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«Die Frage ist nur, wann sie geht»

Die Autorität von Theresa May ist schwer beschädigt. Unser Korrespondent Peter Nonnenmacher sagt, weshalb sie als Premierministerin keine Zukunft hat.

Nach einem kurzen Treffen mit Königin Elizabeth II. bestätigte May vor ihrem Amtssitz, dass sie weiterhin plane, Premierministerin ihres Landes zu bleiben: Theresa May betritt mit ihrem Gatten Philip den britischen Regierungssitz an der 10 Downing Street. (9. Juni 2017)
Nach einem kurzen Treffen mit Königin Elizabeth II. bestätigte May vor ihrem Amtssitz, dass sie weiterhin plane, Premierministerin ihres Landes zu bleiben: Theresa May betritt mit ihrem Gatten Philip den britischen Regierungssitz an der 10 Downing Street. (9. Juni 2017)
Justin Tallis, AFP
Theresa May kündigt eine Regierung zusammen mit der wichtigsten protestantisch-unionistischen Partei Nordirlands an, der Democratic Unionist Party (DUP): die Premierministerin (r.) mit der DUP-Chefin Arlene Foster. (Archiv)
Theresa May kündigt eine Regierung zusammen mit der wichtigsten protestantisch-unionistischen Partei Nordirlands an, der Democratic Unionist Party (DUP): die Premierministerin (r.) mit der DUP-Chefin Arlene Foster. (Archiv)
Charles McQuillan/PA, File via AP, Keystone
Ihre konservative Partei lag zuletzt in einigen Umfragen nur noch mit Prozentzahlen im einstelligen Bereich vor der oppositionellen Labour-Partei: Premierministerin Theresa May geht zur Wahl in Maidenhead.
Ihre konservative Partei lag zuletzt in einigen Umfragen nur noch mit Prozentzahlen im einstelligen Bereich vor der oppositionellen Labour-Partei: Premierministerin Theresa May geht zur Wahl in Maidenhead.
AP Photo/Alastair Grant, Keystone
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Theresa May tut so, als sei nichts passiert. Kritiker sprechen von Realitätsverweigerung. Kann sie diese Wahlschlappe einfach aussitzen?

Selbst Theresa May muss inzwischen wissen, dass das unmöglich ist. Niemand respektiert sie mehr. Ihre eigene Partei ist an diesem Wochenende in hellem Aufruhr. Die ganze Europa-Frage explodiert wieder in der Konservativen Partei. Die Wähler haben Mays Verlangen auf ein Mandat mehrheitlich abgelehnt. Und in Europa gelten ihre Forderungen nichts mehr. Ihr ganzes Ansehen hat sie verspielt. Und dem Land hat sie enorme neue Probleme beschert.

Ist das Bündnis tragfähig, das sie mit Nordirlands Unionisten eingegangen ist?

Nein, es wird keinen Bestand haben. Möglicherweise muss es dieses Jahr noch einmal Neuwahlen geben. Die Situation, die sie herbeigeführt hat, ist chaotisch. Das ist ihre Verantwortung. Sie kann nirgendwo hin ausweichen. Die Frage ist wirklich nur, wann sie aus dem Amt gedrängt wird, oder wann sie selbst die Nerven verliert.

Es hat sich in den letzten 36 Stunden viel Zorn auf May aufgestaut.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich auch die eigene Partei gegen die Premierministerin wendet?

Die Tories sind in einem Dilemma. Wollen sie einen mehrwöchigen Kampf um Neuwahlen für die Parteispitze in Kauf nehmen - ausgerechnet jetzt, wo die Austritts-Verhandlungen mit der EU anlaufen sollen, wo eine starke und stabile Regierung in London nötig wäre? Und wie würden sich die beiden Flügel der Partei arrangieren, die nun wieder aufeinander einschlagen? Kein Ahnung, wie das laufen soll. Andererseits: Es hat sich so viel Zorn auf May in den letzten 36 Stunden im Tory-Lager angestaut, dass schwer zu sehen ist, wie es mit May weiter gehen könnte. Die ersten Abgeordneten haben schon ganz offen ihren Rücktritt verlangt. Und ihre engsten Berater hat May an diesem Nachmittag bereits entlassen müssen.

