren Handys gespeichert: Ralph Ghadban. Foto: Jens Gyarmaty (Visum)

Da Ghadban Arabisch sprach und die libanesischen Verhältnisse kannte, kam er als Sozialarbeiter in Berlin bald mit den Grossfamilien in Kontakt. Schnell merkte er, dass sie sich anders verhielten als andere Einwanderer. «Als die Möglichkeit noch bestand, wollten sie sich nicht integrieren. Und ab 1982 verwehrte ihnen der deutsche Staat die Integration.» Die Mhallami durften nicht mehr arbeiten, Hilfsgelder wurden gekürzt, selbst die Schulpflicht für ihre Kinder wurde ausgesetzt. Vertreiben liessen sie sich trotzdem nicht mehr – und als Staatenlose konnte man sie auch nicht abschieben.

So zogen sich die Mhallami auf sich selber zurück und begannen, ihre Grossfamilien zu Festungen der organisierten Kriminalität auszubauen. Sie merkten bald, dass der Staat ihnen dabei kaum Widerstand leistete. Polizisten und Sozialarbeiter wie Ghadban warnten zwar, doch Politik und Gesellschaft schlossen die Augen: «Sie wollten die Realität nicht sehen.»

Sie wagten immer spektakulärere Verbrechen: 2014 raubten sie im noblen Kaufhaus des Westens innert 79 Sekunden allen Schmuck aus den Vitrinen.

Die Ideologie des Multikulturalismus, die seit den 80er-Jahren mit Macht durch Westeuropa wehte, habe die Gesellschaft blind gemacht. Ghadban mahnte früh: Die bedingungslose Toleranz für fremde Kulturen behindere nicht nur die Integration, sondern fördere in Wahrheit die Desintegration und die Entstehung von Parallelgesellschaften. Wer damals von der Kriminalität einzelner ethnischer Gruppen sprach, wurde von den Multikulturalisten wie von den Einwanderern als Rassist beschimpft. Die Mhallami als Gruppe zu erfassen, galt als diskriminierend und war tabu. Bis ins Jahr 2000, als Ghadban sie erstmals benannte, hatten sie nicht einmal einen Namen. Als er sich damals entschied, vor den Clans zu warnen, traf er auf taube Ohren. «Lange war ich auch die einzige Stimme.» Er begann die Familienstrukturen der Mhallami zu erforschen, analysierte ihre Verflechtungen und studierte ihr Vorgehen. Auch die Polizei fühlte sich mit dem Problem alleingelassen und musste hilflos zusehen, wie die Clans ihre Macht immer weiter ausbauten.

Die Stimmung schlug erst um, als die Berliner Clans übermütig wurden. Sie wagten immer spektakulärere Verbrechen und forderten den Staat offen heraus: 2010 überfielen sie ein Poker­turnier im Hyatt Hotel, vier Jahre später raubten sie im noblen Kaufhaus des Westens innert 79 Sekunden allen Schmuck aus den Vitrinen. Es folgten Kalaschnikow-Angriffe auf Geldtransporter, der Raub einer 100-Kilogramm-Goldmünze aus einem Museum, die Hinrichtung eines Gangsters inmitten von Spaziergängern, gefolgt von einer Trauerfeier, zu der mehrere Tausend Clanmitglieder aus ganz Deutschland aufmarschierten.

Offener Aufmarsch in Berlin: Im September nahmen rund 1500 Clanmitglieder an der Beerdigung des erschossenen Nidal R. teil. Foto: Keystone

Selbst in Berlin sind die arabischen Grossfamilien heute nicht für mehr als 20 Prozent der organisierten Kriminalität verantwortlich. Aber auf einmal genossen sie 90 Prozent des Rampenlichts und avancierten zu einem Phänomen düster-urbaner Popkultur. «Sie waren die Helden», sagt Ghadban. Die Medien hypten sie, Rapper besangen ihre Gewalttaten, TV-Serien wie «4 Blocks» glorifizierten ihre Macht.

Gleichzeitig löste die Entwicklung eine heftige Gegenreaktion aus. Der Staat, der sich so lange blind gestellt hatte, wollte sich plötzlich nicht mehr auf der Nase herumtanzen lassen. Als Erste wehrte sich die Polizei. In Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen und in Berlin wüteten die Clans mittlerweile so rücksichtslos, dass die Ordnungshüter den einsamen Experten Ghadban um Rat baten. Er sollte den Polizisten erklären, wie die Mhallami funktionieren und wie man ihrer Herr werden könnte.

