Die Fratze wandelt sich zum Gesicht

Der Front National holt vermehrt Stimmen bei Jungen. Marine Le Pens Partei ist immer mehr eine Partei für alle und nicht nur für Arbeitslose und Rentner.

Front-National-Anhänger feiern in Le Pontet bei Avignon den Wahlerfolg der Partei. Foto: Jean-Paul Pelissier (Reuters)

Front-National-Anhänger feiern in Le Pontet bei Avignon den Wahlerfolg der Partei. Foto: Jean-Paul Pelissier (Reuters)

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Lange Zeit haben die Franzosen den Front National (FN) nur als ein Gespenst wahrnehmen wollen, als rechtsextreme Partei, die zur politischen Landschaft dazugehören mag, aber letztlich nie die Volksmassen mobilisieren und an die Macht kommen kann. Als eine Partei also, die viel Lärm um nichts macht, weil sie gerade mal über zwei Abgeordnete in der Nationalversammlung verfügt – einer davon hat nicht einmal ein Parteibuch –, weil sie zudem kein Departement regiert, keine Region anführt und nie politische Verantwortung über das Lokale hinaus übernommen hat.

Das hat sich an diesem Wahlsonntag verändert. Der Front National ist zur stärksten politischen Kraft in Frankreich geworden. Es ist möglich, dass er am kommenden Wochenende zumindest zwei Regionen übernimmt. Für die rechtspopulistische Partei ist das ein grosser, mehr als nur ein symbolischer Erfolg. Es ist der Beweis dafür, dass der Wandel erfolgreich war, dass sich das Gesicht des FN von einer bedrohlichen Fratze, der des alten Le Pen, in das einer starken Frau verwandelt hat, die den Franzosen Hoffnung vermittelt.

Zu simple Erklärungen

Jean-Marie Le Pen, Gründer des Front National, wollte nie an die Macht. Er hatte Spass daran, den ewigen Troublemaker zu spielen, das politische Establishment zu beschimpfen und regelmässig durcheinanderzubringen. Seiner Tochter Marine hingegen, die vor vier Jahren die Partei übernommen und jüngst den Vater mundtot gemacht hat, schwebt nur ein einziges Ziel vor: Sie will die Macht. Marine Le Pen will Präsidentin von Frankreich werden. Die Regionalwahl versteht sie als letzte Stufe auf dem Weg dahin.

Auch wenn der Schock tief sitzt, wäre es falsch, zu behaupten, dass sie auf dem besten Weg ist, ihr Ziel zu erreichen. Aber auszuschliessen ist es nicht mehr. Alle Analysten sind sich nach dieser Wahl einig: Weil der FN kein wirkliches Programm vorzuweisen hat, handelt es sich um eine klare Protestwahl, um den Ausdruck von Wut und Enttäuschung. Das aber ist eine zu simple Erklärung. Sie bestätigt, was Marine Le Pen die ganze Zeit predigt: dass es eine politisch-journalistische Klasse in Paris gibt, die von den Wirklichkeiten des Landes abgekapselt ist. Es ist falsch, die Wähler jetzt wie wütende Kinder zu behandeln. Denn diese Erklärung der Protestwahl legt nahe, dass sich die enttäuschten Wähler bei der nächsten Runde, spätestens bei der Präsidentschaftswahl, wieder beruhigen werden.

Das alte Modell hat ausgedient

Das aber ist unwahrscheinlich. Denn aus ihrer Politikverdrossenheit ist längst Politikverachtung geworden. Im fröhlichen Wechsel sind seit Jahrzehnten rechts und links abwechselnd abgewählt und wieder an die Macht gehoben worden. Das Modell der Alternanz hat inzwischen ausgedient. Die Franzosen wollen richtige Veränderung. Der FN verspricht sie, Marine Le Pen verkörpert sie.

Auf den Wahlveranstaltungen des Front National fällt vor allem eines auf: Die Anhänger sind jung. Die Statistiken bestätigen den Eindruck. Noch vor wenigen Jahren durfte man sich den FN-Wähler als älteren Menschen aus ländlichen Regionen vorstellen. Inzwischen hat der FN seine grösste Anhängerschaft unter den Jungwählern. 35Prozent der 18- bis 24-Jährigen, hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos kurz vor dem Wahlgang ergeben, waren entschlossen, den Front National zu wählen.

