Die endlose Katastrophe

30 Jahre nach Tschernobyl funktionieren die sowjetischen Mechanismen weiter: In Russland, Weissrussland und der Ukraine möchte man die Opfer am liebsten vergessen.

In Slawutytsch erinnert ein Denkmal an die Opfer. Die ukrainische Kleinstadt wurde 1986 als Ersatz für das verseuchte Pripjat gegründet. Foto: Sean Gallup (Getty)

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Am frühen Morgen des 26. April 1986 geriet im heute ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl der Lenin-Reaktor ausser Kontrolle, nachdem die Ingenieure im Zuge einer Notfallübung die Kühlung ausgeschaltet hatten. Dies führte zu einer Überhitzung, der Reaktor explodierte, tonnenweise radioaktives Material wurde in die Luft geschleudert. Der technologisch rückständige Graphitreaktor begann zu brennen, es kam zur Kernschmelze – dem berühmt-berüchtigten GAU. Eine atomare Wolke stieg auf und wurde westwärts getrieben. In Finnland registrierte man am 27. April erhöhte Radioaktivität. Die ­Sowjetunion brauchte noch einen Tag länger. Am 28. April sprach der Kreml erstmals von einem Unfall. Es sei eine Kommission gebildet worden, die Lage sei unter Kontrolle.

Das war eine verbrecherische Lüge. Der Reaktor brannte fast zwei Wochen lang. Die ersten Räumungstrupps arbeiteten in leichter Baumwollkleidung, schaufelten Sand in den offen Reaktor oder warfen mit blossen Händen Graphitstücke zurück in den Schlund – sie wurden vom Regime förmlich verbrannt. Zwar war in der Sowjetunion damals seit einem Jahr Michail Gorbatschow an der Macht, der dem Land eine Öffnung verordnet hatte. In dieser Notsituation versagte er jedoch kläglich. Statt die Menschen zu informieren und lebensrettende Massnahmen zu ergreifen, verlegte man sich aufs Vertuschen und Verleugnen. Heute sagt Gorbatschow selber, dass Tschernobyl mehr zum Untergang der Sowjetunion beigetragen habe, als all seine Reformen.

Der laue Regen am 1. Mai 1986

Mit der Evakuierung der Menschen in unmittelbarer Nähe des Werkes – allein im Reaktorstädtchen Pripjat lebten fast 50'000 Männer, Frauen und Kinder – wurde erst 36 Stunden nach dem Unglück begonnen. Der 26. April 1986 sei ein wunderbarer, warmer Frühlingstag gewesen, sagen die, die dabei waren. Niemand hatte ihnen gesagt, dass sie in den Häusern bleiben sollen, die Kinder haben im atomaren Staub gespielt.

Auf weitere Evakuierungen wurde ­danach verzichtet, weil der 1. Mai vor der Tür stand, der wichtigste Jubeltag der Sowjetunion, den der Kreml auch einem GAU nicht opfern wollte. In der nahen Millionenstadt Kiew, in all den Städten und Städtchen, die heute in der Sperrzone liegen, gingen die Menschen für die Paraden auf die Strassen. Auch der 1. Mai war ein strahlend schöner Tag. Viele erinnern sich daran, dass am Abend ein lauer Regen niederging. Dass er sie und ihre Heimat verseuchte, davon hatten die Menschen keine Ahnung. Umgesiedelt wurden sie erst Tage oder Wochen später. Manche kontaminierte Dörfer wurden sogar erst nach Jahren geräumt – oder überhaupt nie. Der ganze Besitz der Umgesiedelten blieb als atomarer Sondermüll in der Zone zurück.

Seither sind die Ukraine, Russland und Weissrussland aus dem Tscher­nobyl-Desaster nicht mehr herausgekommen. Über den Reaktor wurde ein notdürftiger Betonsarkophag gebaut. Eigentlich sollte die brüchige Schutzhülle seit mehr als 10 Jahren ersetzt sein. Doch frühestens nächstes Jahr wird der mit internationaler Hilfe gebaute neue Sarkophag über die Unglücksstelle geschoben, der rund 2,3 Milliarden Franken kostet und 100 Jahre halten soll.

Desolat ist auch die Lage der sieben bis zehn Millionen Menschen, welche die Reaktorkatastrophe direkt betroffen hat. Viele der Helfer der ersten Stunde sind inzwischen tot. Den anderen wurden Renten zugesagt, medizinische Vergünstigungen, die aber im Lauf der Jahre immer mehr dahinschmolzen. Und in der gegenwärtigen schweren ­politischen, wirtschaftlichen Krisen in der Ukraine, Russland und Weissrussland, drohen die Opfer von Tschernobyl endgültig vergessen zu gehen. Wo ihr «Strahlengeld» bleibe, fragt eine alte Weissrussin ins ­Mikrofon von Radio Free Europe. Von den 1,5 Millionen weissrussischen Rubel (73 Franken) könne doch niemand leben. Manche der Umgesiedelten sind in der Verzweiflung in ihre alten Häuser zurückgekehrt, bauen dort ihr Gemüse an, essen Beeren und Pilze, obwohl das verboten ist.