Falls sie abtritt, wer steht als Nachfolger bereit?

Von Boris Johnson hört man ja schon, dass er unruhig seine Kreise zieht - was zu erwarten war. Schatzkanzler Philip Hammond hat in den letzten Monaten zwar auch nicht sehr glücklich laviert, wäre aber als Kandidat den konservativen Pro-Europäern lieber, die sich jetzt erstmals wieder an die Öffentlichkeit wagen. Hammond hatte ja, wie May, beim Referendum voriges Jahr, für Verbleib in der EU plädiert. Im Augenblick herrscht allerdings so ein Aufruhr bei den Tories, dass man mit Voraussagen lieber vorsichtig ist.

Die May-Katastrophe dürfte den Pro-Europäern neuen Auftrieb geben.

Labour-Chef Jeremy Corbyn ist es gelungen die jungen Briten zu mobilisieren. Welche Rolle wird er nun spielen? Und was heisst das für die Zukunft des Landes?

Wie man hört, bereitet Corbyn schon eine eigene Regierungserklärung für den Tag der Thronrede vor, den 19. Juni. Vor ein paar Tagen hätte man so eine Idee noch absurd gefunden. Jetzt passt sie perfekt ins Bild. Das zeigt auch, was für gewaltige Umbrüche diese Wahl hier im Land ausgelöst hat. Die jungen Leute und die Brexit-Gegner haben erstmals ihre Stimme gefunden - und sie auch abgegeben. Die Labour-Strategen denken inzwischen schon an die nächsten Wahlen, vielleicht im Herbst. Sie wittern eine grössere Chance. Was die nächsten Tage und Wochen betrifft, werden sie, zusammen mit den anderen Oppositionsparteien, jedenfalls mehr Einfluss zu nehmen suchen. Auch innerhalb der Labour Party dürfte die May-Katastrophe den Pro-Europäern neuen Auftrieb geben. Das wird sich schnell zeigen.

Video - Einschätzung

Der Co-Auslandchef des Tages Anzeigers zur Wahl in Grossbritannien (Quelle: Tamedia)

Europa rätselt nach dieser Konterrebellion. Was wollen die Briten überhaupt?

Das fragen sich die Briten auch. Vielen sind offenbar Zweifel an Mays Doktrin eines knallharten Brexit gekommen, an ihren endlosen Drohungen, die Gespräche platzen zu lassen. Der ganze Stil Mays und das selbstherrliche Auftreten ihrer Hardline-Brexiteers seit dem letzten Sommer, das alles ist auch moderaten Tories bitter aufgestossen und hat zur unerwarteten «Revenge of the Remainers», zur Rache der Pro-Europäer, geführt.

Es ist nicht mehr unmöglich, dass der Brexit kippt. Dank Theresa May! Wer hätte das gedacht?

Was heisst das für den Brexit?

Ich würde mal vermuten: Die EU wird mit ihrem 28.Mitgliedsstaat etwas Geduld brauchen. Die Politik in London muss erst zur Besinnung kommen. Niemand steht in neun Tagen wirklich zu Verhandlungen mit der EU in Brüssel bereit. Das Parlament hier, in seiner neuen Zusammensetzung, ist nicht mal in der Lage, mit dem Berg all der nötigen Beschlüsse und Änderungen fertig zu werden, die im Zuge des Brexit anfallen. Wo ist die Regierungsmehrheit, die das durchsetzen soll? Der harte Brexit, wie ihn May angepeilt hat, ist meiner Ansicht nach so gut wie tot.

Könnte der Brexit am Ende gar noch kippen?

Was ich an diesem Samstag sehe, ist ein Versuch auf breiter Basis, quer durch alle Parteien, einen Weg zu einem weichen Brexit zu finden, also zumindest zum Verbleib im Binnenmarkt, zu einer engen Ankoppelung an die EU. Aber unmöglich ist es mittlerweile nicht mehr, dass auch noch der ganze Brexit kippt. Dank Theresa May! Wer hätte das gedacht?

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