Zwei Drittel der Angehörigen dieser Altersgruppe bezeichnen sich zwar als komplett unpolitisch und gehen nicht wählen, aber von denjenigen, die sich politisch engagieren wollen, fühlen sich viele zum FN hingezogen. Und entgegen allen Erwartungen hat der FN bei den Rentnern am wenigsten Erfolg. Die Generation, die noch den Zweiten Weltkrieg und seine unmittelbaren Folgen miterlebt hat, die Altersklasse ab 60 also, widersteht dem rechtspopulistischen Sirenengesang am stärksten.

In den traditionell progressiven, sozialistischen Regionen wie der Bretagne und der Aquitaine und der sehr städtischen Ile-de-France ist es dem FN nicht gelungen, sich durchzusetzen. Auffallend ist, dass er in sehr ländlichen, wenig urbanisierten Regionen am stärksten ist. «In diesen ruralen Zonen verschwindet die öffentliche Dienstleistung nach und nach», analysiert der Soziologe Frédérick Lemarchand; «in der Bevölkerung, bei den Bauern, den Chefs von kleinen Unternehmen und Handwerksbetrieben der unteren Mittelschicht herrscht das Gefühl von Prekarität und Verletzlichkeit. Sie fühlen sich vom Staat aufgegeben. Der FN antwortet auf diese Ängste.»

Auch die Elite ist beim FN

Auch sozial hat der FN seine Wählerschaft über sämtliche Gesellschaftsschichten erweitert. Er ist längst nicht mehr nur die Partei der gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängten Schichten der Bevölkerung. Inzwischen hat er sich in einem gut situierten, bourgeoisen Milieu etabliert. Bei der letzten Präsidentschaftswahl haben 20 Prozent der Firmenchefs für Marine Le Pen gestimmt. Und in einer der reichsten Kommunen Frankreichs, in Neuilly-sur-Seine, hat der FN bei unterschiedlichen Wahlen zwischen 2012 und 2014 um 31 Prozent zugelegt. Noch gibt es keine soziologische Wahlanalyse des jüngsten Urnengangs. Aber alles deutet darauf hin, dass die Partei mehr und mehr Vertreter der unterschiedlichsten sozialen Schichten anspricht.

Auch das ist Teil einer gut durchdachten Strategie. Unter der Führung von Marine Le Pen ist Florian Philippot, ein Absolvent der Eliteschule ENA, Parteivize geworden. Le Pen hat damit gegen den Widerstand in der eigenen Partei, die immer die Gegenpartei der etablierten Politiktechnokraten sein wollte, eine Art intellektuelle Öffnung demonstriert. Unlängst hat der FN in einer anderen Eliteschule, Sciences Po, eine studentische Vertretung gegründet. Auch das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Zusammen genommen sind das alles Versuche, der rechtspopulistischen Partei einen Anstrich von Normalität geben zu wollen. Es hat offensichtlich funktioniert.

50 Prozent Wahlverweigerer

Wie die Wahlen am Sonntag ausgehen werden, hängt vor allem von denjenigen ab, die sich beim ersten Wahlgang nicht zu den Urnen bemüht haben. Denn anders als von vielen erhofft, haben die Attentate vom 13. November kein «ziviles Erwachen» bewirkt. Mit 50 Prozent lag die Wahlbeteiligung zwar etwas über dem ersten Wahlgang der letzten Regionalwahlen, aber das heisst auch: Fast die Hälfte der Franzosen sind nicht an die Urnen gegangen.

In Wahrheit ist deshalb nicht der Front National Frankreichs stärkste Partei, sondern die grosse Masse der Wahlverweigerer. Noch mehr als die Wähler des FN drücken sie damit Wut und Enttäuschung angesichts einer Politik aus, die seit Jahrzehnten versagt. Ihre Verweigerung ist Ausdruck eines tief sitzenden Misstrauens gegenüber einer Politikerklasse, die unter der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy ihre politische Glaubwürdigkeit komplett verspielt hat.

Erstellt: 08.12.2015, 08:19 Uhr

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