«Die Deutschen sterben nicht aus»

Für den Demografen Harald Wilkoszewski braucht es in Europa eine gezielte Einwanderungspolitik. Mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung könnten wir eigentlich froh sein um die vielen Flüchtlinge.

In Wärmedecken gehüllt, hat eine syrische Familie die Küste der griechischen Insel Lesbos erreicht. Foto: Santi Palacios (AP, Keystone)

In Wärmedecken gehüllt, hat eine syrische Familie die Küste der griechischen Insel Lesbos erreicht. Foto: Santi Palacios (AP, Keystone)

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Sind die Demografen gerade dabei, wegen der Flüchtlingskrise ihre Prognosen zur Entwicklung der Bevölkerung umzustürzen?
Sagen wir, dass die Prognosen nach­justiert werden müssen. Aber das ist nichts Aussergewöhnliches, weil demografische Projektionen immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden sind.

Wie kommen solche Prognosen überhaupt zustande?
Es gibt dabei vier Faktoren zu berücksichtigen: die bestehende Bevölkerungszahl, die Sterblichkeit, die Geburtenrate und die Migration.

Wie verlässlich sind diese Projektionen?
Global gesehen sind mittelfristige Projektionen zur Bevölkerungsentwicklung zuverlässig, weil wir es mit einem geschlossenen System zu tun haben – es kommen ja keine Ausserirdischen hinzu. Gehen wir auf die Ebene von Weltregionen oder von einzelnen Ländern hinunter, wird es hingegen zunehmend schwierig. Schon bei der Bevölkerungszahl ist man auf Schätzungen angewiesen, weil ja nicht jedes Jahr in jedem Land eine Volkszählung stattfindet. ­Sterbe- und Geburtenrate sind zwei vergleichsweise stabile Faktoren, aber wenn man sie bis ins Jahr 2050 oder 2060 projiziert, sind auch sie mit einiger Unsicherheit verbunden. Und der Faktor Migration, der sich von einem Jahr zum nächsten erheblich verändern kann, ist natürlich noch schwieriger zu kalkulieren.

Trifft es zu, dass gegenwärtig in keinem europäischen Land die 2,1 Kinder pro Frau geboren werden, die statistisch betrachtet für eine stabile Bevölkerungsentwicklung notwendig wären?
Ja, das ist richtig. Beim Spitzenreiter Frankreich beträgt die Fertilitätsrate 1,9, während Deutschland mit rund 1,4 eine der niedrigsten Raten aufweist (die Schweiz hat eine Fertilitätsrate von 1,5; Anm. d. Red.). Vergleichsweise hoch ist die Fertilität der nordischen Länder, was man sich gemeinhin mit der vorteilhaften staatlichen Familien- und Sozialpolitik sowie den fortschrittlichen Gesetzen zur Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt erklärt. Hingegen ist die Geburtenrate in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs stark gesunken.

Europa gilt als alternder Kontinent mit einer rapide schwindenden Bevölkerung.
Interessanterweise trifft dies auf Europa insgesamt nicht zu, im Gegenteil: Wir werden einen Zuwachs verzeichnen. Gegenwärtig leben in den 28 EU-Ländern 506 Millionen Menschen, bis 2060 dürften es 520 Millionen sein. Der natürliche, durch die niedrige Reproduktionsrate verursachte Bevölkerungsschwund wird durch die Migration nicht nur ausgeglichen, sondern ins Gegenteil verkehrt. Laut einem Bericht der europäischen Statistikbehörde Eurostat kam die Zunahme der Gesamtbevölkerung in den 28 EU-Staaten im Jahre 2014 zu 85 Prozent durch die positive Nettomigration zustande.

Wie sieht es diesbezüglich in Deutschland aus, das allein dieses Jahr mehr als eine Million Flüchtlinge aufnehmen wird?
In Deutschland ist bis 2060 ein deutlicher Bevölkerungsverlust zu erwarten, von gegenwärtig 81 auf schätzungsweise 71 Millionen. Dannzumal wird Deutschland bezüglich Einwohnerzahl in Europa nicht mehr an erster, sondern hinter Grossbritannien und Frankreich an dritter Stelle stehen. Auch osteuropäische Länder wie Polen werden deutlich weniger Einwohner haben.

Wird die Migration nicht auch die Prognosen zu Deutschland umstürzen?
Nach meiner Einschätzung wäre eine Nettozuwanderung von einer Million Menschen, wie wir sie dieses Jahr erleben, über mehrere Jahre hinweg nur schwer zu bewältigen. Deshalb wird man Massnahmen treffen, um sie zu begrenzen, während man gleichzeitig versuchen wird, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Ausserdem werden viele Syrer in ihr Land zurückkehren, wenn dort wieder Frieden herrscht, genauso, wie es zahlreiche Flüchtlinge aus dem Balkan in den Neunzigerjahren getan haben. Deshalb gehe ich für Deutschland trotz Migration langfristig von einer sinkenden Bevölkerungszahl aus.

Wie schlimm ist es, wenn die Bevölkerung schrumpft?
Das ist jetzt natürlich die Frage. Betrachten wir zunächst den politischen Aspekt. Im Moment ist Deutschland innerhalb der EU nicht nur das bevölkerungsreichste, sondern auch das wirtschaftlich potenteste Land. Diese Stellung ist mittelfristig gefährdet, weil die Grösse der Bevölkerung einen direkten Einfluss auf das Gewicht eines Landes in EU-Institutionen hat und weil Entscheidungen in der EU zunehmend nach dem Mehrheitsprinzip fallen. Die demografische Entwicklung wird in Europa zu machtpolitischen Verschiebungen führen, mit unabsehbaren Konsequenzen. Deutschland wird künftig nicht mehr mit dem Bewusstsein auftreten können, den grössten Bevölkerungsanteil Europas zu repräsentieren.

