«Die Diskussionen werden bald schärfer werden»

War die Axt-Attacke von Würzburg ein Terrorakt? Wer war der Täter? Und wie reagiert Deutschland? Antworten von Korrespondent Dominique Eigenmann.

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In der Wohnung des Axt-Täters von Würzburg hat die Polizei eine handgemalte IS-Flagge gefunden. Inwiefern ist damit der islamistische Hintergrund des Verbrechens erwiesen?
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat sich heute Morgen in einem Interview des ZDF noch sehr vorsichtig geäussert. Zunächst müsse sorgfältig ermittelt werden, ob sich die Hinweise auf ein islamistisches Motiv erhärten liessen, sagte Hermann. Schon in der Nacht hatten Ermittler vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Gemäss einem Zeugen soll der Täter im Zug «Allahu Akbar» (Gott ist gross) gerufen haben. Diese Aussage müsse nun aber mit anderen Beobachtungen und Informationen über den Täter abgeglichen werden, betonten die Ermittler. Im Moment kann man noch nicht sagen, ob es sich beim Verbrechen in Würzburg um einen terroristischen Akt im eigentlichen Sinn gehandelt hat, auch wenn vieles drauf hindeutet. Sicher ist aber, dass der Täter mit grosser Aggressivität und Brutalität vorgegangen ist.

Was heisst das?
Der Täter attackierte zunächst eine fünfköpfige Touristenfamilie aus Hongkong, mit der Axt in der einen, einem Messer in der anderen Hand. Als der Zug nach einem Notruf stoppte, ergriff er die Flucht – dabei griff er eine Passantin an und verletzte auch diese schwer. Zuletzt ging er mit Messer und Beil auf die Sondereinsatzkräfte der Polizei los, bevor er niedergeschossen wurde. (Nach Behördenangaben gab es fünf Verletzte, vier davon erlitten schwere Verletzungen. «Mindestens zwei» Opfer schweben in Lebensgefahr. Anm. d. Red.)

Der von der Polizei erschossene Täter war ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan. Gibt es über ihn neue Erkenntnisse?
Neu ist derzeit nur die Information, dass der Jugendliche offenbar im letzten Spätsommer als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Seit März dieses Jahres lebte er in einem Flüchtlingsheim in Ochsenfurt, unweit von Würzburg. Die letzten zwei Wochen war er in einer Pflegefamilie untergebracht. Viele Fragen sind noch offen. Die polizeilichen Befragungen von Pflegefamilie und Bekannten im Flüchtlingsheim haben erst begonnen.

Obwohl Motiv und Hintergrund nicht geklärt sind, dürften rechte Kreise die Bluttat von Würzburg für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.
Wenn man auf Twitter schaut, wie etwa Politiker und Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) reagieren, dann ist diese Debatte bereits in Gang gekommen. Zu lesen ist zum Beispiel, dass in Deutschland früher keine Menschen mit Axt und Messer ihr Unwesen getrieben hätten. Und man wisse ja, wem man diese Entwicklung zu verdanken habe. Weil noch nicht viel über Tat und Täter bekannt ist, wird die Debatte aber insgesamt noch sehr zurückhaltend geführt. Die Diskussionen werden aber bald schärfer werden. Es werden sich vor allem jene Leute bestärkt fühlen, die der Ansicht sind, dass der Zustrom der Flüchtlinge auch die Terrorgefahr erhöht hat. Laut Umfragen ist bereits eine Mehrheit dieser Meinung. Im Laufe des Tages dürfte sich auch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière zur Tat von Würzburg äussern.

Die Eisenbahngewerkschaft EVG fordert einen besseren Schutz für Reisende und Bahnmitarbeitende. Wird die Politik dieser Forderung Folge leisten?
Der bayerische Innenminister Herrmann sagte heute früh, dass auch in Zukunft nicht in jedem deutschen Bahnwagen ein Polizeibeamter mitfahren werde. Solche Sicherheitsmassnahmen seien unrealistisch. Er sprach sich aber dafür aus, die Polizeipräsenz insgesamt deutlich zu verstärken – und dies in ganz Deutschland. Sehr wichtig sei ausserdem, dass man «Leute, die aus dem Ruder laufen und Böses im Schilde führen», wie Herrmann sagte, frühzeitig erkenne.

Wie soll das gelingen?
Ob sich eine Person radikalisiert, nimmt in der Regel höchstens ihr nächstes Umfeld wahr. Wenn sich Leute auf Websites von Radikalen herumtreiben oder unter Radikalen verkehren, müssen entsprechende Hinweise an die Polizei gehen. In Deutschland gibt es immer wieder solche Hinweise, auch aus Flüchtlingsheimen. Nicht selten gibt es auch Festnahmen. Die lösen aber in der Regel keine grossen Schlagzeilen aus.

Erstellt: 19.07.2016, 10:34 Uhr

Dominique Eigenmann ist Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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