Wie man über den Reaktor eine Stahldecke schiebt, möchte man am liebsten auch über das Schicksal der Menschen die Decke des Vergessens legen. Das Regime setze darauf, dass sich das Problem von selber löse und die Menschen einfach sterben, klagen die Liquidatoren, wie die 600'000 bis 800'000 Menschen genannt werden, die aus der ganzen Sowjetunion zu den Aufräumarbeiten herangezogen worden waren. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Todes­opfer die Katastrophe gefordert hat oder noch fordern wird. Je nachdem, wem man glauben will, ist die Rede von Dutzenden, von Tausenden oder gar von Hunderttausenden. In seiner Arbeitsbrigade hätten 259 Mann gearbeitet, sagt beispielsweise ein Liquidator, 71 seien mittlerweile tot, alle anderen krank. Gut einen Monat haben sie als junge Männer damals in Tschernobyl gearbeitet. Die Strahlenschutzvorkehrungen wurden nach dem Chaos der ersten Wochen zwar besser. Doch so genau hat niemand gemessen. Die registrierten Daten sind lückenhaft, geschönt oder fehlen sogar ganz. Private Dosimeter waren verboten. Schliesslich sollten die Liquidatoren nicht merken, wie gefährlich und schädlich ihr Job ist. Der Arzt habe ihm geraten, Tomaten zu essen und viel zu trinken, erinnert sich ein Betroffener im Gespräch: Die Tomaten sollten gegen das Strontium helfen und das Wasser gegen die Strahlung.

Auch heute sagt man den Opfern wieder, dass das alles nicht so schlimm war. Dass ihre Krankheiten nichts mit Tschernobyl zu tun hätten. Der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko fährt regelmässig in die Zone und isst dort Lebensmittel, um dem Land zu demonstrieren, dass alles in Ordnung ist. Weissrussland hat 70 Prozent des Fallouts der Katastrophe abbekommen, ganze Landstriche mussten aufgegeben werden. Die Kinder der Kinder von Tschernobyl, die heute noch immer nahe an der Sperrzone leben, essen diese schmutzige ­Nahrung jeden Tag.

Die Ärzte sagen, dass sie deshalb schwach sind und an einer ganzen Reihe von Krankheiten leiden. Die Kinder seien dauernd beim Arzt, fassen es die Mütter zusammen. Aktivisten, die für die Rechte der Opfer demonstrieren, werden in Weissrussland regelmässig wegen «Hooliganismus» festgenommen. Denn die Verzweiflung der Menschen darüber, wie sehr Tschernobyl ihr Leben zerrüttet hat, könnte sich leicht in Wut verwandeln gegen den einstigen sowjetischen Apparatschik und heutigen Alleinherrscher Lukaschenko.

Auch in der Ukraine spricht man nicht gerne über die Katastrophe. Die Sicherung des Unglücksreaktors hat man an das internationale Konsortium ausgelagert, das die neue Schutzhülle baut. Kiew will seine alten sowjetischen Kernkraftwerke aufrüsten. Der Atomstrom soll der Ukraine helfen, vom russischen Gas unabhängig zu werden, derzeit eine absolute nationale Priorität. In einem weiteren Schritt soll der Atomstrom dann in die EU exportiert werden. Der Krieg im Osten, die schwere Wirtschaftskrise und der Absturz der Ukrainer in die Armut, trifft die Opfer von Tschernobyl besonders hart. Die Renten für die über 2 Millionen Menschen schrumpfen oder bleiben ganz aus.

Keine Solidarität aus Moskau

Bei der Bewältigung des gewaltigen Erbes kann die Ukraine auch nicht auf die Solidarität Russlands zählen, das sich sonst gerne als Rechtsnachfolger der Sowjetunion präsentiert. Nach dem unversöhnlichen Streit zwischen den beiden Bruderländern erst recht nicht. In Russland werden die Liquidatoren noch immer gerne als die «Retter Europas» gefeiert. Ihren sozialen Status haben sie aber auch dort längst eingebüsst. Vergünstigungen wurden gestrichen oder einfach nicht der Inflation angepasst, bürokratische Hürden aufgebaut.

Zudem werden immer weniger Menschen als Opfer von Tschernobyl anerkannt. In der Region Brjansk, die von Tschernobyl am stärksten verstrahlte Region Russlands, wurden letztes Jahr zum Beispiel weite Landstriche umgezont, die Radioaktivität sozusagen auf dem Schreibtisch getilgt. Laut Greenpeace gibt es seither 300'000 Menschen weniger, die Anspruch auf Kompensationszahlungen haben.

Die alten sowjetischen Mechanismen von Lüge und Manipulation funktionieren vor allem in Weissrussland und Russland weiter. Wladimir Putin und sein Amtskollege Lukaschenko wählen ihre Leute nicht nach Kompetenzen, sondern nach Loyalitäten aus. Das Fernsehen haben sie unter Kontrolle, News über das Internet spielen kaum eine grössere Rolle als die Westsender während der Sowjetunion. Diese Regime funktionieren ohne Kontrollen, ohne Notfallpläne und ohne Rechenschaftspflicht.

Die Ukraine steht am Scheideweg, ob auch sie zu diesem alten sowjetischen Modell zurückkehren will, das vor 30 Jahren für eine schöne Scheinwelt den GAU geleugnet und damit in Kauf ­genommen hat, dass sich das Leid der Bevölkerung auf Generationen hinaus drastisch erhöht hat. Diese menschenverachtende Logik ist neben Strahlung und Krankheit ein weiterer Teil des schweren Erbes dieser Katastrophe ohne Ende.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2016, 23:14 Uhr

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