Und ökonomisch?
Dass das Schrumpfen der Bevölkerung ökonomisch von vielen als bedrohlich empfunden wird, hängt auch mit unserem auf Wachstum fixierten System zusammen – genauso wie die Tatsache, dass die Demografie als Wissenschaft eng mit der Volkswirtschaft verknüpft ist. Es gibt mittlerweile auch Demografen, welche die Chancen einer schrumpfenden Bevölkerung untersuchen, etwa, was die geringere Belastung der Umwelt betrifft. Es gibt in Ostdeutschland Regionen, in denen nicht zuletzt dank des Bevölkerungsschwundes der Wolf zurückkam.

Das ist sehr schön. Aber gibt es auch Probleme?
Die niedrigere Zahl an Arbeitskräften bedingt, dass die Erwerbsfähigen besser ausgebildet sein müssen, was wiederum grosse Investitionen in die Bildung erfordert. Dann wird sich die sogenannte Total Dependency Ratio ungünstig entwickeln – damit bezeichnet man das numerische Verhältnis zwischen Kindern unter 15 Jahren und Rentnern auf der einen und Erwerbsfähigen auf der anderen Seite. In Europa beträgt dieses Verhältnis im Moment 1 zu 2, was schon einmal knapp ist. 2060 wird es wegen der Alterung 3 zu 4 betragen, obwohl die europäische Bevölkerung wie erwähnt noch wächst. In Ländern mit schrumpfender Einwohnerzahl wird die Situation dann noch deutlich prekärer sein. Teilweise wird sich die Total Dependency Ratio sogar dem Verhältnis 1 zu 1 annähern.

Was heisst das konkret?
Jemand muss neben seinem eigenen Lebensunterhalt auch noch den einer anderen Person erwirtschaften. Mit dem jetzigen System lässt sich das ganz sicher nicht leisten, weil das Umlageverfahren allein angesichts der demografischen Entwicklung schlicht ausserstande ist, eine wachsende Anzahl Rentner mit stets längerer Lebenserwartung zu finanzieren.

Wir werden also länger arbeiten müssen.
Ja, ganz klar. Gleichzeitig ist eine Flexibilisierung des gesamten Arbeitsbereichs notwendig. Gewisse Berufe kann man nicht bis 70 ausüben, und in manchen kann man mit 60 deutlich weniger leisten als mit 30 oder 40. Aber ich warne davor, die Demografie für alarmistische Szenarien zu missbrauchen. Je nachdem, welche Zahlen man wählt und von welchen Entwicklungen man ausgeht, lässt sich fast jede Behauptung irgendwie demografisch illustrieren.

Müssten wir im Grunde genommen froh sein um die sogenannte Flüchtlingswelle? Um all diese motivierten jungen Leute?
Zunächst einmal sollte man die Asylpolitik einerseits und die Einwanderung von Fachkräften mittels einer selektiven Einwanderungspolitik andererseits klar voneinander trennen – wobei es in Europa, anders als in Kanada, den USA oder Australien, noch immer an einer politisch breit abgestützten, gezielten Einwanderungspolitik mangelt. Demografische Probleme oder Engpässe auf dem Arbeitsmarkt en passant durch die Folgen einer humanitären Katastrophe wie dem Bürgerkrieg in Syrien entschärfen zu wollen, ist keine Politik. Dann ist es so, dass demografische Entwicklungen sich nur äusserst langsam verändern, wenn sie erst einmal eingesetzt haben.

Warum?
Eine niedrige Fertilitätsrate bedeutet ja nicht nur weniger Kinder, sondern nach 20 oder 30 Jahren auch weniger junge Leute, die ihrerseits wieder Kinder haben können.

Die Einwanderung ist also keine Lösung für Deutschlands demografische Probleme?
Um die Alterung der Gesellschaft zu bremsen, also die Total Dependency Ratio zu stabilisieren, wäre in Deutschland eine konstante jährliche Nettozuwanderung von mehreren Millionen Menschen notwendig. Zynischerweise müsste man sagen: So viel Krieg, um so viele Menschen in die Flucht zu treiben, kann man gar nicht führen. Und wie die aktuelle Lage zeigt, sind Bereitschaft und Fähigkeit zur Aufnahme und zur sozialen ­Integration von so vielen Personen beschränkt.

Haben eigentlich muslimische Einwanderer eine höhere Fertilitätsrate, wie es Tilo Sarrazin behauptet?
Nein. Das Geburtenverhalten von ­Migranten passt sich an jenes der einheimischen Bevölkerung an. Manchen Studien zufolge tritt dies schon nach einem Jahrzehnt ein. Allerdings hängt der Anpassungseffekt auch vom Alter der Einwanderer sowie von den wohlfahrtsstaatlichen Leistungen des jeweiligen Aufnahmelandes ab. Jüngere weibliche Migranten etwa passen sich schneller an die neuen Gegebenheiten an als ­ältere. Die Deutschen werden nicht aussterben.

Erstellt: 22.12.2015, 10:54 Uhr

Harald Wilkoszewski

Leiter von «Population Europe»

Der Demograf ist Leiter des Brüsseler Büros von «Population Europe», dem von der Max-Planck-Gesellschaft getragenen Netzwerk der 30 führenden europäischen Institute der Demografie. Von 2011 bis 2014 war Wilkoszewski Analyst bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Als Fellow der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin leitete er von 2008 bis 2010 zwei Arbeitsgruppen zum Thema Demografie und Bildung. Wilkoszewski promovierte im Fach Social Policy an der London School of Economics and Political Science und hält einen MA in Politischer Wissenschaft von der Ludwig-Maximilians-Universität München. (ben)

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