«Die Flüchtlinge weigern sich, den Zug zu verlassen»

Am Bahnhof im ungarischen Bicske sitzen Hunderte Flüchtlinge fest. Korrespondent Bernhard Odehnal ist vor Ort: Er berichtet von katastrophalen Zuständen.

Sie wollen weiter nach Österreich: Aufgebrachte Flüchtlinge in Bicske.

Sie wollen weiter nach Österreich: Aufgebrachte Flüchtlinge in Bicske. Bild: Keystone

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Die ungarische Polizei hat in Bicske in der Nähe von Budapest einen Zug mit Flüchtlingen gestoppt. Wie ist die Lage vor Ort?
Die Menschen schwanken zwischen Resignation und Wut. Seit Mittag sitzen sie fest auf dem Bahnhof von Bicske. Etwa 500 Flüchtlinge befinden sich in den sechs Waggons, die mehrheitlich nicht klimatisiert sind. Es ist drückend schwül an diesem Nachmittag, das macht das Warten noch schlimmer. Manche Flüchtlinge sind der Ohnmacht nahe. Einige Menschen wurden bereits aus dem Zug geholt. Die ersten zwei Sanitäter tauchten erst nach etwa drei Stunden auf. Ansonsten gibt es überhaupt keine Versorgung für die Flüchtlinge. Die Zustände in Bicske sind katastrophal.

Dramatische Szenen auf ungarischem Provinzbahnhof: Weil der Zug nicht nach Österreich fuhr, sondern gestoppt wurde und...

Posted by SRF News on Thursday, September 3, 2015

Weshalb wurde der Zug in Bicske angehalten?
Hier gibt es eines der grössten Aufnahmelager Ungarns. Vermutlich wollte die Polizei die mit dem Zug aus Budapest kommenden Flüchtlinge in das Lager bringen. Die Flüchtlinge weigerten sich jedoch, den Zug zu verlassen, denn sie wollen sich nicht registrieren lassen. Sie hoffen, dass sie doch noch weiterfahren können nach Österreich – und dann nach Deutschland. Im Moment weiss niemand, wie es weitergeht. Die Entscheidungen werden getroffen. Möglicherweise in Brüssel, wo der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban derzeit Gespräche mit EU-Spitzen führt.

Was tut die ungarische Polizei?
Sie verhält sich passiv. Es hat viele Polizisten, die mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüstet sind. Sie sind nicht aggressiv, sondern unsicher und unfreundlich. Sie achten darauf, dass keiner der Flüchtlinge den Bahnsteig verlässt. Die Polizei liess zuerst Journalisten zu, drängte sie aber später vom Bahnsteig zurück in das Bahnhofsgebäude. Man hat den Eindruck, dass die 500 Flüchtlinge von der ungarischen Regierung als Geiseln gehalten werden. Unter den Flüchtlingen sind viele junge Männer aus Syrien und Afghanistan, aber auch Kinder und alte Menschen. Nachdem sie seit Stunden festsitzen, wird ein Teil der Flüchtlinge immer wütender.

Wie äussert sich diese Wut?
Es sind vor allem junge Männer, die aufgebracht sind. Sie schreien und werfen volle Wasserflaschen aus den Zugfenstern. Einige Flüchtlinge halten handgeschriebene Zettel an die Waggonfenster – darauf steht zum Beispiel «Hungary will kill us», «Death or Freedom», «We want to go to Germany» oder auch «Unsere Kinder brauchen Luft».

Und wie ist die Lage in Budapest?
Am Keleti-Bahnhof in Budapest halten sich 4000 bis 5000 Flüchtlinge auf. Es gibt Gerüchte von Hungerstreiks. Die Situation ist immer noch sehr angespannt.

Erstellt: 03.09.2015, 17:16 Uhr

Bernhard Odehnal ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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