Auf einmal Angriff statt Toleranz

Innert Monaten ging die Polizei von Toleranz auf Angriff über. In den drei Jahren seit 2016 unternahm sie mehr gegen die Clans als in den dreissig Jahren zuvor. Das Bundeskriminalamt veröffentlichte vor kurzem das erste Lagebild zur Clankriminalität, Innenminister Horst Seehofer forderte «null Toleranz»: Man müsse verhindern, dass die Clans Deutschland als «Beutegesellschaft» behandelten – ein Begriff, den Ghadban geprägt hatte. Die betroffenen Bundesländer übertrafen sich mit Razzien, Kontrollen und Festnahmen. «Zu Recht greift die Polizei heute bei jeder Kleinigkeit energisch zu», meint Ghadban.

Dabei sei die Clankriminalität im Grunde ein Integrationsproblem, sie zu zerschlagen also eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dazu müssten nicht nur Bund und Länder besser zusammenarbeiten, sondern auch Polizei, Justiz, Schule, Jugendamt und Sozialarbeit. Aussteigerprogramme für Jugendliche seien wichtig – allerdings brauchte man sie dringend auch für Mädchen. In Clans, in denen traditionell untereinander geheiratet wird, seien die Frauen der Schlüssel, um die Familien aufzubrechen. «Um die Gruppen zu knacken, muss man die Frauen befreien.»

An die Clans erging ein Aufruf: «Wo ihr ihn findet, seid gnadenlos.»

2017 haben die Staatsanwälte in Berlin erstmals ein neues Gesetz angewandt, das es ermöglicht, Liegenschaften und Vermögen zu beschlagnahmen, wenn diese vermutlich krimineller Tätigkeit entstammen. Weitere Massnahmen werden diskutiert: Könnte man jenen Mhallami, die neben dem deutschen auch den libanesischen oder einen anderen Pass haben, die Staatsbürgerschaft entziehen, um sie leichter abzuschieben? Ja, könnte man ihnen, mit Verweis auf das Kindeswohl, sogar den Nachwuchs wegnehmen? «Immerhin erziehen sie ihre Kinder zur Kriminalität», meint Ghadban. «Das Gefängnis fürchten die Clans nicht. Die Abschiebung oder den Entzug der Kinder schon.»

Ghadban ist heute als Experte anerkannt, sein Buch über die Clans, das vor einem Jahr erschien, ein Standardwerk und Bestseller. Die neue Aufmerksamkeit hat jedoch auch einschneidende Folgen: Seit er im April im libanesischen Fernsehen über die Macht der arabischen Mafia in Europa geredet hat, wird er von Clanmitgliedern in Deutschland massiv bedroht: «Wir holen dich, wir kriegen dich», haben sie ihm geschrieben. «Wir werden auf deinen Kopf treten.» An die Clans erging ein Aufruf: «Wo ihr ihn findet, seid gnadenlos.»

Jetzt muss braucht es nur noch den richtigen Umgang

Seither hat sich sein ruhiges Rentnerleben verändert. Die Polizei stellte ihn unter Schutz, eine Weile musste er untertauchen, Politik und Öffentlichkeit solidarisierten sich mit ihm. Das habe die Clans wohl erschreckt. Mittlerweile habe sich die Lage ein wenig beruhigt. «Aber eine Entwarnung gibt es nicht.» Noch immer steht er unter Polizeischutz, meidet öffentliche Verkehrsmittel, fährt viel Taxi. «In eine Shisha-Bar setze ich mich nicht. Man weiss ja nie, wem man begegnet.» Die Clanleute hätten sein Foto auf ihrem Handy gespeichert.

Wie erklärt er sich, dass er erst jetzt bedroht wird und nicht schon früher? «Das Urteil der deutschen Gesellschaft ist den Mhallami gleichgültig. Nicht aber, was die libanesische Verwandtschaft denkt.» Zum Glück lasse er sich nicht so leicht einschüchtern. «Ich bin inzwischen 70 Jahre alt und kenne mich: Wenn es hart auf hart geht, bin ich ganz bei mir.»

Auch wenn die Drohungen ihm Sorge bereiten, sieht er darin doch einen Fortschritt. «Das Thema, das so lange umstritten war, ist jetzt geklärt.» Man müsse die Menschen nicht länger davon überzeugen, dass es Clankriminalität überhaupt gibt – sondern nur noch die Frage beantworten, wie man mit ihr umgeht. «Für mich persönlich ist das eine sehr grosse Errungenschaft.» Ein Lächeln geht über sein Gesicht.

Erstellt: 15.10.2019, 20:28 Uhr

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